Nur wenige Städte weltweit verfügen über so ein eindeutiges Erkennungsprofil wie Wien. Wer an Wien denkt, denkt an Stephansdom und Riesenrad, an Walzermusik, an Sissi und Franz Joseph, an Heurigenschmalz und Beislkultur, an Sachertorte, Tafelspitz und Schnitzel - und an das Kaffeehaus, jene über 300-jährige Institution, die stets Humus für die Wiener Hochkultur war - und bis vor kurzem erweitertes Wohnzimmer für Wiener und Gäste. Bis vor kurzem, denn die quälend lange Corona-Krise hat den Wiener Kaffeehäusern einen schweren Schlag versetzt.

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Nichts ist mehr so, wie es war, die Krise geht für viele Inhaber an die wirtschaftliche Substanz. "Ein jeder Kaffeehausbetreiber hat Rücklagen für zwei, drei Monate", sagt Wolfgang Binder, Inhaber des Innenstadtcafés Frauenhuber. "Die Corona-Krise dauert aber mittlerweile bald 12 Monate an. Und niemand von uns hat Reserven für so eine lange Zeit", sagt Binder, Obmann der Fachgruppe Kaffeehäuser bei der Wiener Wirtschaftskammer.

Die Hilfen sind nur Tropfen auf dem heißen Stein

Die Hilfen der Regierung sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. "Sicher, wir Kaffeehausbetreiber haben November, Dezember Umsatzersatz bekommen. Das hat uns sehr geholfen. Das Geld ist aber jetzt aufgebraucht. Schließlich mussten wir auch Löhne doppelt bezahlen", so Binder, der bei vielen Kaffeehausbesitzern eine "fast schon depressive Stimmung" ausmacht. "Wenn du kein Geld verdienst und es stattdessen ausgeben musst - dann können sich auch Außenstehende ausrechnen, wie prekär die Lage ist."

Zwischen 40 und 60 Prozent Umsatzeinbußen haben die Wiener Kaffeehäuser im vergangenen Corona-Jahr laut Binder verzeichnet. Der Sommer hat den Cafés nur bedingt geholfen, denn die Leute seien aufgrund des Virus eher in Schanigärten gegangen als in Räume - und die meisten Kaffeehäuser haben keinen Schanigarten.

"Man hört und liest jetzt immer wieder von Schließungen. Dort muss ein kleines Kaffeehaus zusperren, weil der Besitzer es nicht mehr schafft, die Kosten zu tragen. Anderswo hat einer kein Anrecht auf Umsatzersatz und gibt deshalb auf", sagt der Wirtschaftskämmerer. "Bis jetzt konnten viele Schließungen noch verhindert werden, etwa durch ein Kreditmoratorium und Steuerstundungen. Aber lange geht es sich nicht mehr aus. Die Pleitewelle wird kommen. Wir rechnen damit, dass zwischen 20 und 30 Prozent der 2.100 Wiener Kaffeehäuser zusperren müssen", berichtet Binder über die Analysen der Wirtschaftskammer.

Martina Postl vor ihrem Café Ritter. - © Ina Weber
Martina Postl vor ihrem Café Ritter. - © Ina Weber

Über den derzeitigen Überlebenskampf kann auch Martina Postl, Inhaberin des Café Ritter in Ottakring, ein Lied singen. "Wir mussten aufgrund des 2. und 3. Lockdowns ein Sanierungsverfahren einleiten", erzählt sie. Dies sei notwendig geworden, weil sich das Ritter als Start-up-Unternehmen nach den ersten drei Jahren naturgemäß keine Reserven für so eine Krise aufbauen konnte. Das traditionelle Wiener Kaffeehaus in der Ottakringer Straße gibt es zwar bereits seit 1907, doch im Jahr 2017 wurde es von Unternehmerin Postl übernommen und auf neue Beine gestellt. Sie steckte "all ihr Geld" hinein, schuf 13 Arbeitsplätze und baute mit "bestem Essen und Trinken" ihre Stammklientel auf. "Wiener Kaffeehaus ist allumfassendes Social Engineering auf höchstem Niveau", ist sie überzeugt.

