Während die meisten Beratungen sich auf circa zehn Antworten einpendeln würden, gebe es auch einige Prozesse, die sich über mehrere Jahre erstrecken, erzählt Zehetner aus ihrer Praxis. Gerade das Schriftliche sei dann eine Chance für die Frauen, im Nachhinein nochmals nachzulesen, was sich über die Jahre verändert habe und was ihnen dabei - in Begleitung der Beraterin - gelungen sei.

Online-Beratungen sind im besten Fall verwandt mit Formen der narrativen Therapie, einer Therapieform, die in den 1980er-Jahren von den beiden Australiern Michael White und David Epston entwickelt wurde. Im Zentrum steht dabei die "Anreicherung" der Problemgeschichte eines Klienten mit ressourcenorientierten Aspekten. Denn persönliche Lebensgeschichten klammern allzu häufig Positives oder überwundene Schwierigkeiten aus.

Auch in der Online-Beratung gibt es spezielle Techniken, den Ratsuchenden neue Blickwinkel auf ihr Leben zu eröffnen. "Eine Frau beschrieb mir ihre Beziehung zu Beginn als wunderschönes Kleidungsstück, das im Laufe der Jahre immer mehr Risse und Schäden bekommen hatte; wir konnten an diesem Bild weiterarbeiten und gemeinsam schriftlich überlegen, ob nicht doch noch etwas Gutes daran zu finden sei und gemeinsam daran weiterzuweben", beschreibt Zehetner ihre Arbeit mit Metaphern.

Wer Zehetner aus der Praxis erzählen hört, spürt förmlich die Freude, die die ausgebildete Philosophin an ihrer schriftlichen Arbeit hat. Der Funke springt auch auf die Seminarteilnehmerinnen über. "Ich habe mich eigentlich immer ein wenig vor dem Schreiben gefürchtet", sagt Sigrid Fritz, psychologische Beraterin in der Verbrechensopferhilfe "Weißer Ring", in der Schlussrunde. "Irgendwie wollte ich die Leute immer möglichst rasch zu mir in die Stelle bringen. Aber jetzt habe ich richtig Lust bekommen auf das Schreiben." Wie ihr geht es den meisten hier in der Runde.

Ob sie nicht einen neuen Ausbildungslehrgang starten wolle, wird Zehetner gefragt. Die Beraterin lacht, "vielleicht" - allerdings sei momentan auch in der Beratungsstelle genug zu tun, denn immerhin gibt es 2500 schriftliche Anfragen pro Jahr zu beantworten. Einige davon warten bereits im Anschluss an das Seminar auf sie.