Nach Jahren der Planung herrscht nun Aufbruchstimmung im Siebensternviertel. In Kürze ist Baustart zur U2-Verlängerung in der Kirchengasse. Vorbereitungsarbeiten, wie Stations- und Einbautenverlegungen, Fahrbahnverstärkungen, Schleppkurvenerrichtungen, Fundamentstabilisierungen oder Verkehrsleitsystemen sind abgeschlossen. Was bedeutet das nun für die jeweiligen Akteure, Anwohner und Unternehmer? Konsens besteht darin, dass ein U-Bahn-Ausbau mitten im Zentrum öffentliche Mobilität weiter fördert und das Siebensternviertel mittelfristig aufwerten wird - bevor es jedoch so weit ist, gilt es gemeinsam viele künftige Herausforderungen zu bewältigen.

Durch den Ausbau der U2/U5 werden U6, U3, U4 und die Schnellbahn miteinander verknüpft. Bislang im öffentlichen Netz peripher erschlossene Gebiete wie der Wienerberg werden zudem angebunden. Das Fahrgastaufkommen des zukünftigen U2/U3-Knotens Kirchengasse/Neubaugasse soll laut Verkehrsplanern etwa dem des Stephansplatzes entsprechen. Mit dieser Station in rund 35 Metern unter der Erde wird die tiefste Station im Wiener U-Bahn-Netz errichtet. Während die Tunnelröhren unterirdisch - vor allem vom Matzleinsdorfer Platz - vorangetrieben werden, werden die Stationen von oben eingerichtet.

Der bevorstehende U-Bahnbau in der Kirchengasse sorgt für Zuversicht und Verunsicherung gleichermaßen. - © M. Heintel
Der bevorstehende U-Bahnbau in der Kirchengasse sorgt für Zuversicht und Verunsicherung gleichermaßen. - © M. Heintel

"Mit dem Öffi-Ausbau U2/U5 kehrt der U-Bahn-Bau zurück ins Zentrum der Stadt. Bautechnisch ist das für Mensch und Maschine natürlich eine große Herausforderung, gerade bei den beengten Verhältnissen im Bereich der Kirchengasse. Mit einer durchdachten Planung und Baulogistik werden wir auch dieses Jahrhundertprojekt verlässlich und sicher über die Bühne bringen", verspricht Gerhard Ullmann, zuständiger Bauleiter der Wiener Linien vor dem Start.

Komplexe Baustelle
in komplexem Gebiet

Das Siebensternviertel gehört zu den am dichtesten verbauten innerstädtischen Gebieten mit einem hohen Anteil gründerzeitlicher Bebauung. Das Siebensternviertel ist Wohngebiet und durch eine sehr vielfältige kleinteilige Struktur von Geschäften, Spezialisten und Unternehmen gekennzeichnet. Im Gegensatz zu anderen Teilen der Stadt funktionieren hier die Einkaufsstraßen. Sie bilden gemeinsam mit einer Vielzahl an Lokalen einen guten Mix und stellen das urbane Flair des Grätzls dar, das seit Jahrzehnten viele Personen zum Einkaufen sowie Touristen anzieht. All diese Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass es sich um einen der komplexesten Baustellenabschnitte im Wiener U-Bahn-Netz seit ihrem Bestehen handelt.

Die Herausforderungen für die nächsten Jahre sind vielschichtig, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Während die Wiener Linien eine U-Bahn vorwiegend im Untergrund bauen, bedeutet dies jedoch gleichzeitig massive Auswirkungen für die Oberfläche in den jeweiligen Stationsbereichen und auch dort, wo Notausstiege und Belüftungsanlagen vorgesehen sind. Dies zeigt einen Grundwiderspruch auf, nämlich den, dass sich die Interessen der Baustellenabwicklung nicht unmittelbar mit den Interessen der Geschäftsleute und Anwohner decken müssen.

Heiße Phase von April 2021
bis Februar 2022

Hier geht es zum einen um Lärm-, Erschütterungs- und Staubbelästigung, zum anderen um die Organisation des gemeinsamen Zeitfensters, vor allem während der beginnenden Bauphase, bei der die Oberfläche besonders betroffen sein wird. Nach heutigem Planungsstand werden die Bohrpfähle von April 2021 bis Februar 2022 gesetzt. Das wird die Phase der höchsten Belastung für das Grätzl. Fragen zu temporärer Mietreduktion für Geschäftsleute und Lokalbetreiber, Ausweichquartieren während der Bauphase, zur An- und Abfahrt des Liefer- wie Individualverkehrs spielen dabei ebenso eine Rolle wie Fragen zum Baustellenmarketing, damit das Siebensternviertel auch während der Bauphase sichtbar bleibt.

