Die Einheimischen am Stammtisch haben immer so freundlich herübergegrüßt. Sie haben die Schnapskarten weggelegt, sich nach dem Wohlbefinden erkundigt, auf die Schulter geklopft. Auch am Bauernmarkt ging sich immer eine Plauderei aus. Sogar die Nachbarn waren nett. Rasenmäher, Leiter, Scheibtruhe? Gerne und jederzeit! Und danach gab es noch ein Stehbier im Garten. So richtig assimiliert habe man sich gefühlt. Aufgenommen. Dazugehörig. Ein Teil der Gruppe. Ein Teil vom Dorf. Und jetzt das: Über Nacht haben sie einem einfach das Wasser abgedreht.

In der Corona-Krise fällt die Potemkinsche Fassade. Schnell wird klar, wer wirklich dazugehört - und wer nicht. Die "Zuagrasten" sind es nicht. Den Besitzern von Zweitwohnsitzen wurde das Gartentürl vor der Nase zugeschlagen. In Kritzendorf in der Stadtgemeinde Klosterneuburg war man wenig zimperlich. Den Wochenendhäuschen der Wienerinnen und Wiener drehte die Gemeindeverwaltung kurzerhand den Trinkwasserhahn zu. Sie sollen die Krise doch bitte in der Stadt aussitzen. Daheim bleiben. Und nicht die Viren aufs Land tragen.

183.611 Nebenwohnsitze von Wienern

Die Episode erzählt viel über eine komplizierte Beziehung. Zwischen der Hauptstadt und ihrem Umland. Zwischen Wien und dem Speckgürtel. Zwischen Wochenendhäuslern und einheimischen Niederösterreichern. Der "Wiener Zeitung" liegen erstmals die detaillierten Zahlen von Nebenwohnsitzen von Wienerinnen und Wienern nach Gemeinden vor. Zweitwohnsitze also, die von Menschen mit Hauptwohnsitz in Wien gemeldet wurden. Die MA23 (Wirtschaft, Arbeit und Statistik) hat sie erhoben. Anfang 2019 gab es in Österreich exakt 183.611 Nebenwohnsitze von Wienerinnen und Wienern außerhalb der Bundeshauptstadt. Allein in Niederösterreich sind es mit 108.565 weit mehr als die Hälfte. Das Gros davon befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Bundeshauptstadt - im sogenannten Speckgürtel. In manchen Gemeinden stellen sie rund 20 Prozent aller Meldungen. Tendenz steigend.



Es sind Hütten in Kleingärten, Wohnungen neben der Kirche am Hauptplatz, Villen im Wienerwald, klassische Einfamilienhäuser. Sie stehen in Klosterneuburg, Purkersdorf, Gablitz, Tullner- und Mauerbach, Vösendorf, Gießhübl, Niederhollabrunn, Perchtoldsdorf, Scharndorf, Langenzersdorf, Gumpoldskirchen. Sie stehen in allen 183 Gemeinden der Stadtregion Wien-Niederösterreich, wie der Wiener Ballungsraum genannt wird. Denn die Großstädter zieht es in Scharen aufs Land. Die Frage Stadt oder Land stellt sich für viele nicht mehr. Sie können beides haben. Und sie nehmen sich beides.

Laut Gemeindebund ist der durchschnittliche Zweitwohnsitzer jung, Akademiker und kommt aus der Stadt. Meist entscheidet er sich für einen Zweitwohnsitz am Land, wenn er eine Familie gründet.

Viele haben die Häuser von Eltern und Großeltern geerbt. Andere investieren all ihre Ersparnisse in ihr Domizil. Wieder andere werken jede freie Minute am Bastlerhit im Grünen. Unter der Woche arbeiten sie in der Stadt, gehen abends ins Theater, ins Kino, ins Konzert. Treffen Freunde in Lokalen. Genießen die Vorzüge der Metropole. Am Freitag packen sie ihre sieben Sachen und fahren ins Dorf. Im Garten legen sie Gemüsebeete an. Im Wienerwald pflücken sie Bärlauch. Im Gemeinde-Freibad erholen sie sich von der Hitze der Großstadt. Und im Landwirtshaus wollen sie mit den Einheimischen politisieren. Das perfekte Leben. Mondäne Urbanität und idyllisches Landleben in einem. Doch so schön dieser Lebensstil auch sein mag, er birgt eine ganze Reihe gesellschaftlicher Probleme.

Dörfer voller SUVs und Architektenhäuser

"Unterschätzte Probleme", wie Petra Hirschler sagt. Die Raumplanerin an der TU Wien sieht die steigende Anzahl an Zweitwohnsitzen im Wiener Umland kritisch. "Es sind keine klassischen Zweitwohnsitze wie etwa die Häuser der Sommerfrischler in Tirol oder im Salzkammergut. Sie werden viel öfter genutzt." Das führt dazu, dass die Grenze zwischen Zweit- und Hauptwohnsitz verschwimmt.

