Der öffentliche Austritt feierte 1905 in eleganter, weltmännischer Form am Wiener Graben einen fulminanten Auftritt. Als dort ein wasserbetriebenes Klo eröffnete, kam ganz Wien zu den neuen Muscheln. Was die Prominenten samt Rathausführung damals im und um das Häusel genau machten, weiß keiner mehr. Es ist schwer vorstellbar, dass alle gleich die Notdurft verrichtet hätten. Aber das WC am Graben zu besichtigen ist heute wieder ein Sightseeing-Höhepunkt. Mit ihren Geländern, Lampen und Schildern im Jugendstil wurde in der Wiener Klo-Landschaft ein noch gültiger Benchmark gesetzt.

Die Anlage heute noch (wieder) in Vollbetrieb. Nur das System der "zwei Klassen" für die Benützung gibt es nicht mehr. Wiens Häuselpionier war ein gewisser Wilhelm Beetz (1844 bis 1921). Der hatte um 1890 ein Konzept für Wassertoiletten entwickelt, die mittels Baukastensystem aus Deutschland nach Wien transportiert und hier einfach zusammengebaut wurden. Der Mann wurde mit der Idee eines frühen Vorfahren des Ikea-Systems steinreich. Später übersiedelte er ganz nach Wien. Seine Nachfahren betreiben heute einen Betrieb in der Landstraße. Beetz lieferte mit seiner Konstruktion die passende Eingebung in der Gründerzeit, als man hier überall Wasserstränge vorsah.

Beetz-Klo am Richard-Wagner-Platz. - © B. Beyerl
Beetz-Klo am Richard-Wagner-Platz. - © B. Beyerl

All die Hintergründe zur Wiens Häuselgeschichte liefert Buch- und "Wiener Zeitung"-Autor Beppo Beyerl im "Wiener Klosettbrevier" aus dem Löcker-Verlag. Der Wien-Spezialist suchte sich gerade die stillste Zeit für seine Stories über den stillsten Ort aus. Und davon gibt es viele: So war ganz früh einmal gar nicht klar, dass sich bei uns das System des Wasserklos durchsetzen sollte. Beyerl weiß von einem Gegenmodell in Art von "Katzenklos für Menschen". Da vergrub man seine Reste in bereit gestelltem Sand. Beyerl: "Das Wasserklo war letztlich geruchloser und einfacher als das Erdklo." Aber mit Geruchlosigkeit und Hygiene war es auch nicht immer so weit her. Das weiß der Autor aus Kindheits-Erfahrung. Der Fortschritt von gemeinsamer Bassena und Häuseln in Zinshäusern führte manchmal bis zu blutigen Ausschreitungen auf den Gängen. Bis zu drei "Parteien" mussten sich solche Einrichtungen teilen. Beyerl hat alle Beetz-Klos in Wien dokumentiert. Es gibt sie noch: Das erste (1898) steht am Richard-Wagner-Platz. Am Hof, der Mariahilfer Straße und im Schlosspark Schönbrunn finden sich weitere Beispiele.

In Luigi-Blaus WCs wird zum guten Sitz vereinzelt auch Literatur serviert. - © B. Beyerl
In Luigi-Blaus WCs wird zum guten Sitz vereinzelt auch Literatur serviert. - © B. Beyerl

Beyerls persönlicher Häusel-Favorit thront aber "wegen der Aussicht" am Kahlenberg,. Er findet es "witzig, dass gerade, als Freud Theorien zur Befriedigung von Bedürfnissen entwickelt, Wien für andere Bedürfnisse öffentliche Anstalten baut." Die "Bedürfnisanstalt" war lange in vieler Munde. In jüngerer Zeit hat sich die Stadt ihrer Häuseltradition im öffentlichen Raum besonnen: Beetz-Klos wurden renoviert, und viele gelungene, praktische Neuerrichtungen fußen auf Konzepten von Architekt Luigi Blau.

In einem Klo der VHS Hietzing kann man bei seinen Geschäften auch Literatur pflegen. Folgender Text an der Wand stammt von Nobelpreisträger Peter Handke: "Es war an der Schwelle zwischen der Kindheit und dem Heranwachsendenalter, dass der Stille Ort mir etwas zu bedeuten begann über das Übliche oder Gewohnte hinaus." (aus "Versuch über den Stillen Ort", 1989)