Es duftet nach frisch gefälltem Holz, mit einer Note von nassem Waldboden. Dort, wo früher ein Weg durch ein dicht bewaldetes Gebiet führte, klaffen nun Schneisen, beinahe so breit wie eine Autobahn. Sowohl direkt neben als auch auf dem Weg liegt ein Baumstamm nach dem anderen. Privatpersonen, die den Maurer Wald gerne für Spaziergänge nutzen, sind erschüttert. Darunter auch Dagmar Kehlmann: Sie geht täglich in den frühen Morgenstunden mit ihrem Hund eine Runde durch den Wald und beobachtet seit langem, wie der Baumbestand in diesem schönen Stück Natur immer weiter ausgedünnt wird.

Krassay
Krassay

"Überall reden sie vom Klimawandel, dass der Wald wichtig ist, und dann holzen sie alles ab. Ich verstehe das nicht!", echauffiert sich die pensionierte Schauspielerin. Und sie ist nicht die einzige Anwohnerin des Maurer Waldes, die nach dem Grund sucht, warum gerade hier so viele Bäume fallen.

Tatsächlich erleben viele Wiener Waldgebiete zurzeit einen Wandel. "Das ist eine Kombination aus Baumsicherheit und Waldumbau. Der Wald wird umgewandelt", erklärt Forstdirektor Andreas Januskovecz. Das erfordere auch gezielte Schlägerungen, und der Maurer Wald sei nur einer von vielen, wo diese Maßnahmen durchgeführt werden.

Ein Baum ist wie ein Haus

Nach einem Rechtsentscheid des Obersten Gerichtshofs (OGH) aus dem Jahr 2011 wurde mit dem sogenannten "St. Pöltner Urteil" die Haftung vom Baumeigentümer präzisiert: Auf Bäume sind nun dieselben Sicherheitsbestimmungen anzuwenden wie auf Gebäude. Demzufolge haftet ein Waldbesitzer für einen Baum in gleicher Weise wie ein Immobilienbesitzer für ein Bauwerk und kann im Fall eines Personenschadens für einen Ast, den ein Sturm herunterbricht, in gleicher Weise verantwortlich gemacht werden wie ein Hausherr für ein Stück abbröckelnde Fassade.

Als Konsequenz daraus haben inzwischen einige Waldbesitzer vorsorglich beiderseits der Gehwege gerodet: in einer Breite von eineinhalb Meter mal der Baumhöhe, durchschnittlich 25 bis 30 Meter. Eine Formel, die so aus der Rechtsprechung nicht hervorgeht. "Letztlich entscheidet das jeder Waldbesitzer selbst. Je nachdem, wie er die Gefahr durch Haftung auslegt", so Roman David-Freihsl von der MA22. Denn das "St. Pöltner Urteil" lässt manches offen, klare Kriterien für Waldbesitzer gibt es noch nicht.

Die Plattform Baumkonvention will der Rechtsunsicherheit einen Leitfaden entgegenstellen, der Hilfestellungen bereithält, welche Maßnahmen von den Waldeigentümern gesetzt werden müssen und welche nicht. Der Leitfaden soll demnächst fertig ausgearbeitet sein und dann in die Testphase gehen. In Folge wird er auf der Plattform Baumkonvention online abrufbereit sein. Der Bedarf wäre gegeben: Laut einer Studie des Umweltbundesamts vom Dezember 2019 unterliegt theoretisch knapp ein Viertel der Waldfläche Österreichs der Baumhaftung.

"Ein Baum ist kein Bauwerk"

Am meisten leiden öffentliche Betriebe unter den verschärften Haftungsregeln und so richtig froh ist eigentlich niemand über die neuen Regeln. "Ein Baum ist ein lebendes Konstrukt und kein Bauwerk, daher müssen weichere Haftungskriterien her", sagt Januskovecz. Der Diskussionsprozess mit dem Justizministerium und der Land- und Forstwirtschaft sei noch nicht abgeschlossen, aber der Forstdirektor sieht die Entwicklung positiv. "Ich bin skeptisch, dass sich rechtlich etwas ändern wird, aber nachdem die Richterschaft unser Problem nun erkannt hat, entwickelt sich das Ganze in eine gute Richtung", sagt Januskovicz.

