Die Zeigefinger erheben sich. Zu viele Jugendliche am Donaukanal. Zu viele Kinder am Spielplatz. Zu viele Pensionisten an der frischen Luft. Abstand halten. Nicht so zusammenrotten. Auseinandergehen. Übertragungswege kappen. Mit der Temperatur steigt auch die pandemische Entrüstung. Die Moralisten sind mit dem Frühling zurückgekommen. Sie empören sich in Internetforen. Sie teilen Fotos auf Facebook: eine Wiese voller Menschengrüppchen, wie auf dem Gelände eines Festivals. Ein Waldweg mit Menschen verstopft. Eine Kaimauer, über die hunderte Beinpaare baumeln. Wie aufgefädelt sitzen junge Menschen dicht aneinander. Die Fotos der wütenden Denunzianten suggerieren das Bild einer verantwortungslosen Masse. Doch sie lassen auch einen anderen Schluss zu. Vielleicht sind die Teenager im Park keine gedankenlosen Gefährder - vielleicht haben sie einfach keine andere Wahl? Vielleicht hat Wien schlicht zu wenig Grünraum für alle? Vielleicht gibt es nicht für jeden einen sicheren Platz an der Sonne - die tägliche Ration Frischluft?

Nach Wochen im Lockdown zieht es die Wienerinnen und Wiener nach draußen. Sie saßen lange genug in ihren Wohnungen. Jetzt wollen sie raus, in der Sonne liegen, Sport treiben, spazieren gehen, Drachensteigen, Radfahren. Und zwar alle auf einmal. Die Grünräume der Stadt können den Ansturm kaum noch stemmen. An sonnigen Frühlingstagen sind die Parkanlagen spätestens nach Feierabend gesteckt voll. Auch die größten Grünflächen der Stadt - der Lainzer Tiergarten, der Prater, die Lobau - gelangen an ihre Kapazitätsgrenzen. Jogger, Radfahrer, Spaziergänger, Familien drängeln sich über die Wege - und scheitern bei dem Versuch, die Abstandsregeln einzuhalten. Wohin sollen sie sonst ausweichen? Einen eigenen Garten haben die Wenigsten. Immer derselbe Beserlpark wird auf Dauer auch langweilig. Verreisen ist derzeit schwierig. Die Krise hat uns vor Augen geführt, wie essenziell öffentliche Parks, Wälder, Wiesen für die Stadt sind. Es ist das alte Spiel. Wir wissen Dinge erst zu schätzen, wenn sie knapp sind.

Das Geld folgt dem Wald

Von knappem Grünraum will das Wiener Rathaus nichts wissen. Im Gegenteil. Es wird nicht müde, Wien als grünes Schlaraffenland zu stilisieren. Die Superlative überschlagen sich. Von der grünsten Stadt der Welt ist da die Rede. Knapp sollte die Ressource Grünraum in Wien tatsächlich nicht sein. Zumindest auf dem Papier. Über 50 Prozent des Stadtgebiets - also rund 20.000 Hektar - sind Grünraum. Das entspricht einer Fläche von 28.000 Fußballfeldern. Selbst wenn alle 1,9 Millionen Wienerinnen und Wiener - vom Baby bis zum Greis - gleichzeitig in die Natur gehen würden, müssten sich nur 68 Menschen ein Fußballfeld teilen - vorausgesetzt, sie würden sich gleichmäßig verteilen. Genug Platz für alle also. Kein Gedränge. Kein Aufschrei der Corona-Blockwarte. Doch die Rechnung hat gleich mehrere Haken. Die glänzende Statistik verstellt den Blick auf die Wirklichkeit. Möge die Hälfte der Stadt Grünraum sein - sie ist nicht immer öffentlich zugänglich. Und gerecht verteilt schon gar nicht.


