Wir in Wien sind bekanntlich ein bisschen morbide. So ist es auch keine überraschende Gewohnheit, dass wir - egal ob bei Novembernebel oder Aprilsonne - gerne durch die Friedhöfe der Stadt streifen. Beim Plaudern skurrile Grabsteine bewundern, uralte Namen lesen, lachen, traurig sein und sich die eigene Sterblichkeit vor Augen führen: Zwischen den Toten scheint es immer etwas zu entdecken zu geben. Gedränge erlebt man hier auch nicht. Es gibt wohl kaum einen Ort, der für Social Distancing geeigneter ist, und kaum einen, der ruhiger ist. Wer regelmäßig Friedhof-Spaziergänge unternimmt, dem ist seit einiger Zeit etwas aufgefallen: An gefühlt jedem dritten Grabstein klebt ein Aufkleber, der über zwei Umstände informiert: die Notwendigkeit einer Sanierung oder Fälligkeit der Gebühren.

Viele bauliche Mängel

"Es gibt zwei Gründe für die Aufkleber: Früher hatten wir stattdessen kleine Tafeln, aber die sind immer wieder verschwunden oder umgefallen", sagt Florian Keusch, Kommunikationsleiter der Friedhöfe Wien. Da die Aufkleber auffälliger seien, wirke es so, als wären die Hinweise neu, dabei weisen sie auf eine Problematik hin, die die Friedhöfe in Wien schon lange wurmt. "Der eine Punkt sind bauliche Mängel. Wir müssen regelmäßig die Standsicherheit der Grabanlagen überprüfen. Wenn sich - und das kam bereits vor - jemand am Nachbargrabstein anhält und dieser nicht sicher ist, fällt der Grabstein auf die Person." Dafür haftet der Grabnutzungsberechtigte.

Leider bleiben die Kontaktanfragen der Friedhöfe Wien sehr oft unbeantwortet. - © Zelechowski
Leider bleiben die Kontaktanfragen der Friedhöfe Wien sehr oft unbeantwortet. - © Zelechowski

Der zweite Punkt sei das Nutzungsrecht. Gräber werden normalerweise für die Dauer von zehn Jahren bezahlt. Zwei verschiedene Personen seien dafür maßgeblich: der Grabnutzungsberechtigte und der letzte Einzahler. Diese müssen nicht zwangsläufig dieselbe Person sein. "Es kommt vor, dass der Grabnutzungsberechtigter verstorben ist und dies von den Angehörigen nicht gemeldet wird." Die Friedhöfe sollten diese Information erhalten, denn wenn das Grabnutzungsrecht ausläuft, geht ein Schreiben an die Person, die es möglicherweise unter der angegeben Wohnadresse - oder unter den Lebenden - nicht mehr gibt.

Vergessene Gräber

Nun sollen die Aufkleber auf den Grabsteinen die Hinterbliebenen daran erinnern, sich zu melden. "Es kommt leider sehr oft vor, dass dies verabsäumt wird, und wir betonen bei jeder Gelegenheit, dass sich Familienmitglieder bitte bei uns melden sollen, wenn jemand verstirbt", betont Florian Keusch. Dafür gibt es ein einfaches Formular auf der Website. Auch wenn der Einzahlende gestorben ist, muss natürlich eine Person festgelegt werden, falls das Grab weitergeführt werden soll. Dies werde leider auch sehr oft vergessen. Da es sich bei den Friedhöfen nicht um eine Behörde handelt, kann nicht im Melderegister nachgeforscht werden, und es gäbe neben dem rechtlichen Problem dafür auch keine Zeit.

Aber nicht jedes Grab, auf dem ein Pickerl klebt, wurde "vergessen". Es komme auch vor, dass Hinterbliebene die Grabstelle nicht mehr bezahlen möchten. Im Regelfall warten die Friedhöfe etwa zwei Jahre, bis man schließlich handelt und das Grab entfernt bzw. neu vergibt. Seit Jahren hält sich das hartnäckige Gerücht, in der Bundeshauptstadt würden die Gräber wegen Bevölkerungswachstums langsam knapp, weshalb die Friedhöfe auf Urnen umstellen würden, um Platz zu sparen. Im Gegenteil, wie Keusch versichert: "Wir möchten die Kunden unbedingt behalten, weil die Friedhöfe erhalten werden müssen. Deshalb auch die lange Wartezeit."

Trend zu Naturbestattungen

Nur wenige sehr kleine Friedhöfe, wie etwa der Grinzinger Friedhof, haben Platzprobleme. Eher habe eine Trendumkehr der Bestattungen für einen Schwund der Grab-Bestattungen auf Friedhöfen gesorgt: Immer mehr Menschen wählen Naturbestattungen wie einen Waldfriedhof statt der Feuerbestattung auf dem Friedhof. Vor allem in Wien sei der Trend sehr ausgeprägt und geht weg von der "traditionellen" letzten Ruhestätte - anders sei dies noch in den Bundesländern. Es gibt also keinerlei Platzprobleme.

Der Zentralfriedhof wurde bei der Gründung 1874 als einziger Friedhof für Wien ausgelegt, man wollte ursprünglich alle anderen Friedhöfe zusperren. Alleine er könnte Grabstellen für alle Menschen der Stadt fassen, sagt Florian Keusch: "Es ist noch gigantisch viel Platz." Dass die Friedhöfe immer leerer werden, liegt eher an den anderen Trends als an finanziellen Gründen, da das günstigste Grab pro Jahr 29 Euro kostet. Ein interessantes Detail erwähnt Keusch im Gespräch über das Standardgrab, bei dem es keinen Grabdeckel gibt, sondern man seine ewige Ruhe unter einem schlichten Rasen findet. "Warum es mehr kostet? Das ist eine Art Steuerung: Ganz einfach, das Ziel ist, den Friedhof so grün wie möglich zu gestalten."