Viele Wiener haben die Mundwinkel nach unten gezogen." Das fällt dem Pensionisten Erik, der von seiner Bank aus das Treiben am Rochus-Markt beobachtet, auf. Der klassische Wiener ist grantig, unfreundlich und raunzt. Und zwar aus Prinzip und möglichst oft, dazu braucht er gar keine Krise - so das Klischee. Die "Wiener Zeitung" hat sich in einem Lokalaugenschein auf die Spuren der angeblich (ur)typischen Wiener Grantigkeit begeben, sowohl vor als auch nach dem Covid-Lockdown.

In den Zeiten vor der Coronavirus-Pandemie schien es gar nicht schwer zu sein, auf den Straßen Wiens netten Menschen zu begegnen. Wie etwa Josef, der zur Mittagszeit auf einem Bankerl auf der Mariahilfer Straße seine Zigarette genoss. Es ist Anfang März, das Leben in der Stadt geht noch uneingeschränkt seinen Gang und der etwas festere Mann hat heute Zeitausgleich. Über eine herzliche Begrüßung freut sich der technische Angestellte: "Spricht mich endlich einmal eine schöne Frau an!" Er findet nicht, dass das alte Klischee stimmt: "Es gibt auch normale Wiener, die nicht grantig sind."

"Ich trinke auch gerne Wein und Bier, aber keinen Whisky und auch nicht oft." Für Josef trinken die Wiener zu viel Alkohol. - © Diva Shukoor
"Ich trinke auch gerne Wein und Bier, aber keinen Whisky und auch nicht oft." Für Josef trinken die Wiener zu viel Alkohol. - © Diva Shukoor

Einige Wochen später, wenige Schritte entfernt am weitläufigen Platz des Museumsquartiers, sieht die Stimmungslage anders aus. Mittlerweile ist der Hauptteil des Lockdowns überstanden und die ersten Lockerungen sind bereits in Kraft getreten. Ein pensionierter Architekt sitzt im Schatten auf einer Bank. Auf eine freundliche Begrüßung (mit Maske und Abstand) zieht sich der Wiener abrupt seine Mund-Nasenschutz Maske über und kontert abweisend: "Bleiben’S dort, wo Sie san."

"Vor allem die Grätzlbewohner reagieren eher aufgeschlossener." Für Franziska gibt es einen Zusammenhang zwischen Freundlichkeit und kleinem Umfeld. - © Diva Shukoor
"Vor allem die Grätzlbewohner reagieren eher aufgeschlossener." Für Franziska gibt es einen Zusammenhang zwischen Freundlichkeit und kleinem Umfeld. - © Diva Shukoor

Freundliche Reaktionen vor der Krise

Doch spulen wir den Film noch einmal ein Stück weit zurück. Wir befinden uns auf der Mariahilfer Straße. Das Wetter ist schön mit einer leichten Brise an diesem Montag dem 9. März. Auf einer Bank sitzt Franziska. Während sie auf ihre Freundin wartet, nimmt sie ein Sonnenbad zur Mittagszeit. Die blond gelockte Frau hat sieben Jahre in Wien gelebt - mittlerweile hat es sie nach Vorarlberg verschlagen. Nun ist sie auf Besuch in der Großstadt. Franziska hat die Erfahrung gemacht, dass es bei der Offenheit und Freundlichkeit der Wiener einen großen Unterschied zwischen Jung und Alt gibt. Und auch die Umgebung spielt eine Rolle: "Vor allem die Grätzlbewohner reagieren eher aufgeschlossener, weil sie sich in einem kleineren und gewohnten Umfeld bewegen", vermutet sie.

"Es gibt freundliche und unfreundliche Wiener." Lukas sieht den Gemütszustand der Wiener differenziert. - © Diva Shukoor
"Es gibt freundliche und unfreundliche Wiener." Lukas sieht den Gemütszustand der Wiener differenziert. - © Diva Shukoor

Weiter auf Wiens Shoppingmeile lehnt Valerie lässig an einer Litfaßsäule und raucht eine Zigarette. Ihre braunen Haare hat sie zu einem schlampigen Hipster-Dutt zusammengebunden. Auf ein freundliches "Hallo" reagiert die junge Erwachsene im ersten Moment irritiert, aber dennoch kommt ihr dabei ein verlegenes Grinsen über die Lippen. Die Wienerin arbeitet auf der Mariahilfer Straße in einem Geschäft und wird regelmäßig von Bettlern oder Spendensammlern angequatscht. Sie ist das also eigentlich gewohnt und nimmt es gelassen, aber: "Wie ich reagiere, kommt auch immer auf meine Tagesverfassung an. Heute bin ich müde, aber dafür ist das Wetter schön", sagt Valerie mit einem sympathischen Lächeln im Gesicht.