Sibylla Zech, Professorin für Regionalplanung an der TU-Wien und Geschäftsführerin des Planungsbüros Stadtland in der Kirchengasse direkt am neu geplanten Ausgang beim Siebensternplatz, bringt diesen Widerspruch auf den Punkt: "Für die Planerin und die Wissenschafterin in mir ist klar: Die neue U-Bahn-Linie U2/U5 in den Siebenten ist ein wichtiges und zukunftsfähiges Vorhaben. Als Leiterin eines Büros mit den Hauptfenstern direkt auf die kommende Baustelle hinaus bin ich hingegen in großer Sorge. Der Hauseigentümer hat vorsorglich die Fenster saniert, aber wird das im heißen Sommer helfen? Wird sich unser Team auf etwa einem Drittel der Bürofläche ‚hintaus‘ zum engen Hof hin organisieren müssen - dies noch dazu in Corona-Zeiten? Wie hoch werden die Kosten und Ausfälle für uns ein? Wie werden über Monate hinweg Lärm, Staub, Erschütterungen und Unruhe das Arbeitsklima beeinträchtigen? Mit welchen Kompensationsleistungen können wir rechnen?"

Wie kann nun Beteiligung der Betroffenen gestaltet und organisiert werden, sodass Partizipation nicht nur Widersprüche denkmöglich macht, sondern ein bevorstehender Veränderungsprozess auch zum eigenen Anliegen geformt werden kann? Kann eine derart komplexe innerstädtische Baustelle vielleicht sogar eine Attraktion für Besucher sein?

Online-Stammtisch soll
bei Kommunikation helfen

Transparente Kommunikation ist sicher hilfreich, aber noch kein Garant für gute Stimmung. Christoph Schuster, Büroleiter der Bezirksvorstehung Neubau, ist für die diesbezügliche Kommunikation von Seiten des Bezirks zuständig: "Die U-Bahn-Baustelle stellt für Anwohner und Unternehmer eine extrem große Herausforderung und Belastung dar. Als Bezirk Neubau wollen wir die Betroffenen mit einem breiten und integrierten Kommunikationsmix gut begleiten. Ab März bieten wir eine Mischung aus Online- und Offline-Formaten an. Eigene Baustellenombudsmenschen werden direkt vor Ort für Fragen und Beschwerden zur Verfügung stehen. Ende Februar starten wir mit einem Online-Stammtisch und einem eigenen Telegram-Kanal, wo tagesaktuelle Informationen kommuniziert werden." Eine Echtzeit-Begleitplanung wird wohl notwendig sein, um situativ und adäquat (re)agieren zu können.

Auch Mut und künstlerische Ideen sind dabei gefragt, um eine Baustellenbespielung an der Oberfläche zu ermöglichen. Eine "High-Line" über der Baustelle mit Tiefblick hätte schon Charme, ebenso wie Events, die das "Grätzl im Aufbruch" zum Thema machen. Es macht eben einen Unterschied, ob eine neue U-Bahn-Trasse über Felder in die Seestadt Aspern geführt wird oder im Tiefbau in verdichtetem Geschäfts- und Wohngebiet des siebenten Wiener Gemeindebezirks, der somit auch dann und wann die Oberfläche trifft. Es besteht demnach viel Informations- und Kommunikationsbedarf zwischen allen beteiligten Akteuren, auch bedarf es spezifischer Überbrückungsmaßnahmen für einzelne besonders Betroffene.

Um Informationen zu streuen und Beteiligung zu ermöglichen, stehen bereits jetzt Ansprechpartner von Seiten des Bezirks, der Wiener Linien und Wirtschaftskammer sowie die Lokale Agenda Neubau unterstützend bereit. Ein gemeinsames Lokal, in dem Vor-Ort-Kommunikation stattfinden kann, wird gerade gesucht. Andrea Mann, von der Agenda Neubau, sieht die Herausforderungen vor allem darin, "die erste Baustellenphase gut zu bewältigen, indem die Vernetzung zwischen Wiener Linien, den jeweiligen Baufirmen und sämtlichen Akteuren vor Ort gelingt, sodass vor Ort entsprechend der jeweiligen Gegebenheiten zeitnah reagiert werden kann". Planungssicherheit über zumindest ein halbes Jahr im Voraus spielt besonders für die Wirtschaftstreibenden vor Ort eine große Rolle.

Der gute Branchenmix im Einzelhandel, die vielen Spezialisten, Designer und Ein-Personen-Unternehmen prägen bisher die Stimmung im Grätzl. Es gibt de facto keinen über längere Zeit bestehenden Leerstand in Erdgeschoßzonen, auch die Nahversorgung ist sichergestellt. All das sind Charakteristika, die für das Funktionieren eines innerstädtischen Zentrums wichtig, jedoch nicht selbstverständlich sind.

Geschäfte haben keine Planungssicherheit

In der eben vorgelegten Jahresbilanz des Standortservice für 2020 werden der sechste und siebente Bezirk neuerlich als beliebteste Bezirke für nachgefragte Geschäftslokale ausgewiesen. Das zeigt sich auch im internationalen Vergleich, wo Neubau schon heute vielfach als Best Practice dient. Funktionierende Einkaufsstraßen sind eine innerstädtische Qualität zu Zeiten des boomenden Onlinehandels und wachsender Einkaufszentren am Rande der Stadt. Allein die diversen Lockdowns des letzten Jahres sind für kleine Geschäfte schwer zu verdauen, wie gegenwärtig gerade sichtbar wird.

