Wien. Seit 1. Dezember ist Matthias Geist neuer Superintendent der evangelisch-lutherischen Diözese Wien (die Position entspricht in etwa einem katholischen Diözesanbischof). Vor seiner feierlichen Einführung am 27. Jänner hat der 49-Jährige bereits in seiner ersten Woche im Amt ein großes Ereignis absolviert: die halbjährliche Synode (eine Art Kirchenparlament), bei der ein wichtiges Thema die Homoehe war. Im Interview erläutert Geist, warum seine Kirche dafür ist, wie realistisch eine österreichische Bischöfin ist, welche Botschaft er an seinen einstigen Klassenkollegen, Innenminister Herbert Kickl, hätte, und warum seine 15-jährigen Zwillingssöhne nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen.

Matthias Geist läuft den Marathon in 3:08 Stunden und will auch die Wiener Stadtpolitik auf Trab halten. - © Moritz Ziegler
Matthias Geist läuft den Marathon in 3:08 Stunden und will auch die Wiener Stadtpolitik auf Trab halten. - © Moritz Ziegler

"Wiener Zeitung": Wie würden Sie das Erbe beschreiben, das Sie von Hansjörg Lein übernehmen?

Matthias Geist: Er hat einiges sehr gut auf Schiene gebracht. Ich denke da etwa an die Strukturreform, die in der Mitte seiner Amtszeit abgeschlossen war. Es gab freilich immer wieder problematische Zeiträume zu überstehen, aber ich übernehme eine Diözese in einem positiven Grundklima. Wesentlich wird sein, in der Mitarbeiterbegleitung das richtige Gespür zu haben, wo man Kräfte noch stärken kann und wo man jemanden schützen soll vor Situationen, vor Außeneinflüssen oder auch vor Eigenwilligkeiten. Und dass wir, wenn in unserer evangelischen Kirche Konflikte auftreten sollten, auf das gemeinsame Ziel hinwirken.

Das heißt, die evangelische Kirche in Wien hat mit der Strukturreform schon das hinter sich, was die katholische gerade durchmacht.

Teilweise ja. Ich glaube aber schon, dass es in meiner Amtszeit irgendwann noch notwendig sein wird, vielleicht auch in Richtung einer weiteren Strukturierung voranzuschreiten. Das muss aber nicht mit einer Strukturreform einhergehen, sondern hat eher mit den regionale Projekten zu tun, die wir schon längst geschaffen haben. Ein Angebot, das man an einem Ort setzt, muss nicht zehnmal kopiert werden, sondern kann einmal dort stattfinden und spricht hoffentlich einen größeren Einzugsbereich an. Wer weiß, vielleicht gibt es in zwanzig Jahren in Wien eine einzige große evangelische Pfarrgemeinde mit zentraler Amtsführung und unterschiedlichen Schwerpunkten an den verschiedenen Standorten. Es geht jedenfalls nicht darum, etwas von oben drüberzustülpen. Das würde dem demokratischen Selbstverständnis der evangelischen Kirche widersprechen.

Auch bei der Homoehe ist jetzt die Basis am Zug, wenn die einzelnen Pfarren befragt werden. Grundsätzlich war die Synode dafür. Warum?