"Ich bewege mich immer in meiner Blase, wo die meisten extrovertiert sind."Michael ist Grantigkeit fremd. - © Diva Shukoor
"Ich bewege mich immer in meiner Blase, wo die meisten extrovertiert sind."Michael ist Grantigkeit fremd. - © Diva Shukoor

"Freundlicher als Budapest oder München"

Ein Kollege Valeries pausiert ebenfalls: David trägt ein schwarzes Kapperl und lehnt sich an der steinernen Mauer des U-Bahnaufgangs der Neubaugasse an, während er seinen "Coffee to go" in der Sonne schlürft. Er hat bereits in München und Budapest gelebt und findet, "die Wiener sind dagegen viel freundlicher". Das Klischee trifft seiner Meinung nach nicht zu. Dem kann Kamo, der am Ende der "Mahü" sitzt, nur zustimmen: Prinzipiell seien die Wiener sehr freundlich und hilfsbereit. Doch schnell beginnt der gebürtige Türke zu erzählen, dass die Wiener viel zu viel Alkohol trinken. Er fände es gut, wenn die Wiener ein bisschen weniger trinken würden. "Ich trinke auch gerne Wein und Bier, aber keinen Whisky und auch nicht oft", plaudert er aus seinem Nähkästchen.

"Wien hat sich in den letzten 20 Jahren verändert." Für Severin ist Grantigkeit in Wien ein Relikt aus der Vergangenheit. - © Diva Shukoor
"Wien hat sich in den letzten 20 Jahren verändert." Für Severin ist Grantigkeit in Wien ein Relikt aus der Vergangenheit. - © Diva Shukoor

Aber wo ist sie dann, die Wiener Grantigkeit? Vielleicht ist sie in den Untergrund gegangen. Nächster Halt, next stop: die U-Bahn. Wie wohl die Wiener in einer eher stressigen, ungewohnten Umgebung reagieren?

Ein junger Mann steht auf der Verbindungsfläche zweier Waggons. Michael wirkt etwas überfordert. "Wer bist du noch mal?", fragt der dünne Student, der in einen braun glänzenden Ledermantel gepackt ist, verlegen. Ihm selbst ist Grantigkeit eher fremd. "Ich bewege mich aber immer in meiner Blase, wo die meisten extrovertiert und offen so wie ich sind." Die älteren Wiener sind aber schon oft Grantler, meint er - aber natürlich nicht alle.

"Werte wie Empathie, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und gegenseitiges Unterstützen sind momentan deutlich spürbar." Erika hat nach 15 Jahren begonnen, mit ihrer Nachbarin zu reden. - © Diva Shukoor
"Werte wie Empathie, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und gegenseitiges Unterstützen sind momentan deutlich spürbar." Erika hat nach 15 Jahren begonnen, mit ihrer Nachbarin zu reden. - © Diva Shukoor

Wiener sind auch nach Corona-Krise freundlich

"Es gibt freundliche und unfreundliche Wiener. Gerade in der U-Bahn ist es aber eher untypisch, dass einen jemand anspricht. Es war jetzt aber nicht schlimm für mich", sagt der Mitte 30-jährige Lukas, der ein paar Plätze weiter sitzt. Dem stimmt der Student Christoph ("Bist du eine Verflossene, die ich vergessen habe?") zu: "Man kann das nicht pauschal
sagen, dass Wiener unfreundlich sind. Jeder hat mal einen schlechten Tag."

