Ja, auch Häftlinge müssen in Quarantäne. Das große grüne Tor der Justizanstalt Josefstadt öffnet sich. Nach der Anmeldung erfolgt sogleich ein Antigen-Schnelltest, durch einen der fünf Medics im Haus - so heißen Sanitäter beim Militär und auch bei der Justizwache.

Nach 15 Minuten und einem negativen Ergebnis geht Oberst Peter Hofkirchner, stellvertretender Anstaltsleiter, mit sicherem Schritt voraus. Das Revers an seiner Uniform ist mit drei goldenen Sternen bestickt. Jeder grüßt ihn höflich. Er zieht einen großen Schlüsselbund hervor, zückt einen der Schlüssel und sperrt eine der zig Türen im größten Gefängnis Österreichs auf. "Das ist unser Herzstück", sagt Hofkirchner stolz und deutet auf das Wachzimmer. Darin befinden sich die Überwachungszentrale mit digitalen Kameras und die Brandmeldezentrale. Dort sitzen permanent Beamte, die sich im 15-Minuten-Zyklus abwechseln und die Lage im Gefängnis so unter ständiger Beobachtung haben.

Durch die hohe Testbereitschaft der Mitarbeiter sei es gelungen, seit der Pandemie nur 0,1 Prozent positive Tests zu verzeichnen, heißt es. - © Bernadette Krassay
Durch die hohe Testbereitschaft der Mitarbeiter sei es gelungen, seit der Pandemie nur 0,1 Prozent positive Tests zu verzeichnen, heißt es. - © Bernadette Krassay

Weiter geht es zur Teststraße. Der Weg dorthin ähnelt einem Labyrinth. Coronabedingt läuft die Aufnahme neuer Insassen nicht mehr wie immer ab. Bis die Neulinge zu den anderen 963 Häftlingen kommen, werden sie vorher medizinisch überprüft und müssen zuerst für 14 Tage in den Isolationstrakt. Man habe mit zwei Abteilungen für die Isolation begonnen, musste aber nach dem ersten Lockdown auf sechs weitere aufstocken. In dieser Zeit ist auch kein Besuch erlaubt, der prinzipiell seit dem 8. Februar wieder möglich ist.

Haftverhandlungen per Video

Seit Corona werden außerdem die Haftverhandlungen per Video durchgeführt und nicht mehr physisch vor dem Haftrichter. "Als wir damals zu Beginn der Pandemie die Bilder aus Italien gesehen haben, wo Häf’n gebrannt haben, war uns auch nicht wohl ums Herz", gibt Hofkirchner zu. Die gefürchtete Situation habe man mit Erfolg durch Information und Aufklärung gemieden. Ein Mittel dazu war die Einführung der Videotelefonie. Das habe viel geholfen, um angespannte Situationen zu entschärfen. "Wenn jemand sowieso keinen Besuch zu erwarten hat, weil seine Oma in Tschetschenien sitzt und der mit ihr videotelefonieren kann, ist das für alle Beteiligten auf jeden Fall kein Nachteil", so der Anstaltsleiter.

Am letzten Gang zur Teststraße wird geraucht. In dem großen Saal angekommen, wo 300 Personen Platz hätten, steht eine Bühne. Darauf sind ein Schlagzeug, Keyboard und eine Trompete platziert. Ansonsten ist nicht mehr viel übrig von dem Festsaal, als welcher er vor Corona noch genutzt wurde.

In der Teststraße warten bereits ein Sanitäter in Schutzvollmontur und ein glatzköpfiger Beamter in Pose für ein Foto. Der Medic macht die Abstriche, die Dame hinter der Schutzscheibe gehört zum Pflegepersonal. Sie dokumentiert und stellt die Bescheinigungen aus. Durch die hohe Testbereitschaft der Mitarbeiter sei es gelungen, seit der Pandemie lediglich 0,1 Prozent positive Tests zu verzeichnen. Bei den Insassen liege man wesentlich weiter unter dem Wert, weil "wir eben die Isolierungsmaßnahme von Anfang an gesetzt haben", sagt Kontrollinspektor Peter Pleyer, Leiter des Einsatzstabs.

