Manchmal hilft nur mehr der Sprung in die Mülltonne. In Wien gibt es viele Menschen, die gegen die Lebensmittelverschwendung kämpfen. Immerhin werden laut einer Studie des WWF in österreichischen Supermärkten pro Jahr in etwa 67.000 Tonnen an Lebensmitteln weggeschmissen. Diesen Berg versucht manch einer zu reduzieren - mit Protestaktionen, mit Sozialmärkten, in denen abgelaufene, aber noch genießbare Produkte angeboten werden, oder eben mit einem Sprung in die Mülltonne, um dort noch Essbares herauszufischen.

Breitensee. Orangen, Mandarinen, Spaghetti, Schlagobers, Schwedenbomben, Proteinriegel, Limonade. Das, wofür man im normalen Supermarkt 15 Euro zahlen würde, bekommt man im Sozialshop in Breitensee um nur 1,50 Euro. Von außen sieht das Geschäft sehr unscheinbar aus. Keine Auslage, kein großer Eingang, die Fenster sind milchig, man kann nicht in das Innere des Geschäfts hineinsehen . Beim Eintritt in das Geschäft begrüßt einen die Verkäuferin sofort und fragt, ob man sich denn schon auskennt. Sie erklärt, dass man sich beim ersten Besuch registrieren muss, dann geht es los.

Nachhaltig und günstig: Für manchen Studenten ist die Mülltonne der Quell der Ernährung. - © afp / John McDougall
Nachhaltig und günstig: Für manchen Studenten ist die Mülltonne der Quell der Ernährung. - © afp / John McDougall

Die Verkäuferin zeigt eifrig die verschiedenen Lebensmittel her. Ein Kühlregal voll mit Milchprodukten, Wurst und Fleisch. Vieles ist auch Bio-Ware. Ein Bio-Bergbauern-Sauerrahm kostet 15 Cent, ein Bio-Schlagobers 10 Cent. Dann geht sie weiter zum Gemüse und Obst für ungefähr 20 Cent das Kilo. "Geht aber auch noch billiger", wiederholt sie immer wieder.

Kooperationen mit Supermarktketten und Bauern

Der Sozialshop bietet in Kooperation mit Supermärkten günstige Lebensmittel an. - © Sozialshop
Der Sozialshop bietet in Kooperation mit Supermärkten günstige Lebensmittel an. - © Sozialshop

Hier im Sozialshop erhält man die Nahrungsmittel, die zuvor im Lebensmittelhandel aussortiert wurde. Ware, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Ware mit minimalen Produktions- oder Verpackungsfehlern. Saisonalware wie Adventskalender oder Schokonikolos, die jetzt niemand mehr kaufen will.

In Österreich gibt der Lebensmittelhandel jährlich 12.250 Tonnen Nahrungsmittel an soziale Einrichtungen wie den Sozialshop weiter, berichtet der WWF. Dadurch können mehr als 15 Prozent der Lebensmittelverschwendung im Handel vermieden werden.

Seit 2018 gibt es den Sozialshop, der mittlerweile drei Standorte in Wien hat. Die Lebensmittel stammen von rund 150 Betrieben - etablierten Handelsketten wie Spar, Hofer und der Rewe Group, Produktionsstätten wie Kelly’s oder auch direkt von Bauern. Täglich bekommt der Verein zwei Tonnen an Nahrungsmitteln, die in der Zentrale aussortiert und dann in den Shops für einen Bruchteil ihres Originalpreises verkauft werden.

In einem Telefoninterview erklärt Feysulah Milenkovic, der Projektkoordinator vom Sozialshop, dass die Lebensmittel im Geschäft vollkommen in Ordnung sind, auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum meistens überschritten ist. Verdient man weniger als 1.300 Euro netto, kann man sich im Sozialshop registrieren und einkaufen. Arbeitslose, Pensionisten, alleinerziehende Mütter und Väter, Studenten - "all diese Menschen wollen wir mit günstigen Lebensmitteln unterstützen, damit sie auch Geld für andere Dinge im Leben haben", meint Milenkovic. Er nimmt sich auch hin und wieder etwas von den Spenden, aber nur von den Waren, die es im Übermaß gibt, wie Gemüse, Obst und Gebäck.

