Manches Wiener Unternehmen ist schon tot und weiß es noch gar nicht. Denn sobald die wegen der Corona-Pandemie gestundeten Steuern und Sozialversicherungsbeiträge fällig werden, wird das für einige Unternehmen den Konkurs bedeuten, befürchtet man in der Wiener Wirtschaftskammer (die "Wiener Zeitung" berichtete). Derzeit ist der Stichtag dafür der 30. Juni. Doch das böse Erwachen könnte für einige noch schlimmer werden. Dann nämlich, wenn sich herausstellen sollte, dass die Stundungen und Hilfen zu Unrecht in Anspruch genommen wurden.

"Als Geschäftsführer haftet man ja mit dem persönlichen Vermögen", gab Margarete Kriz-Zwittkovits, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Wien, in einem Pressegespräch am Dienstag zu bedenken. So bekommt der Konkurs eine zusätzliche Dimension, wenn sich herausstellen sollte, dass der Geschäftsführer abschätzen hätte können müssen, dass zum Zeitpunkt der Stundung eine Rückzahloption schon nicht mehr gegeben war.

"Brutales Wirtschaftsvirus"

"Wir haben ein brutales Wirtschaftsvirus, das hier herumfliegt. Der Test auf das Virus ist bereits positiv ausgefallen, aber die Krankheit ist noch nicht ausgebrochen", führt Alexander Biach, stellvertretender Direktor in der Wirtschaftskammer Wien weiter aus. In keinem anderen österreichischen Bundesland hat der stationäre Einzelhandel dermaßen unter der Corona-Krise gelitten wie in Wien. Dort ist die reale Umsatzentwicklung um 6,7 Prozent eingebrochen (Jänner bis November 2020 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr). Niederösterreich beispielsweise hat hier lediglich ein Minus in Höhe von 1,7 Prozent aufzuweisen.

Einen Grund für die besonders prekäre Lage sieht die Wirtschaftskammer im Tourismus, der praktisch zum Erliegen gekommen ist. Keine Besucher aus dem Ausland bedeuten nicht nur leere Hotels und arbeitslose Fremdenführer, sondern auch weniger Menschen, die in Wien einkaufen. Ein weiterer Grund ist die Gastronomie, die coronabedingt schließen musste. Die Auswirkungen dieser Sparte auf die Umsätze anderer Unternehmen habe man beispielhaft an den Gastro-Gutscheinen beobachten können. "Die Menschen haben ihn eingelöst und waren gut gelaunt. Nach dem Essen sind sie noch flaniert und haben in anderen Geschäften etwas eingekauft. Stimmung und Psychologie sind schließlich ein wichtiger Teil des Handels", so Kriz-Zwittkovits. Neben dem Tourismus und der Gastronomie ist auch noch der Modeeinzelhandel besonders von der Krise betroffen.

Um den finsteren Zukunftsaussichten zu begegnen hat die Wirtschaftskammer gemeinsam mit der Stadt Wien, der Wirtschaftsagentur und dem Waff einen Unterstüztungsplan für Wiener Unternehmen erarbeitet (siehe Kasten).

Aufwind bei Handwerk

Es gibt allerdings auch Sparten, die mit der Krise verhältnismäßig gut zurechtkommen. So haben von den knapp 14.000 Betrieben der Sparte Gewerbe und Handwerk fast ein Viertel den Mitarbeiterstand ausgebaut. Besonders dort, wo es um Wohnungs- und Homeoffice-Einrichtung oder Gartengestaltung geht, ist die Nachfrage während der Pandemie gestiegen.

Gleichzeitig hat die Corona-Krise auch erfinderisch gemacht. "In Hernals und Währing ist mir aufgefallen, dass viele Boutiquen ihr Angebot erweitert haben. Auf einmal kann man dort auch den guten Prosecco kaufen", sagt wiederum Kasia Greco, Vizepräsidentin und Sprecherin für Ein-Personen-Unternehmen der Wirtschaftskammer Wien. Geschäftliche Verschränkungen dieser Art dürften in Zukunft vermehrt zum Zug gekommen.

Jedenfalls dürfte sich der Handel in Wien durch Corona nachhaltig ändern. Wer noch nicht verstanden habe, dass er den Kunden die Möglichkeit bieten muss, beispielsweise online zu bestellen und am Sonntag abzuholen, werde es angesichts einer Konkurrenz wie dem Onlinehändler Amazon schwer haben, heißt es von der Wirtschaftskammer.