Es war um 18.40 Uhr, als am 22. März 1945 zum letzten Mal unter der Herrschaft der Nazis im Wiener Landesgericht das Fallbeil fiel. Es geschah wenige Tage, bevor die Rote Armee Wien befreite. Die letzte Hinrichtung durch das Regime kostete einen katholischen Kaplan das Leben. Enthauptet wurde der Gefangene 2959, Heinrich Maier, ein Priester aus Gersthof. Vorher hatte er noch gefasst und bestimmt gerufen: "Christus, der König! Es lebe Österreich!"

Geköpft für ein freies Österreich: Heinrich Maier. - © Pfarre St. Leopold
Geköpft für ein freies Österreich: Heinrich Maier. - © Pfarre St. Leopold

Wer war nun dieser 1908 geborene Kaplan? Und weshalb wurden später die katholischen Widerstandskämpfer, wie Schwester Restituta Kafka und Franz Jägerstätter, von der Kirche seliggesprochen - Maier hingegen von der Amtskirche verdrängt?

Bernhard Kreutner (54), ein erfolgreicher Krimi-Autor, veröffentlicht dieser Tage sein Buch "Das Leben des Heinrich Maier - Mann Gottes und unbeugsamer Widerstandskämpfer" im Ecowin-Verlag. Ein Nachwort in diesem Band stammt vom großen Erzähler und Schriftsteller Michael Köhlmeier.

In seiner Kirche erinnert "Der Rufer ohne Kopf" an Maier. - © Pfarre St. Leopold
In seiner Kirche erinnert "Der Rufer ohne Kopf" an Maier. - © Pfarre St. Leopold

Ein Freund aus Gersthof hatte Kreutner gedrängt, sich des Themas anzunehmen, "weil sich da niemand richtig traut, was zu schreiben". Also tat das Kreutner, "nicht wissend, worauf ich mich da einlasse". Recherchen in Berlin, bei der Erzdiözese und im Dokumentationsarchiv der Österreichischen Widerstandes (DÖW) sowie Gespräche in Gersthof und Berichte von Zeitzeugen formten schließlich das Bild Maiers als unbeugsamen Kämpfer für Gerechtigkeit und gegen NS-Gewalt. Resümee des Autors Kreutner: Österreich und die Kirche gehe mit Helden und Blutzeugen "schleißig um", statt sie als Beispiel zu sehen. Ohne Widerstand gäbe es heute keine Unabhängigkeit. Besonders die in der NS-Zeit gegenüber dem Regime lavierende Amtskirche mit Kardinal Theodor Innitzer "wusste danach nicht, wie mit dem Thema Blutzeugen umgehen." Das galt auch gegenüber Maier. Der Priester sei schon in den 1930ern "unorthodox und das Gegenteil eines ,Kerzelschluckers‘ gewesen", so Kreutner.

Als Kaplan aus Gersthof sei er in Zivil aufgetreten und habe Kontakt zu Wiens Gesellschaft gesucht. Er hielt Verbindung mit Sozialisten und Kommunisten, spielte mit Kindern Fußball. Vor allem hielt er sich nicht an die ausgegebene Predigtvorgaben "von oben".

Als 1938 die Nazis kamen, lehnte Maier den Gang ins Exil ab. Gemeinsam mit dem Chef der Semperit-Werke Franz Josef Messner aus Gersthof und Walter Caldonazzi baute er ab 1942 "America’s most effective spy ring in Austria", also nach Meinung der Amerikaner die effektivste Widerstandsgruppe auf, wie diese später meinten. Diese lieferte Washington auf kompliziertem Weg Rüstungspläne, darunter auch Papiere zur Raketenwaffe "V2". Maier vertrat folgendes Prinzip: "Jede Bombe, die auf Rüstungsfabriken fällt, verkürzt den Krieg und verschont die Zivilbevölkerung."

Durch einen US-Fehler flog die Gruppe 1944 auf. Maier hielt allen Folterungen stand. Als ihn das Volksgericht zum Tode verurteilte, meinte er zum Senatspräsidenten: "Wo ich jetzt hingehe, da brauche ich nichts mehr." Maier wird enthauptet. Freund Messner kommt in den letzten Kriegsstunden im KZ-Mauthausen um.

In der Pfarre Gersthof versuchte der langjährige Pfarrer Norbert Rodt, das Andenken an Maier zu bewahren. Jetzt ist er in Pension. Felizitas Patzak, Aktivistin der Pfarre: "Bei uns ist Maier im Kirchenleben immer mitbewusst." Eine Privatinitiative errichtete ein berührendes Denkmal für Maier, den Torso "Rufer ohne Kopf" von Ernst Degasperi (1927-2011). Eine kleine Sackgasse in Nähe der Kirche trägt den Namen des Kaplans.

In der Pfarrgemeinde kümmert sich heute Diakon Toni Hecht (72) um das Andenken. Er schließt eine künftige Seligsprechung nicht aus: "Manche wurden von der Kirche erst nach 200 Jahren heiliggesprochen. Und ob selig oder nicht: Für uns ändert sich nichts am Vorbild des Menschen Maier."

Paul Vécsei