Milenkovic ist schon seit zehn Jahren in diversen Non-Profit-Organisationen tätig. "Ich mag einfach das Gefühl, dass ich zur Verbesserung der Welt beitrage", erläutert er seine Motivation für seine Arbeit. Zum Zeitpunkt des Interviews, um 21 Uhr, sitzt er noch in seinem Büro, was für Milenkovic keine Seltenheit ist: "Ich bin einfach ein Workaholic." Außer Milenkovic selbst sind drei Leute angestellt - der Rest hilft ehrenamtlich mit, erklärt er. Die Sozialshops sind stark auf die Hilfe der Ehrenamtlichen angewiesen: "Ohne sie würden wir es nie schaffen."

Naschmarkt. Der 21-jährige Student Jonas sperrt an einem Samstagabend die Türe zum großen Altbau auf. Er und seine zwei Freunde Lisa und Max biegen gleich links in den Müllraum ab. Hier befinden sich fünf verschiedene Tonnen, der Geruch ist trotz der geschlossenen Deckel sehr streng. Der Grund: Die Mülltonnen sind voller Lebensmittel, die der angrenzende Billa hier entsorgt. Ausgestattet mit Einweghandschuhen, beginnen die Studierenden, in den Bergen von Lebensmittelabfällen nach genießbarem Essen zu suchen. Max springt kurzerhand in eine Mülltonne und verschwindet darin.

Erfolgreiches "dumpstern" neben dem Supermarkt

Immer wieder taucht er auf und reicht Lisa verschiedene Lebensmittel: Salat, Mandarinen, Brot, Säfte, Hummus. Nach einer Weile steht auf einmal eine Mitarbeiterin vom Billa in der Türe. Die drei Jugendlichen erstarren. Die Mitarbeiterin lächelt, reicht ihnen zwei große Müllsäcke und geht wieder. Die Studierenden sind erleichtert. Denn viele Supermärkte haben es gar nicht gern, wenn man sich an ihrem Müll bedient. In der Vergangenheit ist es sogar vorgekommen, dass Lebensmittelabfall mit Chemikalien absichtlich ungenießbar gemacht wurde. Doch hier nicht. Die Studenten öffnen die Säcke - sie sind voll mit Gebäck. Kornspitze, Semmeln, Topfengolatschen, Croissants.

Seit einem Jahr gehört das "Dumpstern" zu Jonas’ Alltag. Er erzählt, dass er ein bis zwei Mal die Woche den Sprung in die Mülltonne wagt. Dabei findet er hauptsächlich viel Gemüse, Obst, Milchprodukte und vor allem Brot: "Ich habe jetzt seit mittlerweile eineinhalb Jahren kein Brot mehr kaufen müssen." Hin und wieder findet er auch was Besonderes, wie Schokolade von Lindt, Krapfen, eine ganze Palette Radler oder fünf Gläser Arrabiata-Tomatensoße.

Neben dem Dumpstern geht Jonas auch in den Sozialshop: "Diese Kombination versorgt mich fast zu 100 Prozent", erklärt er. Beim Videointerview zeigt er hinter sich in sein Zimmer und lächelt: "Da hinten liegen 50 Liter Mandelmilch. Ich habe im Sozialshop dafür fünf Euro ausgegeben." An einzelne Lebensmittel, wie zum Beispiel Reis und Haferflocken, kommt er so nicht ran. Dafür geht er dann meist in Bio-Supermärkte oder zu Greißlern.

