Oft ist es billiger, neu zu kaufen, als reparieren zu lassen - doch dieses Argument lässt Sepp Eisenriegler nicht gelten. Die günstigen Preise für Neuwaren seien nur aufgrund von Ressourcenraub in Ländern des globalen Südens, und mittels Ausbeutung der Produktion in Schwellenländern möglich, sagt Eisenriegler: "Die Menschen in China oder Indien arbeiten jeden Tag 18 Stunden lang und bekommen dafür 1 Dollar 50 pro Tag." Nur so sei ein Preis von 249 Euro für eine neue Waschmaschine möglich, und weil 53 Prozent aller Umweltbelastungen durch Produktion und Distribution entstehen, gehe Neukauf immer auf Kosten nachfolgender Generationen.

"Das war Liebhaberei"

Trifft man Sepp Eisenriegler, Chef des Reparatur- und Service-Zentrums R.U.S.Z in der Lützowgasse 12 im 14. Bezirk, gibt es kein Aufwärm-Geplänkel. Es geht sofort um jene Themen, für die sein Herz brennt: Ressourcenschonung, Vermögensverteilung, Klimakrise. Seit 1998 führt er das Reparaturzentrum in einem Hinterhof im 14. Bezirk, zuerst zehn Jahre lang als sozialökonomischen Betrieb, dann wurde - nicht ganz freiwillig, wie er betont - privatisiert. Doch erst das gesellschaftliche Umdenken, das die "Fridays for Future"-Bewegung ausgelöst hat, konnte die Existenz des Betriebs sichern: "Vorher war es Liebhaberei, wir sind immer ganz nah an der Insolvenz vorbeigeschrammt." Dann kam Greta Thunberg, und plötzlich konnte Eisenriegler davon leben, kaputte Elektrogeräte neu herzurichten.

Sepp Eisenriegler im Interview mit "WZ"-Redakteurin Bettina Figl. - © Milena Krobath
Sepp Eisenriegler im Interview mit "WZ"-Redakteurin Bettina Figl. - © Milena Krobath

Heute kommen 75 Prozent der Einnahmen aus Reparaturen von Kundengeräten, der Rest vom Verkauf gebrauchter, hergerichteter Produkte oder ausgewählter Neuware. An diesem Vormittag im März bringt etwa ein Künstler seine kaputte Bohrmaschine vorbei und eine junge Frau möchte ihr Radio, dessen Lautstärke sich nicht mehr regeln lässt, reparieren lassen.

"Das sind richtige Zangler"

Eisenriegler führt durch die Werkstätten, grüßt seine Techniker mit Fist-Bump und erzählt: Inzwischen habe er 28 Mitarbeiter, fast alle waren vorher ohne Job, manche langzeitarbeitslos. Er lobt sie in höchsten Tönen: "Das sind die Besten der Besten, richtige Zangler. Wer bei uns arbeitet, hat mit drei oder vier Jahren seinen ersten Wecker zerlegt und im Idealfall auch wieder zusammengebaut." Dennoch werden alle, die hier anheuern, auch ein halbes Jahr lang ausgebildet. In Zusammenarbeit mit dem AMS ist überdies eine Weiterbildung für Mechatroniker geplant.

Während in verwinkelten Räumen geschraubt, gelötet und getüftelt wird, stehen im Foyer die frisch reparierten Produkte. CD-Player, Plattenspieler und Waschmaschinen warten auf neue Besitzer. Neuware kann man zwar bestellen, aber nicht alles: "Wir verkaufen nur Produkte, von denen wir überzeugt sind", sagt Eisenriegler.

Das Motto "All you need is less" hat er vom deutschen Volkswirt Niko Paech, der den Begriff Postwachstumsökonomie geprägt hat, übernommen, und stellt die in der "Sharing-Kultur" so beliebte Frage: Wieso überhaupt besitzen? Im R.U.S.Z kann man eine Waschmaschine für 18 Euro pro Monat mieten. In diesem Preis sind das jährliche Service und allfällige Reparaturen inkludiert. "Ich kann ja einer Alleinerzieherin mit drei Kindern nicht sagen, sie soll sich eine hochwertige 900-Euro-Waschmaschine zulegen", argumentiert Eisenriegler.

Im R.U.S.Z wird alles repariert, wo Strom durchfließt - außer Handys. - © Milena Krobath
Im R.U.S.Z wird alles repariert, wo Strom durchfließt - außer Handys. - © Milena Krobath

Auf 1.600 Quadratmetern wird im R.U.S.Z außer Handys alles repariert, wo Strom durchfließt, zum Beispiel Audiogeräte ("die größte Herausforderung"), Kaffeemaschinen ("wir reparieren alle, außer Kapselgeräte, aus Prinzip") und Waschmaschinen ("unser Leitprodukt, weil es emotional nicht aufgeladen ist"). Emotional wird Eisenriegler beim Thema Waschmaschine dann aber doch, denn: "Die Qualität war bis vor zehn Jahren noch eine andere." Eisenriegler meint, er könne den Herstellern die geplante Obsoleszenz, also den vorsätzlichen Verschleiß, nachweisen: 2015 habe er 24 Waschmaschinen getestet, mit dem Ergebnis, dass jedes Gerät schlechter war als das Vorgängermodell.

