Aufklärung über nähere Umstände eines Falles von Kunstvandalismus wurde Anfang November in den "Wiener G‘schichten" versprochen. Jetzt scheinen die Hintergründe der Zerstörung des Brunnens "Nassen Steins" von Architekt Wilhelm Holzbauer (1939-2019) weitgehend geklärt.

"Wiener Zeitung"-Leser Klaus Matzka hatte im Sommer eine Spur im Fall gelegt. Ihm fiel auf, dass sich der Brunnen nicht mehr am Standort am Eingang vor dem Donauspital befand. Diese Veränderung war nicht jedermann ins Auge gesprungen, gab es doch lange allerlei Umbauarbeiten, Reparaturen sowie Covid-bedingte Umleitungen beim Zugang. Dem aufmerksamen Kunstliebhaber und Ex-Kameramann Klaus Matzka entging das Fehlen aber nicht und er alarmierte die Redaktion.

Der verloren gegangene Brunnen war zweifellos künstlerisch wertvoll: Schließlich hat ihn doch der erlauchte Kunstsenat der Stadt Wien 1973 für die damals neue Fußgängerzone in der Kärntner Straße selbst ausgesucht. Und er findet sich sogar noch in deutschen Nachschlagewerken.

Was folgte, wurde hier schon erzählt und sei daher nur im Telegrammstil zusammengefasst: Der Brunnen war in der Innenstadt unbeliebt. Er wurde oft als Pissoirwand bezeichnet und auch als solche genutzt. Als echtes Danaergeschenk wanderte er dann in das "SMZ-Ost". Die heutige "Klinik Donaustadt" wurde mit dem Schaustück moderner Wiener Kunst "zwangsbeglückt".

Ab 2014 begann man im Zuge der Erweiterung der U-Bahn den Spitalseingang umzuplanen. Er sollte barrierefrei werden. Der ohnehin ungeliebte Brunnen erwies sich als Hürde. Auch dort soll der "Nasse Stein" gelegentlich von wenig kultivierten Besuchern mit einer Bedürfnisanstalt verwechselt worden sein. Der Umbau bot dem Spital eine Gelegenheit, den Brunnen loszuwerden. Das bedurfte aber bei einem anerkannten Kunstwerk doch überlegter Strategie. In der für die Umbauten zuständigen Technischen Direktion gebar man eine Idee: Wenn man den Brunnen in der Stadt nicht anbringen sollte, könnte man ja seine Granitplatte in einen Stiegenaufgang einfügen. Aus der so angelegten Optik wäre dann auch noch Respekt gegenüber dem Kunstwerk ablesbar. Also wurde ein Architekt vom Spital beauftragt, Magistratsabteilungen mit Zuständigkeiten von Bau über Brunnen bis Kultur zu konsultieren, ob der Brunnen abgetragen werden könnte. Pikanterweise war im vorgelegten Schriftverkehr dazu gar nicht von einem Holzbauer-Brunnen die Rede. Der Architekt des Umbaus erklärte der "Wiener Zeitung", er habe damals gar nichts von Holzbauers Urheberschaft gewusst und strikt im Auftrag gehandelt. Jedenfalls reagierten die anderen Magistratsabteilungen gar nicht oder erklärten sich für den falsch benannten Brunnen unzuständig. Daraus interpretierte die Technik im Spital freie Bahn für die Filetierung.

Für Holzbauers Mitplaner Architekt Dimitris Manikas ein "politischer Vandalismus". Er zeigt sich "empört". Auch Architekt Otto Häuselmayer, ehemals Mitarbeiter Holzbauers, der an der Detailplanung der Fußgängerzone mitwirkte, erblickt "ästhetischen Vandalismus". Er habe seinerzeit "alles im Detail gezeichnet. Diese Lösung jetzt ist vollkommen unsinnig und wirklich sehr rüde." Auch im Büro der Kulturstadträtin sorgt die Zerstörung des Brunnens für Kopfschütteln. Erst durch Berichte der "Wiener Zeitung" habe man davon erfahren, sagte eine Sprecherin: "Das hat so gar niemand gewusst, und weil unzuständig, konnten wir auch nicht tätig werden." Häuselmayers Resumee: "Eine echte Wiener und österreichische Lösung."