Entlang der Linzer Straße wachsen die beiden Gemeinden Purkersdorf und Gablitz zusammen. Zwischen Asphaltband und Gewerbebetriebe schlängelt sich der Gablitzbach. Auf den Hängen dahinter stehen moderne Architektenhäuser neben Reihenhäusern und Gartenlauben. Schmale Zufahrtsstraßen durchziehen die Siedlungen. Die Buchen des Wienerwaldes werfen ihre Schatten in die Gärten. Es ist eine malerische Lage. Wald, Wiesen, Natur. Vor den Thujenhecken und Metalleinfriedungen stehen teure Autos. Hier ein BMW, dort ein Cabrio, viele SUVs. Ihre Kennzeichen verraten die Hauptwohnsitze ihrer Besitzer. In jedem Straßenzug steht ein Auto mit Wiener Nummerntafel. In Purkersdorf gibt es 838 Nebenwohnsitze von Wienerinnen und Wienern. In Gablitz 646. Viele von ihnen haben ihren Lebensmittelpunkt längst im Wienerwald. Sie verbringen den Großteil ihres Alltags im Speckgürtel, bleiben allerdings in Wien hauptgemeldet. "Weil sie dort ihr Anrecht auf das Parkpickerl, den Platz für ihr Kind im städtischen Kindergarten oder ihre günstige - im Sommer oft monatelang leerstehende - Gemeindebauwohnung nicht verlieren möchten", sagt Hirschler.

Zweitwohnsitzende Wiener sind Preistreiber

Das macht sie zu nicht unerheblichen Treibern von Mietpreisen in der Stadt und Bodenpreisen auf dem Land. Es ist das alte Spiel von Angebot und Nachfrage. Gibt es wenige freie Wohnungen in Wien, steigen die Preise, denn die Nachfrage ist enorm. Auf dem Land besetzten die Zweitwohnsitzer wiederum den Platz für Menschen, die ausschließlich dort leben möchten. "Selbst wenn sich die Wienerinnen und Wiener ein altes Haus kaufen, wird dadurch der Wohnraum knapper." In der Folge werden Wiesen zu Bauland umgewidmet. Zersiedelung findet statt. "Ein nachhaltiger Umgang mit Boden ist das nicht", sagt Hirschler. Der Speckgürtel steht ohnehin unter gewaltigem Entwicklungsdruck. In manchen Gemeinden ist die Bevölkerung in den vergangenen zehn Jahren um 20 Prozent gewachsen. Zweitwohnsitze exklusive. Freuen sich strukturschwache Gegenden im Waldviertel etwa über die Wochenend-Bauernhäuser der Wiener, ist es im Wiener Umland genau umgekehrt. Hier werden die Hauptstädter skeptisch betrachtet.

In Klosterneuburg gibt es mit 3247 die mit Abstand meisten Zweitwohnsitze, die von Wienern gemeldet wurden. - © Bwag/Wikimedia
In Klosterneuburg gibt es mit 3247 die mit Abstand meisten Zweitwohnsitze, die von Wienern gemeldet wurden. - © Bwag/Wikimedia

Skeptisch betrachtet sie Stefan Schmuckenschlager (ÖVP) nicht. Er ist Bürgermeister von Klosterneuburg. Hier gibt es mit 3247 die mit Abstand meisten Zweitwohnsitze, die von Wienern gemeldet wurden. Schmuckenschlager würde sich von ihnen trotzdem etwas wünschen. "Ich möchte sie freundlich einladen, dauerhaft Klosterneuburger zu werden", sagt er gegenüber der "Wiener Zeitung". Schmuckenschlager geht viel Geld in der Stadtkasse ab, weil viele Wien und eben nicht Klosterneuburg als Hauptwohnsitz angeben. Denn der Bund schüttet pro Einwohner mit Hauptwohnsitz jährlich 900 Euro aus. Bei rund 7000 Zweitwohnsitzern in Klosterneuburg wären das immerhin sechs Millionen Euro pro Jahr. Geld, das in Infrastruktur fließen würde, die alle nutzen - in Straßen, Freibäder, Kinderspielplätze, die Schneeräumung. Schmuckenschlager tritt deshalb für die Einhebung einer Gemeindeabgabe für Ferien- und Zweitwohnsitze ein. Und Schmuckenschlager ist nicht alleine. Auch andere Bürgermeister der Region wollen Menschen mit Zweitwohnsitz zur Kasse bitten. "Eine Abgabe wäre als Ausgleich für die betroffenen Gemeinden positiv", sagt auch der Bürgermeister von Perchtoldsdorf, Martin Schuster (ÖVP).

