Er wirkte während der gesamten Zeit der SPÖ-Alleinregierungen (1970 bis 1983) unter Kanzler Bruno Kreisky als dessen Handelsminister. Mit 13 Jahren Amtszeit wurde er so zum längstdienenden Chef in diesem Ressort. Josef Staribacher (1921-2014) war aber zudem ein wichtiger Chronist der Kanzler-Ära des "Sonnenkönigs" Kreisky. Der emsige Minister für Handel, Gewerbe und Industrie schuf mit seinem Tagebuch ein zeithistorisches Dokument: Jeden Morgen, zeitig in der Früh, sprach er seine Beiträge auf ein Diktaphon, das immer am Nachtkasterl lag.

Die Sekretärin im Büro schrieb dann alles nieder. Rund 20.000 A4-Seiten aus Insider-Perspektive sind es schließlich geworden. Ohne weitere Korrektur wurden die Texte abgelegt. Dafür wollte der Minister "nicht auch noch Zeit vergeuden". Denn ursprüngliche Absicht war nur, den engsten Mitarbeitern Informationen aus erster Hand zu liefern.

Alles für den Fremdenverkehr: Werbung mit dem Fahrrad. - © privat
Alles für den Fremdenverkehr: Werbung mit dem Fahrrad. - © privat

Das Tagebuch-Dokument ist nun online öffentlich zugänglich (staribacher.acdh.oeaw.ac.at). Das Kreisky-Archiv, dem Staribacher die Texte mit der Auflage vermachte, sie erst nach seinem Tod zu publizieren, hat sie in jahrelanger Arbeit digitalisiert und wissenschaftlich aufbereitet.

Zum 100. Geburtstag am 25. März würdigen nun auch seine Geburtsstadt Wien und der politische Heimatbezirk Landstraße den früheren Minister mit einer Straßenbenennung. Die Verkehrfläche wird sich beim künftigen neuen Veranstaltungszentrum in St. Marx befinden. Dafür hat sich besonders der aus dem Bezirk stammende Landtagspräsident Ernst Woller (SPÖ) eingesetzt.

Austro-Moped statt Dienstauto - der Sparmeister und Energieminister Staribacher 1982 beim "Happy-Privilegienabbau". - © privat
Austro-Moped statt Dienstauto - der Sparmeister und Energieminister Staribacher 1982 beim "Happy-Privilegienabbau". - © privat

Staribacher war zu seiner Ministerzeit sehr populär. Die Bevölkerung verpasste ihm zahlreiche Spitznamen. Auf die war er so stolz, dass er seine Sekretäre penibel über die Liste Buch führen ließ. "Happy Pepi" war der bekannteste und spiegelte sein sonniges Gemüt wider. Den Namen "Pickerl-Joe" brachte ihm der autofreie Tag der ersten Energiekrise 1974 ein. Damals musste jeder Autofahrer mit einer Klebevignette den Wochentag an der Autoscheibe kennzeichnen, an dem das Fahrzeug stehen blieb. Dass der "Pickerl Joe" vom deutschen Amtskollegen nicht verstanden wurde, löste der leutselige Staribacher in Bonn mit folgender Selbstvorstellung: "Schaun S’, ich bin der Etiketten-Josef."

Minister am Alphorn. Auch die musikalische Eröffnung der Ferienmesse im Jahr 1980 nahm Staribacher gleich selbst vor. - © picturedesk / Imagno / Votava
Minister am Alphorn. Auch die musikalische Eröffnung der Ferienmesse im Jahr 1980 nahm Staribacher gleich selbst vor. - © picturedesk / Imagno / Votava

"Die Deutschen" hatten es Staribacher, der für den heimischen Fremdenverkehr brannte, überhaupt angetan. Er ließ sich in Zeiten des Slogans vom "Wanderbaren Österreich" für jede Werbeaktion für den heimischen Tourismus vorspannen. Journalisten aus der Bundesrepublik, die daheim wegen der "Roten Armee Fraktion" nur schwer bewachte Regierungsmitglieder kannten, zeigten sich begeistert vom österreichischen "Minister zum Anfassen". Sie verfassten in ihren Medien Lobeshymnen und kurbelten den Tourismus mit an. Staribacher verschleppte sie zu langen Wanderungen in die Berge, hängte Jüngere beim Aufstieg mit Jovialität gerne ab, radelte um die Wette und ließ sich für prestigeträchtige Vorführungen der Bergrettung am Seil an einem Hubschrauber hängend aus einer Schlucht fliegen. Anderen "Piefkes" half er bei ersten Skifahr-Versuchen: "Kennen Sie schon die vier Schritte des Staribacher-Schule?", fragte er. Um dann kauzig selbst zu antworten: "Losfahren, ausstemmen, aufstehen, Schnee abputzen!"

