Er ist wohl eine der originellsten "Institutionen" der Stadt. Der beliebte, besonders witzige Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg steht heute allen israelitischen Kultusgemeinden des Landes als oberste religiöse Autorität vor - außer jener in der Bundeshauptstadt.

Diese Funktion hatte der am 26. Juni 1950 Geborene bis 2016 auch in Wien inne. Die Ablöse hier erfolgte nicht ganz freiwillig. "Wo zwei Juden sind, gibt es mindestens drei Meinungen", lautet ein alter jiddischer Witz. Der könnte in diesem Zusammenhang glatt von Eisenbergs Lippen stammen. Er ist nämlich ein wandelndes Lexikon humorvoller jüdischer Sprüche und Weisheiten.

Interne Reibereien, verschiedener Glaubens-Strömungen von orthodox bis liberal, Eheprobleme und somit unterschiedliche Meinungen zur Person Einsenbergs führten zur Teilung der Funktion in Wien und dem Rest Österreichs. Es war eine Art selbst mitbestimmter Kompromiss. Jetzt steht Eisenberg eben den Gemeinden Graz, Linz, Innsbruck, Salzburg und Baden vor. Dort sind Orthodoxe weniger stark.

Außerhalb jüdischer Zirkel erfreut sich der blitzgescheite Eisenberg als Brückenbauer zu anderen Kulturen und Religionsgemeinschaften ohnehin völlig ungebrochener Popularität. Das liegt an seinem menschlichen Auftreten in Öffentlichkeit und Medien sowie seinen immer "lebensweisen" Erklärungen. Ein Beispiel: "Was ist der Unterschied zwischen einem Rabbiner und Oberrabbiner? Der Rabbiner ist für Regeln zuständig, der Oberrabbiner kennt und lebt alle Ausnahmen."

Folgerichtig erschien im Brandstätter Verlag kürzlich auch des Oberrabbiners Kompendium von "Jüdischen Weisheiten für alle Lebenslagen" in einer Art Lexikon. Der Titel: "Das ABC vom Glück".

Eisenberg ist das, was mit in Wien "eine Düsen" nennt. Sein Witz ist aber immer der eines lebensklugen, weisen Rabbiners, nie der eines Clowns. Das Rabbinertum wurde dem "Pauli" wie ihn Sympathisanten liebevoll nennen, in die Wiege gelegt. Der Vater war der aus Budapest stammende berühmte Akiba oder Béla Eisenberg, selbst als langjähriger Oberrabbiner eine fixe Säule im jüdischen Wiederaufbau-Wien.

Nonkonformist "Pauli" wollte bloß Mathematik studieren. Weil die meisten jungen Juden damals als Fußball-Anhänger zu Austria-Wien tendierten, wurde Paul Rapid-Fan. So erntete er erste kultusinterne Watschen, weil Rapidler als eher antisemitisch galten. Dabei gibt Eisenberg zu, von Fußball bis heute keinerlei Ahnung zu haben. "Ich halte am liebsten zu denen, die gewinnen."

Paul Chaim entschied sich schließlich doch noch zu einer religiösen Laufbahn. Er studierte und predigte in angesehensten jüdischen Rabbinats-Schulen in den USA, Israel und Europa. Seine außerordentlich schöne Gesangstimme kam ihm bei den jüdischen Riten besonders zu Gute.

Mit ihr war er schon als Jugendlicher aufgefallen. Bis heute rockt und jazzt der Oberrabbiner manchmal auf Bühnen der Stadt. Mit einem ehemaligen evangelischen Superintendenten und einem Repräsentanten der katholischen Bischofskonferenz hat er eine Art "Rentnerband" gegründet. Sie tritt ausschließlich für wohltätige Zwecke in Erscheinung. Höhepunkt solcher Auftritte, gesungen von Paul Chaim Eisenberg: "Wenn der Herrgott net wü‘, nutzt es gar nix".