Gleich zu Beginn der Krise wurde ein Einsatzstab gegründet, der sich rund um die Uhr um die Koordination rund um Corona im Haus kümmert. Als Mitarbeiter mit Symptomen "meldet man sich beim Einsatzstab. War er oder sie in den letzten 48 Stunden im Dienst, lautet das Procedere: bei positivem Antigen-Schnelltest noch ein PCR-Test und nötigenfalls Contact Tracing." Positive Fälle leite man zunächst an die Behörden weiter. Die positiv Getesteten werden dann in Quarantäne nach Hause geschickt, die Insassen hier im Haus. Die weitere Versorgung der Insassen findet im Gefängnis statt. Sie seien dann in ihrem Haftraum in Quarantäne. "Wenn die Personen aus der Quarantäne zurückkommen, werden sie bei uns noch einmal getestet. Wir gehen auf Nummer sicher", erzählt der Einsatzstab-Leiter.

Neuzugänge halbiert

Das zwölfköpfige Team ist rund um die Uhr erreichbar und alles, was Corona betrifft, läuft zu ihnen - und das neben ihren normalen Pflichten im Dienst. Kontrollinspektor ist eigentlich Traktkommandant, also Bereichsleiter von zwei Trakten, mit insgesamt 10 Abteilungen mit 60 bis 70 Mitarbeitern und 400 Insassen. Auffällig ist der Rückgang bestimmter Delikte wie etwa Einbruch. "Wo soll man denn einbrechen, wenn alle zu Hause sind?", sagt Hofkirchner. Dafür nehme man einen signifikanten Anstieg der Cyberkriminalität wahr. Generell habe sich aber die Anzahl an neuhinzukommenden Insassen halbiert. 75 Prozent der derzeitigen Häftlinge sitzen in Untersuchungshaft, die übrigen sind Strafgefangene und Untergebrachte.

Alle müssen beim Verlassen des Haftraums eine Maske tragen. Am meisten spüre man die Maßnahmen in der Betreuung. Der Anstaltsseelsorger Herbert Trimmel erzählt von einem Insassen, der schwerhörig ist. Die Kommunikation mit ihm sei durch die Maske sehr schwer geworden. Neben ihm gibt es noch vier weitere Seelsorger im "Landl".

Gefängnispsychologe Jangl bemerkt, dass im ersten Lockdown die Sorgen bei den Insassen deutlich größer waren. Einerseits habe die Gerüchteküche im Haus gebrodelt, andererseits fürchteten sich viele vor einer Covid-19-Erkrankung. Aber: "Die Insassen haben keine starken zusätzlichen Einschränkungen, weil sie die ja auch ohne Corona hatten."

Aktuell betreuen zwölf Psychologen die Menschen in der Justizanstalt, deren Schwerpunkt darin liegt, sich einen Eindruck über das suizidale Verhalten von Insassen zu verschaffen. Gerade in der Anfangsphase, vor und nach einer Verhandlung, seien die schwersten Phasen für Insassen. "Wir beurteilen dann, ob jemand engmaschig und oder alleine betreut werden muss", erklärt Jangl. Man habe diesbezüglich auch die Maßnahme des sogenannten "Listeners" gesetzt. Dieser ist ein ausgewählter und gebriefter Insasse, der im Falle einer psychischen Belastung mit dem betroffenen Insassen spricht. Wenn der "Listener" eine gefährliche Situation wahrnimmt, gibt er aber sofort Alarm. "Wir bereiten uns aber auch schon im Vorfeld einer Verhandlung vor, was zu tun ist, falls sie für den Insassen ungünstig ausgeht", sagt der Psychologe.

Botschaft der Hoffnung

Nach vielen Erzählungen im Festsaal geht es weiter mit dem Lift nach oben zur Kapelle. Bei fast jedem Gespräch werde der Seelsorger gefragt, wann es wieder Gottesdienste gebe. "Das liegt aber auch daran, dass die Kirche einer der schönsten Räume hier ist. In dem Raum merkt man richtig, wie die Leute aufatmen", sagt Trimmel. Die Kirche ist ein neoklassizistischer Sakralraum, angeblich einzigartig in Mitteleuropa. Drei meterhohe Kirchenfenster aus Glas schmücken die Wand hinter dem Altar und illustrieren bekannte Bibelstellen. Das linke Bild beschreibt, dass keiner ohne Sünde ist, das mittlere den Tod und das rechte die Auferstehung. Die Wahl der Bilder erfolgte nicht ohne Grund, denn sie sagen aus, dass für jeden Menschen Hoffnung besteht, und das soll eine Botschaft an die Insassen der Justizanstalt sein.