Er besaß zwei wunderschöne Rundstempel. Auf dem einen stand die rätselhafte Buchstabenkombination "KOB-SAR" mit Hammer und Sichel. Auf dem anderen stand: "Proletarier aller Länder vereinigt euch." Aber das in Russisch-Cyrillisch. Diese "Insignien" reichten offenbar, dass ein gewisser Rudolf Prikryl am 13. April 1945 in die Amtsräume des Wiener Bürgermeisters in das Rathaus marschierte und einfach zu amtieren begann.

Drei-Tage-Bürgermeister und Pechvogel im privaten Leben: Rudolf Prikryl. - © Archiv
Drei-Tage-Bürgermeister und Pechvogel im privaten Leben: Rudolf Prikryl. - © Archiv

Prykril stellte jedem Vorsprechenden ganz nach Wunsch eine Amtsgenehmigung aus. In Hugo Portischs beeindruckender Zeitgeschichte-Dokumentation "Österreich II", die Anfang der 1980er Jahre im ORF als richtiges Straßenfegerprogramm Rekordeinschaltungen im Fernsehen erreichte, erzählten Zeitzeugen dazu wunderbare Anekdoten: "Herr Bürgermeister, I hätt gern‚ des Flotten-Kino", erinnerte sich da etwa Prikryls damalige Sekretärin, Elisabeth Albinger. "I hab nix dagegen, bitte nehmen Sie es", soll Prikryl gesagt haben. Und stellte eine Bestätigung aus: "Herr Soundso ist berechtigt, das Kino zu übernehmen und zu führen."

Verwahrlost und ohne jegliche Zier, aber offiziell ein Ehrengrab der Stadt Wien - selbst der Stein gehört zum Nachbarn der Totenruhe. Wiener Krematorium, Abteilung E16/Nr.332. - © Robert Newald
Verwahrlost und ohne jegliche Zier, aber offiziell ein Ehrengrab der Stadt Wien - selbst der Stein gehört zum Nachbarn der Totenruhe. Wiener Krematorium, Abteilung E16/Nr.332. - © Robert Newald

Wiens erster Kulturstadtrat, Viktor Matejka (KPÖ), der sich ganz besonders für den Aufbau des Kulturlebens verdient gemacht hat, beschrieb in seinen Erinnerungen folgende Szene: "Haben Sie schon jemanden, der sich um alles kümmert, was Kultur heißt?", fragte Matejka. Darauf erhielt er, mit den wundersamen Stempeln signiert, folgende Bestätigung: "Verantwortlich für die ganze Kultur in Österreich."

Matejka stellte dem selbsternannten Bürgermeister Prikryl für diese Vorgangsweise ein denkbar gutes Zeugnis aus. Es sei ja alles geschlossen gewesen. Und ganz egal, wer eine Initiative gesetzt habe, wurde so unterstützt, um das Leben anzukurbeln.

Am 16. April 1945 war die Amtszeit des Drei-Tage-Bürgermeisters auch schon wieder beendet. Er verschwand, wie er gekommen war, und Theodor Körner zog offiziell als erster Bürgermeister der Stadt nach dem Krieg ein.

Niemand weiß genau, wie Prikryl zu seiner Funktion gekommen war. Gerüchteweise soll ihn ein russischer Kommandant eingesetzt haben, weil er in den letzten Kriegstagen Kontakt zur Widerstandsgruppe "O5" gehabt hatte und für einen Kommunisten gehalten wurde. Der Kurzzeitbürgermeister sah sich später einmal als KPler, dann wieder nicht. Die KPÖ jedenfalls bestreitet, dass er je Mitglied der Partei gewesen sei. Bekannt ist Prikryls Lebensweg: 1896 als uneheliches Arbeiterkind geboren, wird er auf verschlungenen Wegen Installateur und Kleinkrimineller (im Wesentlichen wegen Diebstählen belangt). 1925 geht er zum roten Schutzbund. Bei den Februar-Kämpfen 1934 wird Prikryl verwundet und dann wieder eingesperrt. Er landet im Lager Wöllersdorf, flüchtet anschließend nach Spanien und geht zu den Internationalen Brigaden. Er wird wieder verletzt.

Auch nach dem Rathaus-Gastspiel gelingt privat nichts mehr: fünf Ehen, Konkurse, Krankheit. 1965 stirbt Prikryl krebskrank im Altersheim. Er hinterlässt laut Zeitschrift "Datum 05/2016" 37 Schilling. Letztlich bekommt er beim Krematorium ein Ehrengrab der Stadt Wien.