Was haben eine Dachgeschoßwohnung und ein Solarium gemeinsam? In beiden könnte man Stefan Petzner treffen. Doch es gibt auch eine Antwort abseits der schlechten Pointe. Beide sind ein Indikator für die Attraktivität eines Grätzls. Die Rechnung ist einfach. Je mehr Dachausbauten, desto hipper, je mehr Solarien, desto abgefuckter die Gegend. Ist die Dichte an Sonnenbänken hoch, ist man im Ghetto. Bei den armen Leuten. Die auf Balkonien und der Donauinsel urlauben. Bei den Proleten. Auf der Simmeringer Hauptstraße, in Favoriten, in Floridsdorf. Wo der Bräunungsgrad der Haut genauso Statussymbol ist, wie der geleaste BMW vor der Haustür.

Zumindest soll es um die Jahrtausendwende so gewesen sein. Als Solarien auf dem Zenit ihrer Popularität und im Verruf gleichzeitig standen. Wie kaum ein Gewerbe polarisierten sie. Die einen legten sich fast täglich unter die künstliche Sonne. Sie priesen ihre vermeintlich positive Wirkung. Auf das Gemüt. Den Vitaminhaushalt. Den Teint. Die anderen machten sich lustig. Der Wiener Dialekt wurde um zahlreiche abschätzige Wendungen reicher. Prolo-Fritteuse, Elektrostrand, Kabelkaribik, Krebs-Sarg, Tussen-Toaster, Kleingeld-Mallorca. Hautärzte warnten vor dem UV-Licht. Die Krebs-Hilfe stieg auf die Barrikaden. Bürger beschwerten sich über zugeklebte Schaufenster. Nicht nur für den Körper, auch für das Stadtbild sei die Sonnenbank schädlich.

Moderne Solarien können strukturschwache Gegenden durchaus beleben. - © Winterer
Moderne Solarien können strukturschwache Gegenden durchaus beleben. - © Winterer

Tatsächlich ist das Solarium so etwas wie das Sinnbild für schlechte Stadtplanung. Es galt über Jahrzehnte als Todbringer für das Erdgeschoss. Denn als die Greißler, die kleinen Modeboutiquen, die Buchhandlungen und die Familienunternehmen in den 1990er-Jahren starben, füllten Solarien, Nagelstudios, Wettcafés, Hundesalons die Lücke. Sie zeigten sich in Zeiten des globalisierten Online-Handels und der großen internationalen Ketten als erstaunlich resistent. Schließlich konnte man ihr Angebot nicht per Mausklick bestellen. Was blieb waren Grätzl ohne Charme und Identität. "Früher war hier ein Kaffeehaus, jetzt ein Sonnenstudio", lautete die Klage. Doch das Blatt hat sich gewendet. Heute ist es genau umgekehrt. Nicht das Kaffeehaus, sondern das Solarium stirbt. Wird jetzt alles wieder gut?

Solarien-Chef sitzt für die Grünen im Gemeindrat

Laut Wiener Wirtschaftskammer hat sich die Zahl der Solarien in Wien in den vergangenen 18 Jahren halbiert. Gab es 2001 noch 271 Solarien innerhalb der Stadtgrenze, waren es im Jahr 2019 nur noch 129. Der Trend ist eindeutig. Immer weniger Menschen lassen sich im Solarium bräunen. Das hat vielfältige Gründe. Die Grillsaison ist vorbei. Künstliche Bräune nicht mehr in Mode. Noble Blässe ist angesagt. Seit August 2009 dürfen außerdem nur noch über 18-Jährige auf die Sonnenbank. In den Jahren nach der Gesetzesverschärfung brach die Zahl der Solarien-Betreiber stark ein. Gleichzeitig sperrten immer mehr Fitnessstudios auf. Große Ketten wie McFit, FitInn, John Harris und Konsorten drängten auf den Markt. Sie alle bieten zu günstigen Preisen Bräunung an. "Einen großen Anteil am Rückgang hatten aber mit Sicherheit auch die bösartigen Kampagnen der Pharmafirmen, die ihre eigenen Produkte wie Melanotan-Spritzen, Bräunungstabletten- und cremen vermarkten wollten", sagt Hans Arsenovic. "Sie lobbyieren gegen die Sonne. UV-Strahlung wird als böse und gefährlich verkauft."