"Wenn die Wiener unfreundlich sind, liegt das wahrscheinlich daran, dass es uns hier so gut geht." Für Martha ist das Wiener Granteln ein paradoxes Phänomen. - © Diva Shukoor
"Wenn die Wiener unfreundlich sind, liegt das wahrscheinlich daran, dass es uns hier so gut geht." Für Martha ist das Wiener Granteln ein paradoxes Phänomen. - © Diva Shukoor

Viel war an diesem sonnigen 9. März, sechs Tage, bevor das öffentliche Leben wegen der Corona-Pandemie weitgehend stillgelegt wurde, von der Wiener Grantigkeit nicht zu spüren. Haben ihr vielleicht die wochenlangen Ausgangsbeschränkungen samt geschlossenen Wirtshäusern ein fruchtbares Umfeld beschert, um zu wachsen und zu gedeihen? Genau zwei Monate später, am 9. Mai, befinden wir uns abermals auf der Mariahilfer Straße. Tausende Kauflustige sind an diesem herrlich warmen Samstagnachmittag unterwegs, vor den Geschäften warten Menschenschlangen. Gerade in Zeiten, in denen man zu seinen Mitmenschen auf Distanz bleiben soll, wäre es nicht verwunderlich, dass mancher Wiener auf eine freundliche Begrüßung mit Skepsis reagiert.

Doch das ist nicht der Fall. Durch Corona habe sich die Gesinnung der Wiener zum Besseren gewandelt, meint Johanna. Das Grantlerte sei immer noch spürbar, so die Wienerin, doch es werde mehr gelächelt. "Werte wie Empathie, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und gegenseitiges Unterstützen sind momentan deutlich spürbar", sagt die schicke 50-Jährige. Das sei vorher nicht so gewesen. "Meine Nachbarin und ich haben auf einmal zu plaudern begonnen und wir wohnen eigentlich schon seit 15 Jahren nebeneinander."

Mehr Multikulti, weniger Streit in der Krise

"Die Wiener waren schon mal freundlicher", sagt dagegen Erika, die auf einer Bank im Schatten sitzt. "Durch das Multikulti in Wien sind sie aggressiver geworden", erzählt sie weiter. Die Wienerin findet aber, dass die Corona-Krise zu mehr Zusammenhalt und weniger Streit in den Familien geführt hat. Woher das die alleinlebende, pensionierte Krankenschwester weiß? "Ich wohn’ da beim Schwedenplatz und seh’ zu den Nachbarswohnungen rüber. Früher hab’ ich mehr Streit beobachtet."

Weniger auf ihr Umfeld, sondern ganz auf ihr Smartphone konzentriert, sitzt die braun gebrannte Steffi im Museumsquartier in der Sonne. Die 35-jährige Polizistin aus Wien findet, dass die Wiener vorsichtiger und weniger aufgeschlossen als vor der Krise sind - und auch sie selbst lässt eine gewisse Distanz spüren. Während des anfänglichen Smalltalks blickt sie immer wieder verlegen auf, tippt allerdings weiter in ihr Handy.

Auch Severin, der im Schneidersitz auf der anderen Seite des großen Platzes sitzt, muss sich erst von seinem Handy losreißen. "Ich dachte am Anfang, dass es sich um ein Telefonat handeln muss und nicht ich mit der Anrede gemeint bin", erklärt der 38-Jährige seine Abwesenheit. Er habe es am Anfang befremdlich, dann aber sehr sympathisch gefunden, dass er angesprochen wird. "Es kommt auch darauf an, wo man angesprochen wird. Hier rechnet man schon eher damit als zum Beispiel in Favoriten, weil es ein großer offener Platz ist, wo Menschen miteinander in Kontakt treten", sagt der Fotograf. Severin findet nicht, dass das Klischee des unfreundlichen Wieners zutrifft. Ganz im Gegenteil: "Wien hat sich in den letzten 20 Jahren verändert." Anders ist Wien aber immer noch.

Von Grantigkeit geprägte Kindheit

"Die Wiener sind sicher unfreundlicher als in anderen Bundesländern Österreichs. Ich gehöre da leider auch ein bisschen dazu. Vor allem früher, als ich noch jünger war", gibt die 18-jährige Martha, die wir 22 Meter unter der Neubaugasse in der U3 treffen, etwas schüchtern zu. "Wenn die Wiener unfreundlich sind, liegt das wahrscheinlich daran, dass es uns hier so gut geht", setzt Martha fort. In Ländern, wo Armut herrscht, gebe es sicher mehr Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft. Für Martha ist die Unfreundlichkeit der Hauptstadt in der Corona-Zeit deutlicher wahrnehmbar: "Selbst, wenn ich auf Sicherheitsabstand meine Maske abnehme, werde ich gleich finster angeschaut." Aber das gehört vielleicht zur "neuen Normalität", in der der Alltag nun von Distanzverordnungen bestimmt ist, dazu.