In einer dunklen Ecke des Kanzleramtes befindet sich der Raum Nummer 56. Hinter dessen hoher Türe wird dieser Tage besonders emsig geputzt. Denn am kommenden Montag wird man der eigentlichen Bestimmung dieser Räumlichkeit gerecht. Um acht Uhr wird hier eine katholische Messe gefeiert: Sie bildet für die da situierte Hauskapelle den einzigen feierlichen Höhepunkt im Jahr in einer über Jahrzehnte dauernden verschlafenen und fast immer verschlossenen Existenz.

Anlass ist der Allerseelentag. Dann wird hier in religiöser Form der verstorbenen Kanzler, Minister und Beschäftigten des Ballhausplatzes gedacht. Dafür wird von den zwei zuständigen Reinigungskräften mit Liebe aufgeräumt, damit am Festtag der Toten alles seine Ordnung hat. Gabriele Wolf und ihrer Kollegin ist der Raum ohnehin das ganze Jahr über heilig. Sie putzen nicht nur wöchentlich, sondern bringen auch für das höchste katholische Fest zu Ostern den Raum voll in Schuss - auch wenn ihn dann gar niemand braucht. Die zumindest einmalige jährliche Messe zu Allerseelen sichert ihm den kirchenrechtlichen Status als Sakralraum.

Schon der Urahn des Gebäudes Fürst Metternich, hat die Kapelle seinerzeit im 18. Jahrhundert recht stiefväterlich behandelt. Er ließ einfach die Decke absenken und verkleinerte die Einrichtung auf drei Sitzreihen. Der barocke Altar ist nun von oben her etwas wenig eingezwängt, blieb aber immerhin bis heute stehen.

Nach der Ermordung des Gründers des austrofaschistischen Ständestaates, Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, 1934, wurde eine jährliche Gedenkmesse im Kanzleramt eingeführt und mit Ausnahme der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft bis 2014 an dessen Todestag am 25. Juli begangen.

Legendär wurde die Anekdote, dass nach langer Regentschaft von ÖVP-Kanzlern ein Beamter Anfang der 1970er-Jahre dem roten Regierungschef Bruno Kreisky eine ordentlich geführte Liste mit Aufzeichnungen über die Teilnehmer der Gedenkmesse am 25. Juli überbrachte. "Was soll ich denn damit?", grantelte der rote Kanzler. "Das haben wir bis jetzt immer so machen müssen", erklärte der brave Beamte einmal eingeführte Tradition der schwarzen Vorgänger des roten "Sonnenkönigs".

Selbst Kreisky wollte trotz seines großen Hasses auf alles Austrofaschistische die Messe im Haus aber nicht abschaffen lassen und akzeptierte die weitergeführte Version des "allgemeinen Totengedenkens". Nur Liste wollte er partout keine mehr vorgelegt bekommen. Böse Zungen behauptete später, der alte Brauch der Aufzeichnungen sei ÖVP-intern gegenüber schwarzen Vize- und Bundeskanzlern wieder inoffiziell ein wenig zum Leben erweckt worden.

Das Gedenken an die Toten des Hauses ließ dann Kanzleramtsminister Josef Ostermayer im Jahr 2014 endgültig vom Dollfuß-Todestag auf die Tage rund um Allerseelen verlegen. Davor hatten Medien unter Führung der Tageszeitung "Der Standard" jährlich das als Gedenkfest für alle Toten verbrämte Dollfuß Gedenken bekrittelt.