Früher hat Jonas pro Monat 120 bis 150 Euro für Essen ausgegeben. Jetzt sind es in etwa 30. Geld sparen - das ist auf jeden Fall ein Grund, warum er dumpstern und in den Sozialshop geht: "100 Euro im Monat sind immerhin sehr viel für einen Studenten." Das ist aber nicht seine einzige Motivation. Nachhaltigkeit ist ihm auch ein großes Anliegen: Möglichst wenig wegschmeißen, möglichst viel retten. Aus diesem Grund hat er zum Beispiel auch nur gebrauchte Möbel in seiner Wohnung.

Längenfeldgasse. Gerettete Tannenbäume, auf denen gerettete Bananen hängen. Wer vorbeigeht, kann die Bananen "pflücken" und mitnehmen. Mit solchen Protestaktionen will die Initiative Robin Foods auf unsere Überflussgesellschaft aufmerksam machen. Hinter Robin Foods steckt ein großes Netzwerk von privaten Lebensmittelrettern. David Sonnenbaum hat die Initiative gegründet und vernetzt mehr als 500 Menschen über WhatsApp und Telegram. Pro Woche retten sie mit Lastenfahrrädern bis zu zwei Tonnen an Nahrungsmitteln von Sozialmärkten, Privatpersonen und auch vom Hannover- und dem Brunnenmarkt. Das gerettete Essen wird dann an öffentlichen Plätzen verteilt oder auch im Vereinslokal, dem Ecu Ufo, verkocht.

Die Aktionen werden zum größten Teil privat finanziert. Sonnenbaum, der wöchentlich etwa 30 Stunden in Robin Foods steckt, hat keine reguläre Arbeit. Bis September 2020 hat Sonnenbaum zusätzliche 30 Stunden in einer Kindergruppe gearbeitet: "Ich habe aber gemerkt, dass ich so langsam ins Burn-out komme", erklärt er im Telefoninterview. Seitdem ist er, wie auch andere Kollegen, auf das AMS oder andere Unterstützungen angewiesen: "Würden wir alle der Lohnarbeit nachgehen, wäre es sehr schwer für uns", erklärt er. In der Zukunft möchte er Umweltbildungsworkshops für Kinder anbieten - gemeinsam in die Natur gehen, Bäume pflanzen, mit geretteten Materialien basteln.

Sonnenbaum betont immer wieder, dass die Supermärkte nicht der Ursprung des Problems sind. Laut der Studie "Preparatory Study on Food Waste Across EU 27" von "BIO Intelligence Service" fallen nur fünf Prozent der Lebensmittelabfälle im Lebensmitteleinzelhandel an. Bis zu 39 Prozent der Abfälle fallen hingegen bei den Herstellern an.

Traum von bedarfsorientierter Landwirtschaft

Um das zu verändern, könne man laut Sonnenbaum zum Beispiel Förderungen umleiten: "Betriebe, die viel wegschmeißen, werden sanktioniert - Betriebe, die regional und ökologisch sind, werden gefördert." Er träumt von einer Landwirtschaft, die bedarfsorientiert produziert - das heißt, dass sie sich an den Menschen und dem, was sie wirklich brauchen, orientiert.

Aber nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende der Wertschöpfungskette besteht Handlungsbedarf: Die meisten Lebensmittelabfälle entstehen nämlich im Haushalt. Bis zu 42 Prozent aller verschwendeten Lebensmittel sind laut der Studie von "Bio Intelligence Service" auf private Haushalte zurückzuführen. Laut der Stadt Wien wirft durchschnittlich jeder Wiener und jede Wienerin jährlich 40 Kilogramm an Lebensmitteln weg. Es gehören also auch in den eigenen vier Wänden Lebensmittel gerettet: Ist das MHD überschritten, müssen die Nahrungsmittel nicht gleich in den Müll. Sind die Äpfel mehlig, kann ein Mus daraus werden. Hat man zu viel Brot, kann man den Überschuss einfrieren. Das ist nicht nur umweltfreundlich, sondern spart auch Geld.