Arsenovic ist Gründer und Geschäftsführer der Sun Company. Mit dem Slogan "Unser einziger Konkurrent ist die Sonne" gibt sich das Unternehmen selbstbewusst. Den gelben Schriftzug mit der lachenden Sonne kennt man in Wien. Mit 17 Filialen ist die Sun Company Marktführer. Doch Arsenovic hat noch eine andere Seite. Er sitzt für die Grünen im Wiener Gemeinderat - ist also Chef der größten Solarien-Kette der Stadt und Mitglied einer Öko-Partei, die sich für Grätzl-Belebung, Urban-Gardening und Stromsparen stark macht. Ein Widerspruch? Müsste der Politiker Arsenovic nicht gegen den Unternehmer Arsenovic vorgehen? Findet Arsenovic nicht. In beiden Funktionen kennt er die Problematik Erdgeschoßzone. In beiden Funktionen will er sie beleben.

Mit dem Erdgeschoß steht und fällt der Charme einer Stadt. Sie ist ihr Wesen. Denn sie gibt ihr Identität, Charakter und Flair. "Das Erdgeschoss gilt als Grenzbereich zwischen öffentlich und privat", schreibt der Stadtplanungsdirektor der Stadt Wien Thomas Madreiter in der Studie "Perspektive Erdgeschoß". Stadtplaner haben sie längst als Schlüssel für "funktionierende" Straßenzüge erkannt. Im Idealfall fühlen sich alle Bürger einer Stadt in der Erdgeschosszone wohl. Von der Geschäftsfrau über die Pensionistin bis hin zum Studenten. Doch der Idealfall ist kaum zu erreichen. Zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse der Bewohner. "Gerade in neuen Stadtteilen ist es ungemein schwierig, eine vielfältige oder ideale Erdgeschoßzone zu etablieren. Die Gründe dazu sind vielfältig: Baustellenprozesse, nicht ausreichende Nachfrage, nicht etablierte Lage, hohen Mieten, unsicherer Markt", sagt Rudolf Scheuvens, Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien.

Kein Branchen-Mix in Bobo-Town

Schleifmühlgasse, Yppenplatz, Karmelitermarkt - allesamt in aufstrebenden Stadtteilen - gelten als gelungene Beispiele mit ihren Szenecafés, Galerien, Geschäften, Gastgärten, Begrünungen. Unterschiedlichste Menschen sitzen auf Parkbänke in der Wintersonne. Kinder schaukeln am Spielplatz. Eine Frau schaut in die Auslage einer Modeboutique. Simmeringer Hauptstraße und Sechshauser Straße in Rudolfsheim-Fünfhaus gelten dagegen als Schandflecke - mit ihren Ramschläden, Tankstellen, Handyshops, Nagelstudios und eben Solarien. Die Schaufenster sind mit Werbung verklebt. Passanten starren auf den Boden oder auf das Handy. Die Fluktuation ist hoch. Die Lokale wechseln Besitzer und Nutzung am laufenden Band. Wo im Vorjahr noch ein Friseur war, ist plötzlich ein Nagelstudio. Wie eine Bestandsaufnahme der Gebietsbetreuung zeigt, waren in der Sechshauser Straße lediglich 28 Prozent der Lokale aus dem Jahr 1998 im Jahr 2010 noch dieselben.

"Das Problem ist nicht, dass es Solarien gibt, sondern, dass es oft keinen Branchen-Mix gibt", sagt Arsenovic. "Ein Solarium im Grätzl ist nicht per se schlecht. Es gibt schließlich die Nachfrage. Wieso soll die nicht gestillt werden? Es sollte beides geben. Die Bäckerei und das Solarium." Werden jedoch ganze Straßenzüge von "Trash-Gewerbe" wie Nagelstudios und Wettcafés okkupiert, leidet die Atmosphäre des Grätzls. Es ist ein Teufelskreis. Sind in einem Stadtteil die Mieten niedrig, siedeln sich dort eher einkommensschwache Teile der Bevölkerung an. Sie sind die Zielgruppe von Billigshops, Nagelstudios, Wettcafés, Solarien und Co. Diese Branchen profitieren wiederum von den günstigen Mieten. So werden aus Buchhandlungen Solarien.

Das Pendel kann aber auch in die andere Richtung ausschlagen. Wird ein Stadtteil aufgewertet, zieht er zahlungskräftiges Publikum an. Die ursprünglichen Bewohner werden verdrängt. Der Effekt geistert seit Jahren unter dem Schlagwort Gentrifizierung durch die Medien. Einem Gewerbe-Mix ist auch diese Entwicklung wenig dienlich. Schicke Bäckereien, Lokale und Cafés reihen sich plötzlich aneinander. Die Solarien sind verschwunden.