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Subtrahiert man private Areale - verriegelte Gärten oder Agrarflächen -, bleiben lediglich 31 Prozent des Stadtgebiets frei zugängliche Parks, Wiesen, Wälder. Die MA 22 (Umweltschutz) hat sie im Jahr 2015 erfasst, analysiert, kartografiert. Die Karte ist mit Flecken unterschiedlicher Grüntöne gesprenkelt. Es gibt Wald-, Wiesen- und Weinbaulandschaften, Parkanlagen, Felder, Naturschutzgebiete, Abstandsgrün zwischen Gemeindebauten, urbane Grünflächen.

Ein Fleck sticht sofort ins Auge. Der Nordwesten Wiens ist in sattes Hellgrün getaucht. Der Wienerwald ragt in die Stadt herein. Er treibt den Anteil an Grünraum gehörig nach oben. 5.000 Hektar - also ein Viertel aller Grünflächen innerhalb der Stadtgrenze - gehen auf sein Konto. Zugunsten der angrenzenden Bezirke: Döbling, Hietzing, die Villenviertel Penzings. Hier wohnt die Oberschicht. Das Geld folgt dem Wald. Der Grünraumanteil der Bezirke korreliert mit der Dicke der Geldtaschen seiner Bewohner. Mit Ausnahme der Inneren Stadt haben die reichsten drei Bezirke Wiens überdurchschnittlich viel Grünraum.

"Das hat historische Gründe", sagt Thomas Knoll. Der Landschaftsarchitekt und Gründer von Knollconsulting berät die Stadt in Grünraumfragen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schien Wien unaufhörlich zu wachsen. Die Stadt griff nach dem Umland. Gleichzeitig kam mit der Industrialisierung die schlechte Luft. "Wien ist eine Westwindstadt", sagt Knoll. Damit der Wind die Rußwolken der Schlöte nicht über die Stadt trägt, wurden die Fabriken und Arbeiterviertel im Südosten angesiedelt. Simmering galt als Auspuff von Wien. Die Villen der Wohlhabenden wurden hingegen im Westen gebaut. In den Schatten des Wienerwaldes. 1905 wurde dieser in einem visionären Gemeinderatsbeschluss als Wiener Wald- und Wiesengürtel unter Schutz gestellt. "Zur dauernden Sicherung der Gesundheitsverhältnisse unserer Stadt sowie zur Erhaltung des landschaftlich schönen Rahmens, will ich einen Wald- und Wiesengürtel an der Peripherie (...) für alle Zeiten festlegen", hieß es in dem Erlass von Bürgermeister Karl Lueger. Bis heute profitieren die Nobelgegenden der Stadt davon. Die Qualität des Wienerwaldes ist um ein Vielfaches höher als die Qualität anderer Grünflächen. Buchen, Pappeln, Eichen wachsen in den Himmel. Bäche plätschern. Wendelhals und Wiedehopf trällern. Die Luft ist sauber. Die Brise kühl. Der Verkehr nicht vorhanden. Ein Wald ist eben ein Wald.

Und der ist in der restlichen Stadt nur rudimentär vorhanden. Im Zentrum müssen sich die Bewohner mit Parks begnügen. Sechs Prozent des Stadtgebiets - etwa 2.500 Hektar - bestehen aus Parkfläche. Sie teilen sich rund tausend Anlagen - vom kleinen Beserlpark zwischen den Fassaden der Gemeindebauten zu den weitläufigen historischen Anlagen wie Augarten, Türkenschanz-, Auer-Welsbach-, Stadtpark. Im Alltag bieten sie Genuss und Erholung. Vor dem Frühstück mit dem Hund eine Runde drehen. Nach Feierabend ein Bier auf der Wiese trinken. Öffentlicher Grünraum ist ein essenzieller Teil urbaner Infrastruktur. Wie mit Gas, Strom und Wasser sollte die ganze Stadt auch flächendeckend mit grünen Oasen versorgt sein. Stadtplaner sprechen von der sogenannten Grünraumgerechtigkeit. In Wien ist die nicht gegeben. Nicht jeder Bewohner bekommt gleich viel Grünraum ab.

