Die erste Antwort ist meist entscheidend

"Ein Zuviel an Informationen gleich zu Beginn kann stark abschreckend wirken", sagt die Beraterin. Gelassenheit in einem schnellen Medium. Die Teilnehmerin Sarah Senk, Sozialarbeiterin beim PSD Tulln, kennt den schmalen Grat zwischen dem Zuviel und Zuwenig an Information im ersten Mail aus eigener Erfahrung. Als Zuständige für die neu eingeführte Online-Beratung an ihrem Standort hat sie oft genug erlebt, dass sich viele hilfsbedürftige Personen mit psychischen Problemen nur einmal schriftlich melden. "Ich tendiere daher mittlerweile dazu, alle wichtigen Infos zu Ärzten oder Behandlungsmöglichkeiten ins erste Mail zu packen; denn wer weiß, vielleicht höre ich nie wieder von der Person", sagt Senk.

Tatsächlich braucht gerade die erste Antwort ein ganz besonderes Fine-Tuning, bestätigt Zehetner, und ein Abwägen, was wichtiger ist - die Information oder der Aufbau der Beziehung. Im Idealfall gelingt beides. "Online-Beratung fordert den Beraterinnen eine besondere Art von Vertrauen und Geduld ab", sagt Zehetner. Nicht selten würde auch die Schnelligkeit des Mediums zu besonders raschen Antworten verführen.

"Setzen Sie dem bewusst Gelassenheit entgegen", wird sie im Laufe des Tages immer wieder sagen. Im Verein Frauen beraten Frauen gibt es klare Regeln, wann bzw. wie rasch geantwortet wird. Diese können die Ratsuchenen auch auf der Homepage nachlesen. Nur maximal 48 Stunden Zeit lassen sich die vier Frauen, die sich die Online-Beratung im Verein aufteilen, um Erstanfragen zu beanworten - und derer gibt es viele, rund 2200 waren es 2019. Tendenz stark steigend.

Anonymität ist ein Vorteil der Online-Beratung

Obwohl der Verein in Wien angesiedelt ist, kämen die Zuschriften nicht nur aus den Bundesländern, sondern aus aller Welt, berichtet Zehetner. "Wer Online-Beratung und Frauen googelt, ist schnell bei uns - egal, ob er gerade in Südamerika oder im Weinviertel sitzt", erzählt sie.

"Viele Frauen, vor allem solche mit Gewalterfahrung, tun sich leichter mit der Anonymität des Mediums." Manche würden nach dem ersten Schreiben auch persönlich kommen, bei den allermeisten bliebe es jedoch tatsächlich beim Schriftlichen. Bleibt da nicht doch etwas auf der Strecke, fragen sich die Teilnehmerinnen, die doch allesamt den Face-to-Face-Austausch gewohnt sind. "Es ist erstaunlich, wie rasch auch durch das Schreiben Nähe entstehen kann", sagt Zehetner und weiß ihre Aussage auch gleich wissenschaftlich zu untermauern. Der deutsche Pädagoge Karlheinz Benke spricht von einem "Nähe-durch-Distanz-Paradoxon". Gemeint ist damit nichts anderes als ein Phänomen, das die meisten Menschen kennen: Manchmal ist es einfach leichter, sich einem Fremden anzuvertrauen.