"Wiener Zeitung": Vor fünf Jahren hat die Tragödie von Rana Plaza viele Konsumenten zumindest kurzfristig wach gerüttelt. Die billige Kleidung in Europa und in den USA, wird unter lebensgefährlichen Umständen in Bangladesch hergestellt. Mit dem nun auslaufenden Bangladesch-Accord haben sich viele Unternehmen freiwillig für bessere Standards in der Produktion verpflichtet. Hat sich die Situation verbessert?

Humaira Aziz kämpft bei NGO Care Bangladesch für die Rechte von Frauen. - © Care
Humaira Aziz kämpft bei NGO Care Bangladesch für die Rechte von Frauen. - © Care

Humaira Aziz: Bezüglich der Sicherheit der Gebäude hat sich tatsächlich einiges verbessert. Doch das Leben eines Textilarbeiters besteht aus viel mehr. Die meisten Einkäufer meinen noch immer, dass sie weder ihren Konsumenten Rechenschaft schuldig sind, noch dem Staat, aus dem heraus sie operieren. Denn diese Importunternehmen unterliegen diesbezüglich keinen Gesetzen. Sie erschaffen sich dann stattdessen ihre eigenen "Standards". H&M macht seine eigenen Standards. Walmart macht seine eigenen Standards. Das macht es für Regierungen schwierig, sich mit den "Standards" auszukennen.

Unternehmen äußern inzwischen oft die besten Absichten, sagen aber, dass es fast unmöglich sei, bei all den Zulieferketten auf der sicheren Seite zu sein. Gibt man etwas bei Produzent A in Auftrag, lagert der es gleich bei B und C aus, die der ursprüngliche Auftraggeber gar nicht kennt.

Unserer Erfahrung nach haben die Einkäufer durchaus eine profunde Kenntnis über die jeweilige Kleiderfabrik. Denn die muss ja inzwischen ein paar Tests durchlaufen haben, um die Zertifikate für Sicherheitsstandards und Arbeitsrechte zu bekommen. Also haben die Einkäufer jetzt zumindest Zugang zu diesem Informationssystem, weil sie es ja erfunden haben. Es stimmt, dass Subunternehmer da oft außen vor gelassen werden. Es liegt an den Einkäufern, das System zu verbessern.

Aber der Einkäufer ist ja nicht ständig vor Ort, um die Situation zu überwachen . . .

Ja, das behaupten sie. Aber wenn man im Textilgeschäft tätig ist, dann kennt man seine Bestellung. Und man kennt auch seine Fabrik. Und man kennt die Kapazität dieser Fabrik. Also wenn die Textil-Bestellung die Kapazität der Fabrik offensichtlich übersteigt, dann weiß der Auftraggeber ganz genau, dass sein Auftrag ausgelagert wird. Wenn ein Einkäufer Informationen haben will, dann kann er die bekommen. Man kann sich umhören, man bekommt Referenzen.

Was kann der Konsument in Europa, in den USA, beitragen, um die Situation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu verbessern?

Bei der Textilindustrie handelt es sich um eine riesige Wertschöpfungskette. Es ist wirklich nicht zuviel verlangt, von den Importeuren zu fordern, dass sie sich an Standards zu halten haben - und an welche. Diese Transparenz muss da sein.