Gleiskörper, Gürtelverkehr, Gewerbe, eine Tankstelle, alte Zinshäuser. Wo die Laxenburger Straße im 10. Bezirk in den Wiedner Gürtel mündet herrscht nach Sonnenuntergang tote Hose. Kein angesagter Club, keine schicken Bars, keine Nachtleben. Kurze Zeit war das anders. Hinter den alten Backsteinmauern der Gösserhalle wurde wenige Jahre - bis zum pandemiebedingten Ende im Sommer 2020 - gefeiert und getanzt. Die Halle war ein beliebter Ort für Events aller Art. Die Gegend geriet in den Fokus der Partygänger. Doch wer auch nach der Pandemie hier das Tanzbein schwingen wollte, wird nun enttäuscht. Die Gösserhalle wird zum Bürogebäude. Auf der Brache um sie herum sollen Wohnungen und ein Bildungscampus entstehen.

Nach einer Werkstatt der ÖBB ab 1902, einem Bierlager der Gösser-Brauerei ab Mitte des 20. Jahrhunderts und einem Veranstaltungsort ab 2017 erhält der Bau nun also seine vierte Funktion. Ab Herbst 2023 sollen auf einer Fläche von rund 3.000 Quadratmeter Heerscharen von Büroarbeitern Dienst schieben. "Im Erdgeschoss ist ein gastronomischer Betrieb angedacht. Wir haben viele Interessenten, fix ist aber noch nichts", sagt Klaus Stanek, Eigentümer und Bauherr. Er hat die Halle von der Landgut Wohnbau Errichtungs Gmbh erworben, die sie 2017 wiederum der ÖBB abkaufte.

Alte Hülle, neuer Kern

Das neue Konzept für den alten Industriebau stammt vom Architekturbüro AllesWirdGut. Mit dem Altbestand will man "behutsam" umgehen, gleichzeitig aber auch eine Wiederbelebung "mit zeitgenössischen Elementen" forcieren, wie es in einer Aussendung heißt. Konkret bedeutet das: Das Gebäude wird entkernt, die markanten Außenmauern bleiben bestehen, das Dach wird abgetragen. Der dreigeschossige Neubau im Inneren wird ab der Kellerdecke aus Holz sein. Zwischen Backstein und Holzfassade - zwischen alter Hülle und neuem Kern also - wird ein bis zu drei Meter breiter Freiraum geschaffen. Er soll "neue Spannungs- und Erfahrungsräume kreieren". Das neue Dach wird eine Bogenkonstruktion. Fertig soll der Bau um Herbst 2023 sein, kosten soll er um die sieben Millionen Euro. Er steht inmitten des Stadtentwicklungsgebietes "Neues Landgut" im Dreieck zwischen Bahngleise, Laxenburger Straße und Landgutgasse. Wie im benachbarten Sonnwendviertel wird auch hier Wohnraum geschaffen. Insgesamt sollen auf dem neun Hektar großem Areal bis zum Jahr 2027 1.5000 Wohnungen für 3.000 Menschen entlang der Bahntrasse aus dem Boden gestampft werden - die eine Hälfte freifinanzierter, die anderer geförderter Wohnbau. Darunter ein neuer Gemeindebau an der südöstlichen Ecke des Baufeldes. Kein Haus wird höher als 35 Meter .

Wohnverbot in Gösserhalle

In der Gösserhalle selbst darf allerdings nicht gewohnt werden. "Ihr legte die Stadt ein sogenanntes Wohnverbot auf", sagt Stanek. "Die Stadtregierung will eine gewisse Öffentlichkeit schaffen und kein reines Wohngebiet." Dafür soll auch ein Bildungscampus sorgen. Ab 2023 werden hier 1.300 Kinder in zwölf Kindergartengruppen, 30 Klassen und vier berufsvorbereitenden Klassen betreut. Den Schulsportplatz sollen auch Anrainer nutzen dürfen. Außerdem soll ein ausladendender Park Menschen aus dem dicht bebauten Kern Favoritens anziehen.


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Um die "Wohnqualität" zu steigern - wie es auf der Website der Stadt Wien heißt - will die Stadt in den Erdgeschoßzonen des neuen Viertels kleine Geschäfte, Nahversorger und Bars ansiedeln. Vielleicht bekommt ja auch die Gösserhalle ein Lokal ins Erdgeschoß. Damit sie ihrem Namen gerecht wird. Und zumindest bedingt wieder gefeiert werden kann.