Ein alter Kamin knistert. Es ist ruhig - nur wenige Stimmen sind in dem kleinen Raum zu hören. Die Buchhandlung Mayer in Ottakring ist ein Ruhepol im Vergleich zur nahe gelegenen Wattgasse, durch die der tägliche Nachmittagsverkehr braust. Seit knapp 100 Jahren besteht sie in einem ebenerdigen Biedermeierhaus und ist heute die letzte im früheren Arbeiterbezirk. Für deren Inhaber Edea Massimo Margaritella war das vergangene Jahr eine "große Herausforderung", wie er zur Wiener Zeitung sagt. "Und eine enorme Umstellung." Doch nicht nur für ihn - auch für die über 409 Buchhandlungen in Österreich.

Um 4,4 Prozent ging der Buchumsatz im Vorjahr gegenüber 2019 zurück, heißt es vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels (HVB), dem österreichweit über 134 Mitglieder angehören - 47 davon in Wien. Einen Totalausfall gab es 2020 zwar keinen. Dennoch waren die Verluste für viele Händler enorm. Dramatischer war die Lage besonders im stationären Buchhandel, der ein Umsatzminus von 12,8 Prozent einfuhr. Für den Verband war der Rückgang aber überschaubar, da sich einige Händler mit Online-Shops oder Zustellungen gut über Wasser halten konnten. Auch gab es keine Schließungen von Buchhandlungen. Zu einem deutlichen Mehraufwand bedeutete für viele Händler jedoch die Logistik, erklärt HVB-Geschäftsführer Gustav Soucek, die deren Betriebsergebnis verschlechterte.

Leselust überwindet Grenzen

Walter Kettner wandert in den ersten Stock seiner Buchhandlung am Spitz in Floridsdorf. Die hölzernen Stiegen knarren dabei unter seinen Füßen. Nein, das Corona-Jahr brachte für ihn keinen Umsatzeinbruch - ganz im Gegenteil, strahlt er, als er in seinem Büro ankommt. "Bei uns war im Vorjahr einfach unglaublich viel los." Es sprach sich etwa herum, dass er Bücher auch während der Lockdowns zustellte - und das sogar über die Bezirks- und die nahe Stadtgrenze hinaus. Oft hatte er weit über hundert Bestellungen an nur einem einzigen Tag, die ihn manchmal ins Schwitzen brachten, da er die meisten Bücher auch auslieferte. "Ich lernte den Bezirk bis in den letzten Winkel kennen", scherzt er. Alte Kunden blieben, viele neuen gewann er in dieser Zeit dazu - darunter waren auch viele Kinder und Jugendliche, die sich dank Distance Learning die "Liebe zum Buch" fanden und sich mit ihm beschäftigten.

Einzige Wermutstropfen waren die abgesagten Buchausstellungen in Schulen und Kindergärten - "nicht nur im Frühjahr, sondern auch im Herbst", wie der Buchhändler bedauert. Doch alles andere machte diesen Entgang wieder wett und sorgte für ein kräftiges Plus.

"Branche war flexibel"

"Die Branche hat sich als krisenfest erwiesen und war flexibel und schnell, als es darum ging, auf Online-Handel und Click & Collect umzustellen", zeigt sich HVB-Geschäftsführer Gustav Soucek zufrieden. Zuwächse von über 200 Prozent im Online-Verkauf konnte der stationäre Buchhandel gegenüber den Vergleichszeiträumen des Vorjahres erzielen. "Das gleicht aber das absolute Jahresminus nicht aus", fügt er hinzu. "Weil im wichtigen Weihnachtsgeschäft bis 6. Dezember und wieder nach dem 24. Dezember der Buchverkauf eingebrochen ist."

Zu einem Ansturm kam es bei den beiden Buchhändlern in Ottakring und Floridsdorf vor Weihnachten, da sie nur an wenigen Tagen offen hatten. "Damit hatten wir nicht gerechnet", erinnert sich Walter Kettner im Gespräch, dessen Kunden vor dem Geschäft in einer Schlange geduldig warteten, um bestellte Bücher abzuholen. Um den Ansturm zu bewältigen, spannte Edea Massimo Margaritella von der Buchhandlung Mayer in Ottakring seine Familie ein.

Aber nicht nur für den Ottakringer, auch für die Zulieferer war es ein Ausnahmejahr, pflichtet er dem Händler aus Floridsdorf bei. Das in der Corona-Krise gestiegene regionale Bewusstsein sei ihm zugutegekommen. Auch konnte er sich als kleiner Händler rascher auf die neue Situation einstellen. "Das Interesse am Buch ist ungebrochen und wurde neu angefacht", erklärt dazu Hauptverbands-Geschäftsführer Gustav Soucek dazu: "Die Sympathie für den lokalen Buchhändler ist in der Öffentlichkeit stark gestiegen."

Unter den Erwartungen

Spuren haben die langen Schließungen hingegen beim größten Buchhändler Thalia hinterlassen, gibt dessen Geschäftsführer Wolfgang Zehetner zu. Sowohl im Frühjahr als auch vor Weihnachten führten sie zu "deutlichen Umsatzeinbußen". Eine sehr erfreuliche Entwicklung verzeichnet der Online-Shop, der diese Rückgänge aber nicht kompensieren kann. Als Sortimentsbuchhändler sei Thalia aber breit aufgestellt, was dem Unternehmen definitiv zugutegekommen war, sagt der Thalia-Geschäftsführer, der sich mit den Umsätzen seit der Öffnung zufrieden zeigt, "obwohl die Besucherfrequenzen aufgrund der vielen Beschränkungen eher unter den Erwartungen liegen". Rosen streut er seinen Mitarbeitern, von denen viele auch in Kurzarbeit waren. "Als Team und auch in Sachen Flexibilität sind wir in der Krise definitiv an uns gewachsen und haben viel dazugelernt." Noch nie habe er derart viele Bücher "verschlungen" wie im Vorjahr, schmunzelt Ronald aus Penzing. Theater und Kinos fielen aus. Daher widmete er sich seinem Interesse für zeitgenössische Literatur. Bis heute vergeht für den 43-Jährigen kein Abend ohne ein Buch in der Hand. "Ich bestellte sie in einer kleinen Buchhandlung und habe sie mir mit der Post schicken lassen."

"Weiterhin aktiv sein"

Es ist bereits später Nachmittag. Buchhändler Walter Kettner sichtet die aktuellen Bestellungen des Tages und geht die Stiegen wieder in den Verkaufsraum hinunter. "Wir müssen weiterhin sehr aktiv sein", gibt er sich als Ziel vor. Expandieren will er zwar nicht, aber bald zwei Vollzeit-MitarbeiterInnen aufnehmen, damit er auf die "gestiegene Leselust" seiner Kunden besser eingehen kann. Doch nicht nur personell, auch technisch will der Floridsdorfer wachsen. Bereits im Frühjahr soll ein Webshop starten, um für die Zukunft noch besser gerüstet zu sein, erzählt Walter Kettner. "Ja, im Rückblick war das Corona-Jahr eine Riesenchance für uns."