Wien. Chemische Substanzen, die aus Menschen furchtlose Soldaten, ja Kampfmaschinen machen sollen? Das gibt es und hat es gegeben, wie der deutsche Journalist Norman Ohler in seinem Buch "Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich", erschienen bei Kiepenheuer&Witsch, beschreibt.

Es hat Nazis auf Hochtouren gebracht: Pervitin. Auch die Soldaten der Wehrmacht bekamen die Droge reichlich verabreicht. - © Jan Wellen - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20294993
Es hat Nazis auf Hochtouren gebracht: Pervitin. Auch die Soldaten der Wehrmacht bekamen die Droge reichlich verabreicht. - © Jan Wellen - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20294993

Dabei geht es in erster Linie um Pervitin, heute als Crystal Meth bekannt. Unglaubliche 35 Millionen Einheiten dieser Substanz bestellte die deutsche Wehrmacht bei der Firma Temmler für den Frankreich-Feldzug 1940 - und die Droge wurde von den Landsern eifrig eingenommen.

Pervitin hat eine euphorisierende Wirkung, verhindert Müdigkeit und versetzt den Konsumenten in die Lage, scheinbar unbegrenzt belastbar zu sein. Perfekt für Hitlers Krieg im Westen, als deutsche Soldaten innerhalb weniger Wochen per Panzer an die Kanalküste rasten. Scheinbar ohne zu schlafen oder zu rasten. Bevor die französischen Stäbe wussten, was los war, hatten sie den Krieg auch schon verloren.

Die Wirkung von Pervitin wird von Ohler als "neuronales Feuerwerk" beschrieben: Schlagartig fühle sich der Konsument hellwach, empfinde eine Energieerhöhung, die Sinne wären "bis aufs Äußerste geschärft". Das Selbstvertrauen steige, es komme zu einer subjektiv empfundenen Beschleunigung der Denkprozesse und "einem Gefühl der Leichtigkeit und Frische".

Vor allem aber nimmt die Droge die Furcht beim Angriff, reduziert jeden Skrupel. Nach Ansicht der Obersten Heeresleitung sollte die Wehrmacht aus "beseelten Motoren" bestehen, "unbeschränkt belastbar bis zum Endsieg".

Der Kick von Pervitin, damals als "Panzerschokolade" oder "Hermann-Göring-Pillen" in aller Munde, hielt über lange Zeit an. Heute weiß man, dass das Mittel süchtig macht auf längere Sicht den Organismus und die Psyche ruiniert und schließlich zum völligen Zusammenbruch führt.

Doping für das Vaterland

Die Droge wurde in Deutschland schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im großen Stil von Zivilisten konsumiert. Von Studenten, die Prüfungsstress hatten, von Fließbandarbeitern, Möbelpackern, Nachtwächtern und Schauspielern, die unter Lampenfieber litten. Die schädliche Wirkung war bekannt, wurde aber nicht sehr ernst genommen.

Ohler führt in seinem Buch das Beispiel Erwin Rommel an, der als "Wüstenfuchs" in Nordafrika bei den Briten für Angst und Schrecken sorgte. Rommel war dafür bekannt, dass er ständig Zick-Zack fuhr, scheinbar überall zugleich war - nicht selten auch in der ersten Reihe. Seine Panzereinheiten waren so schnell, dass die Briten zumindest zunächst das Nachsehen hatten. Und Rommel ließ "jedes Gespür für Gefahr missen - ein typisches Methamphemin-Syndrom bei zu hohem Konsum", wie Ohler in "Der totale Rausch" schreibt.

"Einer rannte auf uns zu"

Es liegen Berichte vor, dass 70 Jahre später auch die Kämpfer des IS unter Drogen standen. Nach der Niederlage der "Gotteskrieger" in Syrien berichtete ein Polizeichef, seine Beamten hätten in einem IS-Quartier flaschenweise Medikamente gefunden, "die einen starken Einfluss auf das Gehirn haben und den Konsumenten in einen Roboter verwandeln". Auch die IS-Selbstmordattentäter waren mit Drogen vollgepumpt.

Drogen steigerten nicht nur die Brutalität, sondern führten bei IS-Kämpfern zu völlig irrationalem Verhalten. Ein Mitglied der kurdischen Selbstverteidigungskräfte berichtete vor rund zwei Jahren, dass sich IS-Kämpfer teilweise vollkommen verrückt verhalten hätten. "Einer von ihnen rannte geradewegs auf uns zu und schwenkte dabei ein großes Messer. Wir haben ihn erschossen." Oftmals fänden sich Spritzen in den Taschen gefangen genommener IS-Kämpfer. Wobei auf Drogenkonsum im Islamischen Staat eigentlich die Todesstrafe stand.

Auch westliche Armee glauben heute an den Drogen-Kick. Der britische Filmemacher Jamie Doran hat US-Air-Force-Piloten vor die Kamera bekommen, die über die Einnahme von Substanzen vor Kampfeinsätzen berichten. Wer die Amphetamine vor den Kampfeinsätzen nicht einnehmen will, der darf nicht mitfliegen, heißt es in dem Dokumentationsfilm "US-Kampfpiloten unter Drogen". Auch hier wird das offiziell so begründet, dass die Pillen bei den Einsätzen für die nötige Ausdauer, Konzentration und Kampfbereitschaft sorgen würden.