Im Schadensfall gehen Richter unterschiedlich vor. Für Großgrundbesitzer gelten andere Haftungsebenen als für Kleingrundbesitzer, über die meist nachsichtiger geurteilt wird, nachdem diese keine Angestellten haben und daher die Fachinformationen nicht unbedingt wissen müssen. Bei Großgrundbesitzern sehe die Sache aber anders aus: Nachdem diese angestelltes Forstpersonal haben, seien die Richter bei einer Nichteinhaltung der Sicherheitskriterien besonders streng. Öffentliche Betriebe wie die Stadt Wien müssen sich demnach ganz genau daran halten und akkurat danach handeln.

"Wir haften, wenn wir dem Richter nicht nachweisen können, dass wir regelmäßig kontrolliert haben", sagt der Forstdirektor. Aber: "Wir gehen nicht her und schneiden jeden Baum um, der 25 Meter links und rechts des Weges steht." Einmal im Jahr müssen vom Forstamt die Bäume begutachtet und kontrolliert werden. Alte, morsche und kranke Bäume werden gefällt, und wo sich besonders viele Menschen aufhalten ("High Level"), besonders bei Kindergärten, Schulen oder Bushaltestellen, wird besonders genau kontrolliert. Aus diesem Grund wurde nach der Verschärfung der Haftungsregelungen ein "Kategorienkatalog" entwickelt, der besonders risikoreiche Orte kennzeichnet.

Klimawandel setzt Wald zu

"Kontrollieren bedeutet aber nicht gleich Umschneiden", beruhigt Januskovecz. Außerdem steht in Wien ein jährlicher Zuwachs von 64.000 Festmetern einem Holzschlag von 33.000 Festmetern gegenüber: Es wächst also beinahe doppelt so viel Wald nach, wie gefällt wird. Wie kommt es aber dann, dass der Maurer Wald immer lichter wird?

Januskovecz verweist auf den Klimawandel, der den Baumarten unterschiedlich zusetzt: Eichen und Tannen kommen mit Hitze und Trockenheit besser zurecht als Buchen, die zurzeit in diesem Gebiet dominieren. "In 50 Jahren werden wir noch höhere Temperaturen als heute haben. Es wird zu schnell warm und die Bäume können nicht so schnell reagieren." Das Klima wird sich vermutlich schneller wandeln, als sich der Wald daran anpassen kann. Daher werden schon jetzt Buchen gerodet, um Platz für klimageeignetere Tannen und Eichen zu schaffen, die auch mehr Licht für ihr Wachstum benötigen. Ungefähr drei Viertel des gerodeten Holzes werden außerdem mit Pferden aus dem Wald transportiert, damit der Waldboden geschont wird. Die restlichen 25 Prozent bleiben als Totholz im Wald liegen. Das sei ökologisch sinnvoll, um den Bodenprozess zu verbessern und somit weiter CO2 gebunden werden kann.

Ist das "St. Pöltner Urteil" also ein willkommener Anlass für eine ohnehin erwünschte Waldverjüngung? "Wir sind keine Baummörder, sondern versuchen, den Wald bestmöglich herzustellen und auf den Klimawandel vorzubereiten", sagt der Forstdirektor.

Es wird also weiter ausgelichtet werden. Doch bis eine Tanne eine nennenswerte Höhe erreicht, muss sie rund 60 Jahre wachsen, eine Eiche immerhin bis zu 100 Jahre. Das bedeutet, dass der Maurer Wald wohl noch geraume Zeit schütter bleiben wird. Und das in Zeiten, in denen die Stadt Wien im Rahmen der Aktion "Wald der jungen Wiener" jährlich 10.000 neue Bäume pflanzen möchte (die "Wiener Zeitung" hat berichtet) oder "Wanderbäume" die inneren Bezirke kühlen sollen.