Die Baustellensituation der kommenden Jahre wird diese Situation vor Ort wirtschaftlich kaum verbessern. Es bedarf daher umfassender Unterstützungsmaßnahmen für den Handel vor Ort, um durch diese Zeit zu kommen. Hier laufen zwar bereits viele Gespräche hinsichtlich Förderungen und Betriebskostenzuschüssen, beispielsweise zwischen der Wirtschaftskammer und einzelnen Unternehmern, aber konkrete Vorschläge oder gar Planungssicherheit gibt es trotz des bereits erfolgten Baubeginns für die Unternehmer bislang keine.

Hierbei geht es zudem nicht um angeschlagene, sondern um gesunde Familienunternehmen, wie Beate Klein, Inhaberin des Geschäfts Herr & Frau Klein an der Ecke Kirchengasse/Lindengasse betont. An dieser Stelle wird sich auch der Hot-Spot der Baustelle mit einem Schacht in die Tiefe über Jahre befinden.

Aus Unternehmersicht wird mit Umsatzeinbußen in der Hochphase der Baustelle von 50 Prozent gerechnet, "eine Streckung der Rückzahlungsfristen, der Corona-bedingten Stundungen vom Finanzamt und den Sozialversicherungen, wäre daher aufgrund der Baustellensituation mehr als angemessen", so Klein weiter. Aus der Sicht der Bezirksentwicklung kann es kein Ziel sein, dass der Charme, der dieses Viertel prägt, zukünftig von großen Filialen globaler Ketten verdrängt, ein bislang innerstädtisch funktionierender Bestand beliebig und austauschbar wird, die bislang gute Nahversorgung damit möglicherweise auch gefährdet wäre.

Visionen für neue Konzepte im Grätzl

Ausgehend vom Siebensternviertel könnte in naher Zukunft eine Zentrumsentwicklung neuer Qualität ansetzen. Hierbei geht es dann nicht nur primär um die Neuorganisation der innerstädtischen Mobilität wie beispielsweise im Rahmen eines "Superblocks", sondern um eine Neuaufstellung eines gesamten Grätzls hinsichtlich sämtlicher Funktionen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, klimaneutraler und stadtplanerischer Konzeption. Das Grätzl könnte dann auch als "Role Model" für innerstädtische Entwicklung mit Gründerzeitbestand werden.

Allein für die Oberfläche gibt es bereits Ideen, wie auch Visionen zur Gestaltung danach. Jutta Kleedorfer, langjährige Mitarbeiterin der MA 18 Stadtentwicklung und Stadtplanung, jetzt Sonderbeauftragte der Bezirksvorstehung Neubau für Bezirksentwicklung und selbst Anwohnerin in der Kirchengasse bemerkt dazu optimistisch: "Wir wissen, dass wir jetzt eine ungemütliche erste Bauphase vor uns haben, aber wir werden unseren benachbarten Geschäften und der Gastro die Treue halten und uns auf die Zeit danach freuen."

Die Neuverteilung des öffentlichen Raums mit breiten Gehsteigen, Begegnungszonen und Begrünungen hat mit der Neubaugasse und einem Abschnitt der Zollergasse bereits begonnen. Kirchengasse, Lindengasse, Stiftgasse, die weitere Zoller- und Mondscheingasse sowie die Siebensterngasse und Karl-Schwaighofergasse/Breitegasse könnten folgen. Gelingt es an diesem Beispiel zukünftig, umfassende Sharing-Konzepte für Autos in Bestandsgaragen zu entwickeln, die lokale Bevölkerung auf diesem Weg weiter einzubinden und auch neue Partner wie das zukünftige KdW in der Mariahilfer Straße, die "Alte Post" in der Mondscheingasse und alte Nachbarn wie die Stiftskaserne - beispielsweise mit einer Öffnung des Areals sowie einer Durchwegung - mitzunehmen, so wäre dies eine Zentrumsentwicklung neuer und vor allem zukunftsweisender Qualität. In Summe ginge dies über bereits bestehende Konzepte und Leitbilder der Stadtentwicklung qualitativ hinaus.

Die Herausforderungen durch die bevorstehende Baustelle bringen somit auch eine Vielzahl neuer gestalterischer Möglichkeiten für zukünftige innerstädtische Entwicklung, die in diesem Umfang sonst nicht gegeben wären. Inklusive Stadtplanung, für eine Stadt des täglichen Lebens, bedeutet vielfältige Raumnutzung und mehrere Zentren. Vielleicht ist das Siebensternviertel nach Fertigstellung des U-Bahn-Baus dann das erste innerstädtische Zentrum Wiens ohne ruhenden Verkehr im öffentlichen Raum.

Martin Heintel ist Professor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien Forschungsschwerpunkte: Stadt- und Regionalforschung