Addis Ababa. Mit dem neuen Premierminister Abiy Ahmed hat ganz Äthiopien im April Hoffnung geschöpft. Ahmed hat einen Doktor in Konfliktlösung, seine Eltern gehören sowohl der Ethnie der Oromo als auch der der Amhara an. Das Verstehen von verschiedenen Ethnien ist in dem Vielvölkerstaat Äthiopien wichtiger denn je. Denn die regierende Einheitspartei EPRDF (Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker) ist seit 1991 an der Macht. Sie hat das riesige afrikanische Land in eine föderale Republik mit Regionalstaaten unterteilt. Diese Regionen wurden anhand der ethnischen Linien gezogen. Doch wie so oft lässt sich eine genaue Trennlinie der Nationalitäten nicht ziehen, Menschen leben dies- und jenseits der jeweiligen Grenzen.

Dazu kommt, dass Äthiopien, nach Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas, ständig mit seiner Ernährungssicherheit kämpft. Hier sind Bevölkerungswachstum, Bodenerosion, mangelhafte Bewirtschaftung und Lagerung, Klimawandel und die berüchtigten Dürren des Landes zu nennen.

Der Konflikt um die jeweilige Daseinsvorsorge, die oft gleichbedeutend mit dem Besitz von Boden ist, entlädt sich immer wieder in ethnischen Konflikten. Gerade jetzt, wo sich das Land in einer Übergangsperiode befindet - dank des neuen Premiers. Der löste Hailemariam Desalegn ab, der mit eiserner Faust versucht hatte, Konflikte zu unterdrücken.

Übergangsperiode im Regierungsstil

In Desalgens Amtszeit fielen etwa die 140 Toten bei Protesten in der Hauptstadt Addis Ababa im Jahr 2016. Damals wollte die Regierung mittels eines Masterplans Addis weiterentwickeln und die Expansion der Metropole vorantreiben. Das wäre allerdings auf Kosten des Landes der Oromo-Bevölkerung gegangen, die mehrheitlich unter anderem um die Hauptstadt herum lebt.

Abiy Ahmed versucht nun, das enge Sicherheitskorsett des Landes zu lockern. Er fährt die Militärpräsenz zurück, er hat das Notstandsgesetz seines Vorgängers aufgehoben und tausende politische Gefangene freigelassen.

Der Geist des Protestes ist seitdem aber nicht gänzlich abgeebbt. Speziell die Oromia, die die größte Ethnie innerhalb Äthiopiens darstellen, haben auf einmal eine gemeinsame Stimme gefunden, um ihr Gefühl der Benachteiligung Ausdruck zu verleihen.

Und während Äthiopien Frieden mit Eritrea schließt, gibt es noch immer zehntausende Vertriebene an der Grenze der Oromia- und Somali-Regionen. Doch es ist eine neue Krise, die alles in den Schatten stellt: Im heurigen Jahr sind rund eine Million Binnenflüchtlinge neu hinzugekommen.