Umso mehr schmerzt es, wenn der von der Regierung im April 2020 versprochene Liquiditätsüberbrückungskredit unter 80 Prozent Staatshaftung bei einem Start-up, das älter als drei Jahre ist, nicht in Frage kommt. Es wurde nämlich für die Staatshaftung eine 8-Prozent-Eigenkapitalregel eingeführt, die man naturgemäß mit plangemäßen Anlaufverlusten nie erfüllen kann. Diese Bedingung gilt nur dann nicht, wenn man jünger als drei Jahre ist. "Das Ritter war beim ersten Lockdown genau drei Jahre und drei Monate alt. Es war daher drei Monate zu alt für diese Hilfe und ist durchgefallen", sagt Postl kopfschüttelnd. Doch trotz Krise bleibt sie optimistisch: "Sobald wir wieder aufsperren dürfen, sperren wir auf und werden gestürmt werden."

Den Umstand, dass vor allem viele Traditionslokale sehr weiträumig gebaut sind, sieht Binder als Chance, wieder aufzusperren. "Wir haben seit der Raucherdiskussion auch neue Lüftungsanlagen, also eine gute Luftumwälzung. Wir wären bereit für eine Öffnung. Man muss uns nur aufsperren lassen. Wir hatten auch, als im Sommer offen war, sehr geringe Ansteckungszahlen", führt Binder an. Freilich waren die Infektionszahlen im Sommer wesentlich geringer als derzeit. Und auch eine Öffnung würde die prekäre Situation für die Kaffeehausbetreiber nur bedingt entschärfen, da aufgrund der Abstandsregeln wesentlich weniger Besucher die Cafés aufsuchen dürften als in Vor-Corona-Zeiten. Doch auch für Postl wäre das sofortige Aufsperren die einzig sinnvolle Maßnahme. "Es hat geheißen, wir können mit 27. März die Schanigärten aufsperren. Aber das ist sinnlos, weil wir nicht so viele Plätze im Schanigarten haben. Und für diesen Umsatz einen Kellner, einen Koch anstellen. Das ist ein reiner wirtschaftlicher Verlust."

- © Ina Weber
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Die Suche nach Personal wird noch schwieriger

Zudem weist Binder auch noch auf ein anderes drängendes Problem hin: "Immer mehr Mitarbeiter, die in Kurzarbeit oder arbeitslos sind, wandern inzwischen in andere Branchen ab. Das ist auch verständlich, die Leute müssen ihre Familien ernähren. Wir Kaffeehausbetreiber haben aber schon vor der Corona-Krise Probleme gehabt, Personal zu finden. Das wird jetzt noch um einiges schwerer", sagt Binder. Zumal es angesichts der Umstände keine Planungssicherheit gibt. "Viele denken nach, wie wird es im Sommer werden? Wie nächstes Jahr? Kann ich aufsperren, mich darauf vorbereiten? Mitarbeiter werden Monat für Monat vertröstet - man sagt: Ja, du kannst kommen, und dann heißt es doch wieder: Leider nicht", berichtet Binder. "Viele Kollegen haben Wiedereinstellungszusagen gemacht. Die können sie jetzt nicht halten."

Letztlich könnte sich die Corona-Krise so als Beschleuniger des Wiener Kaffeehaussterbens erweisen, das schon länger anhält. "Vor 20 Jahren gab es noch über 2.500 Kaffeehäuser, jetzt nur noch knapp 2.100", berichtet Binder. Die Gründe für das Zusperren vieler Traditionsbetriebe sind vielfältig. Zum einen stiegen die Kosten, weil die Gäste sich heute mit einem Essensangebot, das sich auf Würstel und Toast beschränkt, nicht mehr zufriedengeben. Eine Küche mit mehr Personal - das konnten sich freilich nicht alle Cafetiers leisten, manche mussten zusperren. Bei anderen Betreibern blieben Gäste aus Büros weg, weil sich durch das Aufkommen von guten Kaffeemaschinen in Firmen Besprechungen, die früher im Kaffeehaus stattfanden, ins Büro verlagert hatten.

- © Café Frauenhuber
© Café Frauenhuber

Das Festhalten der Wiener an der Kaffeehaustradition mit ihrem Verhalten wird mitentscheidend dafür sein, ob und wie sich die Szene verändert. Ritter-Inhaberin Postl hat Stammgäste, die sehnlichst auf die Wiedereröffnung warten. "Einige fragen mich, ob sie mir Geld überweisen dürfen und ob wir eh wieder aufsperren", erzählt sie gerührt. Dass es in der Szene schmerzliche Verluste geben wird, davon sind Postl und Binder überzeugt. Angst, dass die mehr als 300-jährige Wiener Kaffeehauskultur sterben könnte, hat Binder aber nicht: "Corona wird ein bitterer Einschnitt werden. Aber nicht das Ende."