London. Über der Abschlussmesse in Dublin ragte dasselbe Kreuz, das vor 39 Jahren bei dem triumphalen Besuch von Papst Johannes Paul II. errichtet wurde. Dieser wurde damals wie ein Rockstar gefeiert - während bei der Abschlussmesse von Papst Franziskus am Wochenende große Lücken sichtbar waren. Scheinbar war damals die katholische Welt in Irland noch so gefestigt wie die erzkonservativen Dogmen des polnischen Pontifex. Sein argentinischer Nachfolger auf dem Stuhl Petri besuchte die grüne Insel auf dem Höhepunkt einer gewaltigen Krise der Kirche, die eng mit Staat und Gesellschaft verbunden war.

Die nicht abreißende Serie von Tragödien und Skandalen haben in der einst so klerikal dominierten Republik zu einer kulturellen Revolution geführt. Irland hat seine "römische Seele" verloren, die in den Liedern der Freiheitskämpfer im Aufstand gegen die britischen Kolonialherren besungen wurde.

Das Trauma der klerikalen Übergriffe und Peinigungen hat die Dominanz der Kirche in allen Bereichen der Gesellschaft zerstört und die Wandlung zu einem modernen, säkularen Staat beschleunigt. All die "Todsünden", gegen die der Klerus wetterte, werden auch von der weltlichen Justiz nicht mehr verfolgt. Verhütungsmittel sind nun ebenso erlaubt wie es die Scheidung ist. Als erstes Land in Europa legitimierte Irland die gleichgeschlechtliche Ehe und wählte einen Regierungschef, der sich offen dazu bekannte. Und dieses Frühjahr wurde das drakonische Abtreibungsverbot nach einen Volksentscheid aus der Verfassung gestrichen.

In Verruf geraten

Noch immer bekennen sich fast 80 Prozent der Iren laut der letzten Volkszählung zum katholischen Glauben, doch in den Großstädten besuchen gerade noch zwei Prozent regelmäßig die Messe. Dank des wirtschaftlichen Aufschwungs in der EU brauchen junge begabte Iren nicht mehr als Priester, Mönche oder Nonnen den Ausweg aus der sozialen Misere zu suchen. Vielfach wird die Auszehrung der geistlichen Berufe durch Priester und Nonnen aus Afrika und Asien kompensiert, wo der Katholizismus noch eine wachsende Religion ist.

Kilian in Süddeutschland, Gallus in der Schweiz und Virgil in Österreich gehören zu den vielen Missionaren von der Insel der "Heiligen und Gelehrten" die vor 1500 Jahren das Christentum im Europa diesseits der Alpen einführten. In ihren "Schottenklöstern" herrschten die Prinzipien von Askese und Barmherzigkeit. Das Gegenteil davon brachte die katholische Kirche in Irland in Verruf. Dass Papst Franziskus dies offen ansprach, mag vielleicht dieses verderbliche Image korrigieren und die Basis zu einem neuen Verhältnis der heutigen Iren zur "Religion ihrer Väter" schaffen.

Die Menschen erwarten freilich, dass der durch den harten Sparkurs gehemmte Staat im Gesundheitswesen, in der Erziehung und in den sozialen Einrichtungen die dominierende Rolle übernimmt, die die Kirche noch immer spielt. Und die Opfer des Missbrauchs und der Peinigung finden nur wenig Trost in der Sympathie und den Gebeten des Papstes. Sie wünschen, dass Franziskus endlich konkrete Maßnahmen ergreift und diesen Skandal bekämpft, der die Kirche zerfrisst. Sie erinnern den Papst an das Johannesevangelium: "Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit."

Irland war ein Wachruf für den Papst, den dieser nicht länger überhören kann.