Es begann mit den August-Streiks 1980. Damals streikten nach einer Preiserhöhung der Fleischprodukte Arbeiter und Arbeiterinnen in polnischen Industriestädten. Eine Protestbewegung entstand, aus der die Gewerkschaft Solidarność hervorging. Während die Gewerkschaft in den darauffolgenden Monaten kontinuierlich wuchs, zeichnete sich eine weitere ökonomische Krise im damals noch kommunistischen Polen ab. Inklusive Lebensmittelknappheit. Im Sommer 1981 wurde wieder demonstriert. Frauen und ihre Kinder standen nun auf der Straße, allen voran Arbeiterinnen aus polnischen Spinnereien. Die einzige fast rein weibliche Industrie Polens.
Hungermärsche wurden die Demonstrationen damals genannt. "Wir haben genug davon hungrig zu sein!" "Wir haben genug davon Schlange zu stehen!" Das waren Botschaften, die auf Transparenten zu lesen waren. Schlange stehen und trotzdem hungrig sein, war aber nur ein Teil der Lebensrealität der Frauen. Die politische Situation im Land, die enorme Erschöpfung durch Mehrfachbelastungen und das gleichzeitige Fehlen von Essen, führte dazu, dass Frauen sich zusammentaten, streikten und auf ihre Rolle in der Gesellschaft aufmerksam machten: "Wie Männer in anderen Branchen, arbeiteten auch die Spinnerinnen drei Schichten in Akkord, verdienten aber weniger. Dazu kam, dass viele von ihnen Familien hatten und den Haushalt führten, Kinder umsorgten und einkauften. Das bedeutete nach der Arbeit noch stundenlang Schlange stehen", erzählt Agnieszka Salamon.

Unsichtbarkeit widerständischer Frauen


Die in Polen geborene Agnieszka Salamon lebt heute als Schauspielerin und Regisseurin in Wien. In den vergangenen Monaten hat sie sich intensiv mit dem Widerstand der Spinnerinnen beschäftigt, angefangen vom 19. Jahrhundert und abschließend im 21. Jahrhundert. War der Streik 1981 einer der größten, gab es Aufstände von Frauen, die in den Spinnereien arbeiteten, genauso in den 1940ern oder in den 1960ern. Eines eint diese Proteste: eine fehlende Sichtbarkeit der Frauen selbst. So wurden bereits die August-Streiks 1980, zu einem großen Teil von Frauen mitgetragen, da die Proteste ihren Anfang in der polnischen Industriestadt Łódź nahmen. Gerade in Łódź waren 80 Prozent der Arbeitenden, Frauen, so Salamon weiter. "Denkt man in Polen an diese Proteste, denkt man an starke Männer, an Arbeiter in den Kohlwerken oder Stahlwerken. Die Frauen werden als diejenigen gezeigt, die zu Hause sitzen und Essen für die streikenden Männer zubereiten. Tatsache ist aber, dass sich Frauen in dem Moment, in dem sie anfingen zu arbeiten, auch sichtbar für ihre Rechte und ihre Meinung eintraten."
Ein Narrativ, das jedoch kaum erzählt wird. Egal wo und wann, Frauen sind in der Widerstandsgeschichte nur einzeln zu finden, ihre Kämpfe geraten schnell in Vergessenheit. Das zeigte sich auch in Salamons Recherche nach Materialien zu den Spinnerinnen und den damit verknüpften Kämpfen. Einzig im Buch "Aleja Włókniarek" ("Die Alle der Spinnerinnen") von der Kulturwissenschaftlerin Marta Madejska wird die Geschichte der polnischen Arbeiterinnen durch übersetzte Interviews und schriftliche Überlieferungen erzählt. Eben jenes Buch mitsamt den historischen Dokumenten stellen nun die Basis der von Salamons produzierten Theaterperformance "Die Spinnerinnen" dar. Eine Produktion, die widerständische Frauen sichtbar machen will – in der Geschichte Polens genauso wie im heutigen Polen.
Daher sind auch Aktivistinnen eingeladen, die gegen die derzeitige, oftmals frauenfeindliche Politik in Polen kämpfen. Agata Kobylinska zum Beispiel, in ihrer Biographie die Geschichte mit der Gegenwart verknüpft: Ihre 79-jährige Großmutter arbeitete 35 Jahre lang in einer der Spinnereien in Łódź. Wie bei so vielen anderen, bedeutete das drei Schichten lang, in einer lauten Fabrik, in Hallen voller Staub, ausharren. Und auch sie war eine Unterstützerin der Hungermärsche 1981. "Meine Großmutter hat mir immer gesagt, dass Frauen für sich selber sorgen, dass sie finanziell unabhängig sein und ihre eigenen Entscheidungen treffen sollten. Bis heute beschäftigen mich diese Worte", erzählt Kobylinska.

Solidarität zwischen Frauen


Und bis heute unterstützt Kobylinskas Großmutter Proteste, die sich für Freiheit und Menschenwürde einsetzen. Auch jene Proteste, in denen die Enkelin selbst tätig ist. So war Agata Kobylinska bis vor kurzem im Vorstand des Vereins "Łódź – Frauen für Frauen" und ist Mitglied des polnischen Frauenkongresses, der Gleichberechtigung in unterschiedlichsten Bereichen fordert, aber auch Solidarität vorantreiben und historische Erfolge von Frauen sichtbar machen will. Nach wie vor kämpfen Frauen am Arbeitsmarkt, wenn es um gleiche Bezahlung und ein gesundes Arbeitsumfeld geht. Weibliche Vertreterinnen in den Branchen Medien, Sport und Wissenschaft gibt es kaum und in puncto Abtreibungsrecht geht die polnische Regierung viele Schritte rückwärts, zählt Kobylinska einige der Missstände auf.
Seit dem sogenannten "Schwarzen Protest" im Oktober 2016 zeige sich aber auch eine neue Solidarität zwischen Frauen, so Kobylinska weiter: "Frauen sind sich ihren Rechten bewusster, immer mehr engagieren sich politisch und zeigen ihre Entschlossenheit, Solidarität und Stärke.  Es ist erneut die Zeit der Frauen in Polen." Allein im Rahmen der Großdemonstrationen des "Schwarzen Protests gingen zehntausende Menschen in vielen polnischen Städten gegen eine Verschärfung der Abtreibungsgesetze auf die Straßen.
Die Sichtbarkeit aktivistischer Kämpfe in Polen, die damit zusammenhängende Solidarität und das Bilden von Gemeinschaften sind die zentrale Themen, die Agnieszka Salamon in der Theaterperformance "Die Spinnerinnen" thematisieren will. Darüber, dass die Produktion trotz den Fokus auf Polen, in Wien gezeigt wird, freut sie sich: "Die politischen Entwicklungen in Polen sind derzeit sehr schlimm, vor allem Frauen sind von politischen Entscheidungen betroffen. Für mich ist es wichtig diese Entwicklungen, so lange noch Zeit ist, nach Österreich zu bringen. Jetzt darf man noch laut darüber sprechen."

Tkaczki / Die Spinnerinnen
Theaterperformance von Agnieszka Salamon, basierend auf dem Buch "Aleja Włókniarek" von Marta Madejska
17. und 18. September, jeweils 19 bis 21 Uhr
FabricFabrik, Koppstraße 23, 1160 Wien
Mehr Infos: www.wienwoche.org