Ein Besuch im Kaffeehaus, Urlaub am Meer, tanzen im Club: Viele Menschen fragen sich, wann in der Stadt wieder Normalität einkehren wird. Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner will darüber keine Prognosen wagen, aber er skizziert, in welchen Bereichen Europa aufholen muss und wie sich die Stadt durch die Pandemie verändert.

"Wiener Zeitung": Ab Juni soll der "grüne Pass" das Reisen zumindest EU-weit wieder ermöglichen. Eine gute Nachricht für den Tourismus?

Norbert Kettner: Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Jetzt muss die Wiedererrichtung des europäischen Binnenmarkts erfolgen. Sie ist der einzig erfolgversprechende Weg, denn, was wir jetzt erleben, ist ein Drama, für das wir noch lange bezahlen werden. Länder wie China und die USA stimulieren sich proaktiv und undogmatisch durch ihren Binnenmarkt aus der Krise heraus.

Was ist falsch gelaufen?

Der EU-Binnenmarkt wurde am Tag eins der Pandemie abgeschafft. Dabei muss Europa, wie die USA, als Ganzes gesehen werden. Im internationalen Tourismus werden jetzt Fakten geschaffen: Die japanische ANA testet neben Emirates, Etihad und anderen den IATA Travel Pass. Alltours, einer der größten deutscher Reiseveranstalter, will in seinen Hotels nur geimpfte Gäste einchecken lassen. Alles unter der Voraussetzung, dass genügend Impfstoff vorhanden ist. Ich glaube, dass sich hier eine Parallelwelt zwischen geimpften und nicht-geimpften Reisenden entwickeln wird. Was mir fehlt, ist eine gesamteuropäische Haltung - die sehe ich nicht.

Bereitet es Ihnen Sorgen, dass Österreich bei der Durchimpfungsrate Ländern wie den USA oder Israel hinterherhinkt?

Ja. Wir sehen schon jetzt, dass das Interesse an Video-Konferenzen zurückgeht, weil sich etwa US-Amerikaner wieder auf reale Treffen konzentrieren. Vergangenes Jahr haben in Österreich viele geglaubt, der Inlandsmarkt könne den Tourismus retten. Das funktioniert weder im Städtetourismus noch im Skitourismus. Es ist eine völlig absurde Biedermeier-Idee zu glauben, dass in einem kleinen Land wie Österreich das Inlandsaufkommen die gesamte Tourismusbranche retten könne.

Vor der Pandemie kamen 17 Prozent der Wiener Hotelgäste aus Österreich. Umgekehrt sind die Wiener für ein Viertel der Nächtigungen in ganz Österreich verantwortlich - war der laute Aufschrei der Skigebiete übertrieben?

Ich kann den Westen schon verstehen. Hier wurden von der Regierung Hoffnungen gemacht, die nicht erfüllt wurden. In Wien haben wir die Betriebe früh darauf vorbereitet, dass es schwierig wird. Was mich wirklich überrascht hat, ist, dass die ganze Republik dem Skifahren untergeordnet wurde. Die Kultur, für die Österreich international so bekannt ist, wurde hingegen fast gar nicht beachtet.

In Wien stehen derzeit 35.000 Hotelzimmer leer. Könnten diese nicht andersartig genutzt werden?

Es gibt einzelne Initiativen, etwa vom Wiener Stadtschulrat, aber nicht im großen Stil. Das sind riesige, technologisch hochgerüstete Häuser und eine andersartige Nutzung wäre schwierig. Nicht alle Hotels sind geschlossen, Geschäftstourismus und diplomatischer Verkehr ist eingeschränkt möglich. Die wichtigste Frage ist: Wie ist ein betriebswirtschaftlich sinnvolles Öffnen möglich?

Die ersten Kaffeehäuser und Nachtlokale mussten bereits schließen. Wird die Stadt nach der Pandemie eine andere sein?

Die Frage, an welchen Ort die Menschen zurückkehren, wenn all das vorbei ist, ist eine zentrale. Werden die Wiener ihre Stadt noch wiedererkennen? Etliche Player, die ein Jahr lang durchgehalten haben, fliegen jetzt aus der Kurve. Zu Beginn der Pandemie hieß es, die Gastronomie sei nicht so wichtig, Initiativen wie der Gastro-Gutschein wurden ins Lächerliche gezogen. Dabei sind in der Wiener Tourismus- und Freizeitwirtschaft über 116.000 Ganzjahres-Jobs betroffen, und ob es das Stamm-Beisl nach der Krise noch gibt, hat auch einen psychologischen Effekt. Diesen können wir noch gar nicht abschätzen.

Wie werden Schanigärten und mehr Outdoor-Events die Stadt verändern?

Das wird bleiben. Das ist nicht nur der Pandemie, sondern auch dem Klimawandel geschuldet.

Bei den Museen hat man gesehen, dass Öffnungen mit Sicherheitskonzepten funktionieren. Auch das Freitesten für den Frisör-Besuch ist ein Erfolg . . .

Wieso das bei Kulturveranstaltungen nicht möglich ist, ist mir unverständlich. Solange es Zugangsbeschränkungen gibt, wird das wirtschaftliche Führen von Kulturbetrieben, vor allem jener mit hohem Eigendeckungsgrad, nicht möglich sein. Trotzdem ist es sinnvoll, zu öffnen, man muss das aber von der Wirtschaftlichkeit entkoppeln. Die Zuschüsse, die es von der Bundesregierung gibt, ermöglichen nur einen Minimalbetrieb.

Wann werden die Clubs öffnen?

Ein normales Nachtleben ist ohne Durchimpfung schwer denkbar. Die Voraussetzung dafür ist auch ein normales Zusammenleben. Wir wissen nicht, welche psychologischen Barrieren sich aufgebaut haben. Auch eine Konferenz mit 25.000 Teilnehmern ist derzeit schwer vorstellbar. In der Kultur, bei Konferenzen und in Business Meetings gibt es aber große Sehnsucht nach Live-Events. Hier werden uns Hybrid-Veranstaltungen, an denen manche Menschen real und andere virtuell teilnehmen, noch eine Zeit lang begleiten. Für Herbst sind bei Tagungen die ersten solcher Hybrid-Events geplant.

Tagungen machten 2019 zehn Prozent der Nächtigungen aus, außerdem lassen diese Gäste bei weitem am meisten Geld in der Stadt . . .

Genau. Ein Tagungsgast gab 2019 im Schnitt 541 Euro pro Tag aus, ein Wien-Tourist 276 Euro, ein Österreich-Tourist 188 Euro. Vor der Pandemie fanden in Wien rund 5.000 Tagungen im Jahr statt. Diese brachten eine Wertschöpfung von rund einer Milliarde Euro jährlich.

Wann erholt sich der Tourismus?

Um zu alter Kraft zurückzukehren brauchen wir in Wien Gäste aus Fernmärkten wie den USA, China und Japan. Wir hoffen, dass wir 2024 wieder bei den Nächtigungszahlen ankommen, die wir vor der Pandemie hatten.

Vergangenen Sommer herrschte zumindest gefühlte Normalität. Wird es diese heuer auch geben?

Da sich die Informationen der Bundesregierung im Zwei-Wochen-Takt ändern und einander teilweise widersprechen, klinke ich mich bei Prognosen aus. Wir werden sehen, ob die Schanigärten tatsächlich aufsperren - es wäre toll.