Im Lainzertiergarten steigen sich die Menschen auch im Lockdown - wie hier im Herbst - auf die Füße.  - © APA / Georg Hochmuth
Im Lainzertiergarten steigen sich die Menschen auch im Lockdown - wie hier im Herbst - auf die Füße.  - © APA / Georg Hochmuth

"Wien hat ein Verteilungsproblem", sagt Knoll. Während im betuchten Hietzing 70 Prozent der Bezirksfläche grün sind, sind es in der Josefstadt nur knappe zwei Prozent. Auch die beliebten Bobo-Bezirke Mariahilf und Neubau haben kaum Grünflächen. Dabei divergiert die Versorgungslage mit Parks und Wiesen auch innerhalb der Bezirke. Vor allem in den dicht besiedelten Teilen von Rudolfsheim-Fünfhaus, Ottakring und in Hernals um den Gürtel ist es kaum grün. Hier wohnen über 500 Menschen pro Hektar. Mehr als in jeder anderen Gegend der Stadt. Eine Wiese vor der Haustür haben sie nicht.

"Auch Favoriten ist im Kern dicht verbaut, der Helmut-Zilk-Park bildet eine seltene Ausnahme. Parks sind hier für viele Bewohner schlecht erreichbar. Im Süden ist der Bezirk jedoch erstaunlich grün", sagt Knoll. Laaer Berg, Wienerberg, Löwygrube sind beliebte Ausflugsziele. Selbst in der Donaustadt ist qualitativ hochwertiger Grünraum rar. Zwar hat der Bezirk mit 5.600 Hektar die meisten Grünflächen Wiens. Ein Gros davon fällt allerdings auf wenig attraktive Felder, künftiges Bauland, Entwicklungsgebiet. Wirkliche Erholungszonen gibt es mit der Lobau, der Donauinsel und dem 2015 initiierten Norbert-Scheed-Wald nur am Rand.

Die Stadt der kurzen Wege

Der Missstand ist schwer zu beheben. Im dichten Gründerzeit-Grätzl lässt sich kein Park aus dem Boden stampfen. Im Sommer 2020, kurz vor der Gemeinderatswahl, lancierte die damals rot-grüne Stadtregierung das sogenannte "Leitbild Grünraum neu". Darin findet sich ein ambitioniertes Ziel: Jeder Wiener soll weniger als 250 Meter zum nächstgelegenen Grünraum gehen müssen. Sorgen soll dafür ein engmaschiges Freiraumnetz. Wer also keinen Park vor der Tür hat, soll zumindest in Gehdistanz eine grüne Anbindung vorfinden, um schon auf dem Weg zum Park in den Genuss von Bäumen, Bänken, Wiesenstreifen zu kommen.

Wie ein Spinnennetz legen sich die grünen Fäden in der Broschüre der MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung) über den Stadtplan. Das Leitbild unterscheidet zwischen unterschiedlichen Typen von grünen Wegen. Führen in den neuen Stadtentwicklungsgebieten ausufernde Grünkorridore in die Natur, besteht ein Großteil der restlichen Verbindungen aus begrünten Straßen. Eine genaue Definition, ab wann eine Straße als begrünt gilt, gibt es nicht. Hier soll der Verkehr sukzessive reduziert werden, Pflanzungen sollen stattfinden, eine natürliche Atmosphäre soll geschaffen werden. "Die Umsetzung findet laufend im Rahmen von Straßenbau- bzw. Straßenumbauprojekten statt", heißt es aus der MA18 auf Nachfrage der "Wiener Zeitung".