"Alles ist besser als Leerstand"

Auf dem Radetzkyplatz im 3. Bezirk herrscht mitten im Februar Frühlingstreiben. Kinder flitzen auf Rollern am Würstelstand vorbei. Der Gastgarten im Café Menta ist gut gefüllt. Hier werden vegetarische Burger mit Grillgemüse, Feta, Hummus, Pesto und Minz-Joghurt zu Fritz Kola unter schwarzen Industrielampen serviert. Früher war hier ein Solarium. Heute kaum noch vorstellbar, zwischen dem Gasthaus Wild, dem indischen Lokal Indus und der Garage 01 mit ihren Retro-Sesseln und Backsteinwänden. Dem Platz hat es gut getan.

Doch nicht immer löst ein Szene-Café das Solarium ab. Werden die Sonnenliegen abtransportiert, bleibt oft die Leere. Wo die Simmeringer Hauptstraße in den Rennweg mündet steht ein zweigeschossiges Zinshaus. Es versteckt sich unter der Betonbrücke der Südosttangente. Eine trostlose Gegend - halb Wohn-, halb Gewerbegebiet. Viele Autohändler haben sich hier angesiedelt. Das Erdgeschoß des Gebäudes steht leer. Die Abluftkästen der Klimaanlagen hängen in den Fenstern. Die Scheiben sind mit gelber Folie verklebt. Schemenhaft ist ein Schriftzug erkennbar - "Sonnendusche". Das Solarium ist seit Jahren verschwunden. Nachmieter gibt es keinen. Auch das Nachbarhaus steht leer. Die Eingangstüre wurde zugemauert. Dazwischen ist die Einfahrt zu einer Tankstelle.

"Man kann vom Solarium halten was man will. Alles ist besser als Leerstand", sagt Arsenovic. Laut einer Erhebung der Beratungsgesellschaft Standort und Markt stehen in Wien sieben Prozent aller Geschäftslokale leer. Das sind rund 1000 Standorte. 500 sind der Wirtschaftskammer gemeldet. Das ist kein allzu dramatischer Wert, würde er sich gleichmäßig über die Stadt verteilen. Doch Leerstand tritt konzentriert auf. Eine Firma sperrt zu. Die Belegschaft geht nicht mehr ins Wirtshaus nebenan. Der Bäcker verkauft keine Weckerl mehr - weder an das Wirtshaus, noch an die Arbeiter. Schnell ist das Parterre verwaist. "Vor allem in strukturschwachen Gegenden kann sich ein Solarium als echter Treffpunkt im Grätzl etablieren", sagt Arsenovic.

Das "Trash-Gewerbe"
stirbt nicht aus

"Moderne Solarien bieten nicht nur Sonnenbänke. Wir haben auch Fitnessgeräte, einen Spa-Bereich, eine Bar. Hier kommen die Anrainer durchaus zusammen und quatschen." Auch die Auslagen der Sonnenstudios hätten sich verändert. Zugeklebte Schaufenster gäbe es kaum noch. "Sie tragen mit Sicherheit zur Belebung der Straße bei", sagt Arsenovic. Heute sei ein Solarium ein moderner Betrieb. "Wir haben gesundheitsbewusste Kunden, die vor dem Urlaub ein bis zwei Mal vorbeikommen, um ihre Haut an die UV-Strahlung zu gewöhnen. Oder Menschen mit Vitamin-D-Mangel. Täglich legt sich heute niemand mehr unter die Sonnenbank. Die Zeiten sind vorbei." Die 90er also. Als es viele, aber auch viele schlechte Solarien gab.

Sucht man heute auf Google-Maps nach Solarien verteilen sich nur noch wenige Pins über die Landkarte. Crazy Sun. Major Sun. El Sol. Sun & Fun. Hundesalons boomen jedoch ungebrochen weiter, Nagelstudios gibt es so viele wie nie zuvor. Im Jahr 2019 waren 542 gemeldet. Das "Trash-Gewerbe" stirbt also nicht aus. Nur das Solarium ist aus der Mode gekommen. Das weiß auch Stefan Petzner. Der verlautbarte unlängst, der Sonnenbank abgeschworen zu haben. Allerdings im Radio. Sein Gesicht sah man nicht.