Bundesländer führen Abgabe für Zweitwohnsitz ein

Keine illusorische Forderung. Denn die Zweitwohnsitzabgabe existiert derzeit in Kärnten, Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Sie gehört zu den Tourismusabgaben. "Wir schätzen die Einnahmen auf zirka 20 bis 30 Millionen Euro jährlich", sagt Sotiria Peischl, Pressesprecherin des Gemeindebundes. "Das Kriterium für die Höhe der Abgabe ist in der Regel die Größe des Wohnraums", sagt sie. "Als Richtwert gelten etwa zehn Euro pro Quadratmeter." Doch die reale Spannweite ist breit. Oberösterreich ist mit maximalen 180 Euro im Jahr am unteren Rand, während Kärnten für große Wohnungen bis zu 777 Euro verlangt. Im Bundesland Salzburg gibt es außerdem sogenannte Zweitwohnsitz-Beschränkungsgemeinden. In denen wurde eine gewisse Quote für Zweitwohnsitze festgelegt. Ist diese überschritten, werden keine neuen mehr genehmigt.

Als bundesweite Interessenvertretung der Gemeinden stößt sich der Gemeindebund am unterschiedlichen Umgang der Bundesländer mit den Zweitwohnsitzen. Nebenwohnsitze gibt es in Österreich seit 30 Jahren. Davor war es möglich, mehrere Hauptwohnsitze zu haben. Erst das Meldegesetz von 1991 unterschied zwischen Haupt- und Nebenwohnsitz. Seither finden die Bundesländer unterschiedliche Herangehensweisen. "Es ist eine sehr heterogene Situation", sagt Peischl. Natürlich sei die Lage im touristischen Westen eine andere wie im Rest des Landes. Wenig bebaubares Land trifft hier auf viele Menschen, die sich ein eigenes Haus für den Urlaub in den Alpen wünschen. Den massiven Boom an Zweitwohnsitzen versuchen die Behörden in Tirol, Vorarlberg und Salzburg seit Jahren zu bremsen. "Im Osten dachte man lange, Boden sei eine unendliche Ressource."

Das Ost-West-Gefälle an Grund und Boden erklärt jedoch nicht die Unterschiede im Wahlrecht in puncto Nebenwohnsitz. Denn nur in Niederösterreich und im Burgenland können Menschen mit Zweitwohnsitz auch auf kommunaler Ebene mitbestimmen, also den Bürgermeister wählen. Das führt zu einem beinahe skurrilen Ungleichgewicht. Ein Wiener mit Gartenlaube in Gießhübl durfte Ende Jänner bei den Gemeinderatswahlen in Niederösterreich sein Kreuzerl machen. Ein Gießhübler mit einer Wohnung in Simmering ist bei der Wiener Gemeinderatswahl im Herbst allerdings ausgeschlossen. Sollten laut Österreichischer Bundesverfassung nicht alle Staatsbürger gleich sein?

Unterschiedliches Wahlrecht von Verfassung gedeckt

"Dem Gleichheitssatz der Verfassung widerspricht die Regelung nicht", sagt der Verfassungsjurist Peter Bußjäger. Denn in Artikel 6 des Bundes-Verfassungsgesetzes steht: "Jene Staatsbürger, die in einem Land den Hauptwohnsitz haben, sind dessen Landesbürger; die Landesgesetze können jedoch vorsehen, dass auch Staatsbürger, die in einem Land einen Wohnsitz, nicht aber den Hauptwohnsitz haben, dessen Landesbürger sind." Es könnten also alle Bundesländer das Wahlrecht für Menschen mit Nebenwohnsitz einführen.

Tun sie aber nicht. "Dahinter stecken natürlich handfeste politische Überlegungen", sagt Bußjäger. Die ortet die Opposition auch in Niederösterreich. Denn hier dürfen die Zweitwohnsitzer zwar wählen, allerdings nicht alle. Wer wählen darf, entscheiden nämlich die Bürgermeister. Und so mussten Wienerinnen und Wienern mit Zweitwohnsitz im Speckgürtel auf den knappen Zeilen eines Formulars ihre wirtschaftliche, berufliche und gesellschaftliche Integration innerhalb der Gemeinde erklären. War die Behörde zufrieden, durfte gewählt werden. War sie es nicht, eben nicht. "Willkür", schrie die Opposition. Es werde auf "Basis klarer Gesetze" entschieden, hielt der ÖVP-Landtagsklub dagegen.

Auch das war Thema in den Wirtshäusern zwischen Altlengbach und Untersiebenbrunn. Nach ein paar Bier war man meist einer Meinung. Durch das Reden kommen die Leute zusammen, heißt es. Das ist die beste Integration. Dann kam Corona. Und ins Wirtshaus ging erst einmal niemand mehr. Die Städter kamen trotzdem aufs Land. Im Garten ließ sich die Isolation leichter ertragen. Doch ganz so dazugehörig fühlte man sich nicht mehr.

Die Einheimischen empfanden die Wiener Nummerntaferl eher als Bedrohung. Gegrüßt wurde kaum noch. Rasenmäher nicht mehr verborgt. Und plötzlich war das Wasser weg. Psychologen wissen: In der Krise sorgt man für sich und seine soziale Gruppe. Und zu der wird der Wiener eben nie gehören.