Sanaa. (dpa) Jeden Tag im Morgengrauen beginnt für die jemenitische Landwirtin dieselbe Routine, seit fast 30 Jahren: Sie steht auf, zieht Arbeitskleidung an, greift sich ihre Geräte und läuft zu ihren Pflanzen. Die brennende Sonne hat ihre Haut tiefbraun gefärbt, aber Ahlam al-Alaja summt bei der Arbeit immer noch jemenitische Volkslieder, ihr Gesang mischt sich mit dem Zwitschern der Vögel.

Ahlam baut Kath an, eine Pflanze, die ihrer Familie seit langem ein Einkommen beschert. Die Bäuerin lebt in der nordjemenitischen Region Hamdan, wo der beste Kath wächst, für den auf den Märkten in der Hauptstadt Sanaa gute Preise bezahlt werden. Trotzdem stellt die Pflanze nicht nur für die 35-Jährige, sondern für die Wirtschaft des armen Landes im Süden der Arabischen Halbinsel eine große Bürde dar - vor allem jetzt im Bürgerkrieg, der dort seit vier Jahren tobt.

Tief verankertes Ritual

Nirgendwo anders ist Kath so beliebt wie im Jemen. In manchen Landesteilen kauen 90 Prozent der Männer regelmäßig die grünen Blätter der Pflanze und geben sich der berauschenden Wirkung hin, wegen der Kath anderenorts als Droge verboten ist. Im Jemen ist gemeinsames Kauen ein tief in der Gesellschaft verankertes Ritual. "Wenn jemand kaut, dann täglich, meistens drei bis sechs Stunden", sagt Peer Gatter, Buchautor und Verfasser einer Kath-Studie der Weltbank.

Selbst in Ministerien gibt es eigene Räume für das Kath-Kauen - dort werden oft wichtige Entscheidungen gefällt. Fachleute warnen aber schon seit langem vor den negativen Folgen des Kath-Konsums nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für die Wirtschaft.

Für die Bauern ist der Anbau attraktiv, denn er bedeutet im Vergleich zu anderen Pflanzen weniger Aufwand, garantiert aber stabil hohe Preise. Weil die Blätter fast nur auf lokalen Märkten verkauft werden, sind auch die Transportwege kurz und unproblematisch.

Eine durstige Pflanze

Kath ist aber auch eine durstige Pflanze. Mehr als ein Drittel des Wassers, das Jemens Landwirtschaft verbraucht, fließt in den Anbau der Grünpflanze, deren Stauden in Höhenlagen am besten gedeihen. Schon seit Jahren sinkt der Grundwasserspiegel in dem trockenen Land. Die Wasserkrise verschärft sich mehr und mehr, auch wegen des Klimawandels. Um es aus immer größeren Tiefen holen zu können, brauchen die Bauern Pumpen, die mit Generatoren betrieben werden.

Doch seit Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen schiitischen Houthi-Rebellen und regierungstreuen Truppen sind die Benzinpreise drastisch gestiegen. Zehn Stunden am Tag müsse sie ihre Kath-Pflanzen bewässern, sagt die Bäuerin Ahlam. Allein eine Stunde koste sie 20 US-Dollar - eine immense Summe in einem der ärmsten Länder der Welt.