Onlineportal für verschlüsselte Nachrichten

Das Problem der Finanzierung kennen auch die anderen Teilnehmerinnen im Raum. Viele berichten darüber, dass sie aufgefordert würden, die Online-Beratung nebenbei zu machen. Zehetner warnt vor derartigen Schmalspurvarianten, die leicht die Belastungsgrenzen der Beraterinnen sprengen würden: "Online-Beratung, die wirklich helfen soll, braucht sowohl die richtige technische Infrastruktur, um den Datenschutz der Schreibenden zu gewährleisten als auch eine entsprechende Ausstattung mit Arbeitsstunden."

Ganz praktisch bedeutet dies die Einführung eines entsprechenden datensicheren webbasierten Onlineberatungsportals, über das verschlüsselte Nachrichten geschickt werden können. "Nur so ist garantiert, dass keine Verknüpfung zwischen IP-Adresse und persönlichen Daten gespeichert wird, und die Ratsuchenden keine Mailadresse angeben müssen", erklärt Zehetner.

Vor allem, wenn häusliche Gewalt im Spiel sei, müssten die Beraterinnen besonders achtsam sein, nicht einfach auf normale E-Mails zu antworten, die möglicherweise auch der oder die Gefährder lesen könnte.

Wer Zehetners Ausführungen zum Arbeitsablauf in der Online-Beratung zuhört, erkennt außerdem rasch, warum es der gezielten Planung zusätzlicher Arbeitsstunden bedarf. So rät sie den Kursteilnehmerinnen, sich jedes Mail zuerst auszudrucken, einmal durchzulesen und dann zumindest kurz liegen zu lassen, bevor sie sich an die Antwort setzen. "Wir sollten uns klar darüber sein, dass wir sofort eigene Vorstellungen, Bilder und Gefühle zu dem Geschriebenen entwickeln - diese müssen jedoch überhaupt nicht mit der Lebensrealität der Ratsuchenden übereinstimmen", sagt Zehetner. Es brauche daher immer beides, das Spüren der eigenen Gefühle beim Lesen und eine Reflexion danach. Im Zweifelsfall sogar das Durchlesen durch eine zweiten Person.

Auch Gabriele Maurers Satz "Ich kann nicht mehr" zeigt, dass 18 Personen 18 Vorstellungen des Geschriebenen entwickeln. "Mein Gedanke war, dass die Dame vielleicht suizidgefährdet ist", sagt Psychotherapeutin Veronika Vogt-Fiebich. Einige Personen in der Runde nicken zustimmend.

Zehetner fasst zusammen: "Daraus kann man lernen, dass es zu Beginn einer Beratung immer darum gehen sollte, mehr herauszufinden. Fragen Sie ruhig nach!", ermutigt sie die Teilnehmerinnen. Anstatt sofort ins Deuten oder Vorschlagen konkreter Hilfsmöglichkeiten zu kommen, wäre der schriftliche Beratungsprozess wesentlich von klug gestellten Fragen geprägt, erklärt Zehetner.