Es war im weitesten Sinn sehr absehbar, dass wir auf das Ziel hingehen, das rechtliche Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs auch in unserer Kirche umzusetzen. Wir wollen jede Liebe, die auf gegenseitiges Vertrauen und Fürsorge ausgerichtet ist, segnen. Aber es war wichtig, alle Argumente ernst zu nehmen. Es ging darum, dass wir einen Beschluss nicht über die Gemeinden hinweg fassen, sondern ihn auf eine tragfähigere Grundlage stellen.

Kann es am Ende sein, dass die einen Pfarren homosexuelle Trauungen anbieten und andere nicht?

Die einzelnen Gemeinden dürfen und sollen noch einmal darüber nachdenken, ob und wie sie den Grundsatzbeschluss der Synode umsetzen können und wollen. Da kann es tatsächlich sein, dass sich bei der Umsetzung im März im Einzelfall dann eine unterschiedliche Herangehensweise ergibt. Aber es soll in jeder Diözese eine Möglichkeit für schwule oder lesbische Paare geben, sich kirchlich trauen zu lassen. Es wird allerdings kein Pfarrer und keine Pfarrerin dazu gezwungen.

Wie steht die evangelische Kirche zu homosexuellen Priestern?

Es gibt in Österreich durchaus mehrere, die sich offen dazu bekennen. Sie sind wunderbare Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, haben aber sicher auch schon im Einzelfall eine Zurückweisung erfahren. Es kann gesellschaftlich bedingt in manchen Pfarren eine gewisse Skepsis vorhanden sein, auf die wir Rücksicht nehmen müssen. Ich will auch hier niemanden bevormunden, wie er oder sie zu denken hat, aber wir können aus theologischer Überzeugung sagen: Jeder Mensch ist von Gott so geliebt, wie er ist, und auch mit seiner sexuellen Orientierung ausgestattet und soll in keiner Weise durch unser Kirchenrecht diskriminiert werden.

Wien hat jetzt erneut einen männlichen Superintendenten. Die nächste Chance für eine Frau in hoher evangelischer Leitungsfunktion wäre die Bischofswahl am 4. Mai.

Ich sehe da auf jeden Fall eine Chance. Allerdings sind jene, die in Frage kämen, in einem Alter, dass es eine sehr kurze Amtszeit wäre. Aber auch sie könnten nominiert werden - auch die heranwachsende Jugend, die vielleicht noch zu jung ist, sollte trotzdem in Erwägung gezogen werden. Es gibt sicher potenzielle Kandidatinnen, aber die sieben Diözesen entscheiden, wen sie nominieren.

Sie kommen aus Salzburg, wollten als Kind "nie im Leben" Pfarrer werden wie Ihr Vater und haben stattdessen Mathematik studiert - was ist dann passiert?

Ich habe die Mathematik auch durchgezogen, das war mir wichtig, weil ich mich schon als Kind gerne damit beschäftigt habe. Als sie sich aber in den 1980er Jahren dann mehr und mehr in Richtung Computerisierung entwickelt hat, war mir das zu einseitig. Durch Freundschaften und eine Assistenzstelle beim philosophischen Lehrstuhl in Wien bin ich in die Theologie hineingeschlittert und hineingewachsen. Griechisch und Latein hatte ich schon in der Schule, insofern war Hebräisch die letzte Sprache, die ich fürs Theologiestudium gebraucht habe. Die Ausbildung zum evangelischen Pfarrer habe ich mir in einer Karenz gegönnt, um zu sehen, ob das etwas ist für mich. Als dann ein Gefangenenseelsorger gesucht wurde, habe ich gemerkt: Das ist meine Berufung.