Also zurück in die Vergangenheit. Weit zurück. Die Flucht vor gierigen Weihnachtsmännern, Advent-Klimbim und "Last Christmas" endet zwischen Millionen Jahre alten Steinen. Das ganze Jahr steht das Naturhistorische Museum am Burgring. Das ganze Jahr geht der Wiener daran vorbei. Interessieren würde es ihn schon. Aber die Touristen sind halt überall. Jetzt nicht. Jetzt haben die nur Weihnachtsmärkte im Schädel. Naturwissenschaft ist da uninteressant. Die Chance will genutzt sein. Für zwölf Euro bekommt man nichts weniger als die ganze Welt. Vom Mineral bis zum Meteoriten. Vom Fossil bis zum Dinosaurier. Vom Fischbandwurm bis zur Giraffe. Eingelegt, versteinert, konserviert, ausgestopft, tot. Wie der Wiener es mag. Tun einem in Schönbrunn die Eisbären im Gehege leid, kommt hier jegliche Empathie um Jahrhunderte zu spät. Guten Gewissens kann die Vielfalt bestaunt werden.

Asyl im Museum

Schon in den ersten vier Sälen liegen tausende Steine. Allein über die Systematik ihrer Anordnung könnte man stundenlang nachdenken. Vom Inhalt der Vitrinen ganz zu schweigen. Granit, Quarz, Bergkristall, Achat, Karneol, Chalcedon, Chrysopras, Opal, Türkis, Rubin, Topas, Turmalin, Feldspat. So ein Tag ist schnell um in der Mineralogie des Museums. Etwa ein Fünftel des Hochparterres ist geschafft. Bleiben noch die Meteoriten, Fossilien, Saurier, die Abteilungen für Urgeschichte und Anthropologie, das Planetarium, Einzeller, Korallen, Weichtiere, Krebse, Spinnentiere, Insekten, Fische, Vögel, Amphibien und Reptilien, Säugetiere, der Mikrokosmos, die Evolution. Der Advent lässt sich im Naturhistorischen Museum locker durchdrücken, ohne ein einziges Vanillekipferl zu essen.

Die gibt es vor den Pforten des Museums leider zuhauf. Zwischen Kunst- und Naturhistorischem Museum zwängt sich das sogenannte Weihnachtsdorf. Tausende lassen sich Rum-geschwängert zu den Füßen Maria-Theresias gehen. Die hatte 16 Kinder. Ihre jüngste Tochter soll dem hungernden französischen Volk Kuchen empfohlen haben, woraufhin man ihr den Kopf abhackte. Wünscht man seiner Tochter nicht unbedingt. Dann lieber gar keine Kinder. Die Vermeidung von Kindern lässt sich im Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch im 15. Bezirk studieren. Die Bandbreite an schmerzhaften - aber unwirksamen - Methoden der Empfängnisverhütung und Abtreibung vom alten Ägypten bis heute ist bemerkenswert. Über Jahrhunderte zwangen patriarchale Gesellschaften Frauen, sich ihrer ungeborenen Kinder zu entledigen. Die Männer sollten sich zu Tode schämen. Stattdessen saufen sie sich am Punschstand an und stieren in den nächstbesten Ausschnitt. Die Verachtung könnte nicht größer sein. Nichts wie raus aus der Stadt. Diesmal nehmen wir den Bus.

Im 38A den Kopf an die Fensterscheibe lehnen, sich wegträumen ins hochalpine Gelände. An meterhohen Schneewänden vorbei pendelt der Skibus zwischen Planai und Reiteralm. In Wahrheit fährt er auf aperer Straße von der Heiligenstadt auf den Cobenzl. Doch die vielen Kinder mit Schlitten und Skistecken unterm Arm lassen in schneereichen Wintern eher an Skischaukel als an Großstadt denken. Oben auf dem Parkplatz herrscht tatsächlich Bergluft. Der leidige Wiener Hochnebel liegt wie Watte über der Stadt. Von der Distanz schaut Wien richtig schön aus. Die blinkenden Lichter des Kraftwerks Simmerings im Hintergrund, die kahlen Weinstöcke davor und dazwischen Riesenrad und Donau.