Sie waren 17 Jahre lang Gefangenenseelsorger in Wien. Wie stehen Sie zur "Law and Order"-Politik unter Bürgermeister Michael Ludwig?

In meinem Amt ging es darum, darauf zu achten, dass sich die Gesellschaft nicht spalten lässt, sondern zueinander zurückfindet. Im Haftalltag sind die einen verdächtig oder verurteilt und deshalb auf der einen Seite der Gitter und Mauern, die anderen draußen fühlen sich allzu sicher und zu gerecht, als dass sie jemals hineinkommen könnten. Ich habe immer auf einen Austausch geschaut, den es ja für die Resozialisierung braucht. Bei einer "Law and Order"-Politik ist es sicher öfters nötig, Politiker und andere Verantwortungsträger in ihre Verantwortung zurück zu mahnen. Wir brauchen ein Miteinander und nicht ein Gegeneinander mit Vorverurteilungen. In Wien sind soziale Werte in hohem Ausmaß da. Wo es aber schon Begrenzungen gibt, wo Stimmen laut werden dürfen, wer aller nicht soziale Unterstützung in entsprechendem Umfang wert ist, dort möchte ich schon auch, dass wir als Evangelische uns dagegen aussprechen. Es wird immer wieder der Fall sein, dass wir bei Gesundheitswesen, Pflege, Arbeitslosigkeit, Mindestsicherung, Flüchtlings- und Integrationsfragestellungen unsere Stimmen ganz laut erheben, damit wir in Wien auch weiterhin christlichsoziale oder sozialdemokratische Werte, wenn man sie so nennen will, verwirklicht sehen.

Sie haben mit Eva Glawischnig und Herbert Kickl maturiert. Waren deren heutige Karrieren absehbar?

Ich halte beide für sehr intelligente Menschen, die aus ihrer Grundüberzeugung nie ein Hehl gemacht haben. Die dezidierte Parteienzuordnung hätte ich damals vielleicht noch nicht gesehen, obwohl sich Eva Glawischnig als Klassensprecherin für den Umweltschutz eingesetzt hat. Ich freue mich immer, wenn ich Herbert Kickl beim Laufen im Prater oder Eva Glawischnig in der Straßenbahn treffe. Das ist aber jeweils schon ein paar Jahre her. Aktuell hätte ich sicher für beide eine Botschaft. Herbert Kickl zum Beispiel würde ich gerne einmal in der Asyldebatte unsere Sichtweise als evangelische Kirche darlegen, dass es auf eine unabhängige Rechtsberatung für Flüchtlinge hinauslaufen muss und das nicht aus einer Ecke des Innenministeriums kommen sollte.

Ihre Zwillingssöhne sind 15 Jahre alt, also mitten in der Pubertät. Finden die einen Superintendenten als Papa cool oder peinlich?

Ich versuche mit ihnen abzugleichen, wenn ich in ihrer Gegenwart öffentlich auftrete, in welcher Form ich mich äußere, damit es ihnen nicht peinlich ist. Ich winke ihnen jetzt nicht unbedingt zu. Aber ich glaube schon, dass sie ein wenig stolz sind und ganz gut damit leben können.