Einen Gehaltszettel trug Staribacher immer bei sich und zeigte ihn jedem, der ihn sehen wollte. Einen "Feitel" und seinen "Fotzhobel", die Mundharmonika, trug er ständig in der Hosentasche. Damit sorgte er bei verschiedenen Anlässen für allgemeine Unterhaltung. 1983 verabschiedete er sich mit einem Ständchen bei seinem letzten Pressefrühstück mit "Oh, Du lieber Augustin, alles is’ hin". Staribacher war völlig unprätentiös und spartanisch geprägt. Der Sohn eines Straßenbahners und einer Hausfrau aus Erdberg war in "roter Wolle" gefärbt. Er lernte Stein- und Offsetdrucker, schloss aber später sowohl ein Wirtschafts- als auch ein Jus-Studium ab. Früh organisierte er sich bei Sozialisten und Gewerkschaft. Prägend war auch seine KZ-Haft in Buchenwald. Von der Zeit im Widerstand sprach er nur selten. Der von der Mutter gebrauchte "Bauxl" war sein Deckname. Ihn verwendeten später nur Nahestehende. In der Regierung Kreiskys verstand sich Staribacher als ÖGB-Mann und zeigte das auch. Als ausdauerender Verhandler, überzeugter Sozialpartner und Meister des noch so kleinen Kompromisses hielt er Kreisky die Wirtschaft politisch "im Zaum". Dieses Zugehen auf die Vertreter der Wirtschaftskammer brachten ihm bei den Roten oft Kritik, bei den Schwarzen aber Respekt und so manche Freundschaft ein. So konnte sich Wirtschaftskammerpräsident Rudolf Sallinger einen Staribacher-Sekretär in "heimischem Wirtschaftsinteresse" ganz leicht eine Zeit lang "ausborgen".

Anfang der 80er-Jahre war Staribacher in kleinstem Kreis schon zum ÖGB-Präsidenten und Nachfolger Anton Benyas designiert worden. Öffentlich wurde dies nie bekannt. Denn die Rochade wurde nicht vollzogen, weil Benya schließlich doch länger blieb. Später folgte ihm Fritz Verzetnitsch.

Staribacher war konsequenter Anti-Alkoholiker. "Ein denkender Arbeiter trinkt nicht", lautete eine seiner Devisen. Diese hatte er sich aus den Elendssituationen der Zwischenkriegszeit zu eigen gemacht. Bei einem Besuch mit Kreisky und großer Delegation in der UdSSR lehnte er daher Wodka ab und bat um Apfelsaft. Das trug ihm an Ort und Stelle folgenden Rüffel des Kanzlers ein: "Heast Stari, das ist doch der Gipfel der Geschmacklosigkeit!"

Aber das störte den Minister wenig. Mit seinen Sekretären studierte er für Auftritte mit "Alkoholzwang" den unauffälligen Gläsertausch perfekt ein. Dafür gab es für sie danach - weil eben doppelt abgefüllt - Sonderurlaub.

In Österreich herrschte in den 80ern "Weinüberschuss". So propagierte der Handelsminister bei Versammlungen den Konsum heimischer Tropfen: "Wenn man daheim ein Glaserl trinkt, dann ist das so was wie eine nationale Pflicht." Da rief einmal eine Frau dazwischen: "Aber Herr Minister, Sie trinken ja selber nur Wasser." Darauf Staribacher schlagfertig: "Sehen S’ gnä’ Frau, i bin der einzige Minister, der Wein predigt und Wasser trinkt."

Dipl.-Vw. Dr. Josef Staribacher wurde 92 Jahre alt.