Der Test wurde in der hauseigenen Forschungsabteilung durchgeführt, die auch Testmethoden für das EU-Kreislaufwirtschaftspaket entwickelt. Ziel dieses Pakets sind gesetzliche Vorgaben, damit Ressourcen und Klima geschont werden. Mithilfe dieser Standards sollen Hersteller, Konsumentenschützer und Marktaufsichtsbehörden die Lebensdauer von Elektro- und Elektronikgeräten bereits vor dem Markteintritt einheitlich bewerten können, um die vorzeitige Überalterung von Geräten zu verhindern. Die Ergebnisse fließen auch in die Ökodesign-Richtlinie ein, die ab 2025 sicherstellen soll, dass kurzlebige Elektrogeräte in der EU nicht mehr angeboten werden. "Dann gibt es diesen ganzen Schrott nicht mehr zu kaufen", sagt Eisenriegler.

Am "Recht auf Reparatur", das 2020 vom EU-Parlament verabschiedet wurde, kritisiert Eisenriegler, dass dieses nur für bestimmte Geräte wie Waschmaschinen, Geschirrspüler oder Kühlgeräte gilt: "Das ist ein bisschen wenig, aber irgendwo muss man anfangen." Sein aktueller Kampf gilt dem Energieeffizienzlabel. Denn das, was als Energiewert bei Waschmaschinen oder Kühlschränken ausgewiesen wird, entspreche oft nicht den Tatsachen - oder zumindest nur in dem unwahrscheinlichen Fall, dass der Kühlschrank niemals geöffnet wird. Laut EU-Beschluss sollen in Zukunft Lebenserwartung, Reparierbarkeit und der ökologische Fußabdruck für die Konsumenten auf einen Blick sichtbar sein.

AHS-Lehrer als EU-Lobbyist

Spätestens jetzt merkt man: Eisenrieglers Haupttätigkeit ist längst nicht mehr das laufende Geschäft, sondern Lobbyarbeit auf EU-Ebene. In Hochzeiten ist er alle zwei Monate in Brüssel, um dort mit Vertretern der Industrie über einheitliche EU-Standards zu diskutieren: "Oft haben wir gestritten, aber meistens verstehen wir uns eh gut."

Eisenriegler ist eigentlich AHS-Lehrer, doch im Zuge seines Studiums, Geografie auf Lehramt, stieß ihm die "skandalöse Ressourcenverteilung" sauer auf. 1988 gründete er die Umweltberatung der Stadt Wien, zehn Jahre später das R.U.S.Z, zwischendurch hat der Alt-68er Hainburg besetzt und gegen das AKW Zwentendorf protestiert.

Vor 21 Jahren hat er das "Reparaturnetzwerk Wien" gegründet und damit den Grundstein für den Reparaturbon gelegt, mit dem seit 2020 Reparaturkosten von der Stadt Wien gefördert werden (der Zuschuss beträgt die Hälfte des Preises und maximal 100 Euro). Derzeit machen 60 Betriebe mit, die Aktion wird nun ausgebaut und verbessert. Seit 2013 gibt es im R.U.S.Z auch ein Reparaturcafé: Jeden Donnerstag kann man kaputte Geräte vorbeibringen und diese, mit Unterstützung ehrenamtlicher Techniker, kostenlos selbst fixen. Pandemiebedingt ist dieses Café, das inzwischen viele Nachahmer gefunden hat, derzeit geschlossen.

"Jetzt ist Erntezeit", sagt Eisenriegler, trinkt einen Schluck Kaffee und zieht an seiner Gaulois. Was er bisher geschafft hat, ist in unzähligen Zeitungsartikeln nachzulesen, mit denen der R.U.S.Z-Pausenraum tapeziert ist. Dass er im Februar 68 Jahre alt geworden ist, veranlasst ihn jedoch nicht dazu, in Pension zu gehen. "In vier Jahren werde ich vielleicht irgendwann eine Ruhe geben", sagt Eisenriegler, woraufhin sein Sohn Martin ungläubig den Kopf schüttelt. Der 34-Jährige, der schon mit 14 Jahren im R.U.S.Z mitgearbeitet hat und nun nach einigen Jahren als Snowboardlehrer in den Familienbetrieb zurückgekehrt ist, soll das Erbe seines Vaters fortführen. Derzeit betreut Eisenriegler Junior den Franchise-Bereich. Denn die Eisenriegler wollen expandieren: Filialen in ganz Österreich, aber auch in Deutschland, der Schweiz und, in weiter Folge, in ganz Europa sind geplant.