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Die Grenzen zwischen Grün- und Straßenflächen verwischen. "Gut so", sagt Anna Stauder. Die Landschaftsarchitektin beschäftigt sich an der Boku Wien mit urbanen Grünräumen. "Wir sollten aufhören, eine Straße als reine Verkehrsfläche zu betrachten", sagt sie. "Sie kann auch die Funktionen eines Erholungsraums erfüllen." Tatsächlich weist die Tendenz in der modernen Stadtplanung in genau diese Richtung. Die Straße wird zunehmend wieder als urbaner Aufenthaltsort begriffen. Sie kann Grünraum und Route gleichzeitig sein. Die strikte Trennung der Funktionen weicht auf. Kühle Gassen oder Begegnungszonen sind Ausdruck dieser Entwicklung. Auf der Mariahilfer Straße surren Radfahrer an Sitzbänken unter Säulengleditschien vorbei. Ihre Kronen wachsen über der Straße zusammen. So könnte das gesamte urbane Straßennetz der Zukunft aussehen: wenig motorisierter Individualverkehr, viele Bäume, Pflanzentröge, Grünstreifen.

Denn die Städte haben keine Wahl - sie müssen sich ändern. Hunderttausende versiegelte Parkplätze, steigende Feinstaubwerte, Autokolonnen in der Innenstadt - lange können sich die Metropolen diesen Anachronismus nicht mehr leisten. Die Urbanisierung schreitet weltweit voran. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte. Sie werden voller. Sie werden dichter. Sie fressen ihr Umland. Sie wandeln Grünland in Bauland um. Die Politik ist zwischen der Bereitstellung von ausreichendem Wohn- und Grünraum hin- und hergerissen.

Auch Wien wächst. 2027 soll die Hauptstadt die Zwei-Millionen-Marke knacken. Doch der Grünraum wächst mit der Bevölkerung nicht mit. Es wird enger in den Parks. Immer mehr Menschen müssen sich den Grünraum der Stadt teilen. Immerhin wird er in Wien aber auch nicht weniger. "Trotz massivem Wohnbau hat es Wien geschafft, den Grünanteil zu halten", sagt Knoll. Auch das Grünraummonitoring der MA22 zeigt - er stagniert seit Jahren bei den viel zitierten 50 Prozent. In der Magistratsabteilung für Stadtentwicklung und Stadtplanung ist man darauf durchaus stolz und spricht sogar vom "Wiener Weg". "Wir bauen nicht auf die grüne Wiese, sondern auf sogenannte ,brown fields‘, also alte Fabriken, Bahnhofsareale, bereits versiegelte Flächen", heißt es aus der Abteilung. "In den neuen Stadtentwicklungsgebieten - sei es im Sonnwendviertel oder am Nordbahnhof - wird immer ein großzügiger Park mitgeplant. Es wird neuer, qualitativ hochwertiger Grünraum geschaffen", sagt auch Knoll.

Der Gürtel schließt sich

Wolfgang Khutter will dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Als stellvertretender Leiter der MA22 will er den Wiener Wald und Wiesengürtel ausweiten. Denn die Schutzzone ist bei weitem kein Gürtel. Sichelförmig hängt er über dem reichen Nordwesten der Stadt. An den Rändern der großen Flächenbezirke steht der Gürtel nach Osten und Süden hin offen. Nur punktuell - etwa mit der Lobau - sind die Grünräume vor Verbauung geschützt.

Ein Erfolg gelang im Sommer 2020. Mit dem Leitbild Grünraum wurden auch Flächen im Südosten in das sogenannte "Wiener Immergrün" aufgenommen. Sie sollen noch vor dem Sommer im Wiener Gemeinderat umgewidmet werden. "Dann stehen auch sie für eine Stadterweiterung nicht mehr zur Verfügung", sagt Khutter.

An der Situation im Zentrum der Stadt ändert das nichts. Vom Titel der grünsten Stadt der Welt haben die Bürger hier nichts. Im Frühling steigen sie sich auf die Füße. Trotz und vor allen wegen der Pandemie. Die Bevölkerung der Innenstadt konzentriert sich auf wenige Parks. Ein gefundenes Fressen für Corona-Moralisten. Die schießen ihre Fotos übrigens auch nicht im Wohnzimmer.

Gut