Matte Neonlampen surren. Auf der großen Bahnhofsuhr bewegt sich ein Zeiger in Schrittgeschwindigkeit. Es ist Nachmittag im Freizeitraum der Wohnanlage Wiener Flur in Wien-Siebenhirten. Ein kleiner Modellbahn-Personenzug erklimmt langsam eine Anhöhe auf der Anlage des Modellbauclubs Wiener Flur. "Über 150 Meter wird er zurücklegen, bis er wieder zurückkommt", erklärt Erich Kast, Mitglied und Schriftführer. Seit über 18 Jahren ist der heute 36-Jährige im Verein tätig, der normalerweise immer mittwochs Besucher empfängt und ihnen die Anlage vorführt.

Der Modellbauclub Wienerflur (MBCWL) besitzt heute eine der größten Modellbahnanlagen in Wien. Auf rund 45 Quadratmetern erinnert hier die Nenngröße H0 im Maßstab 1:87 an die Bahn im Echtbetrieb. Berge, Brücken, ein Bahnhof, ein Lokschuppen und eine Drehscheibe sollen etwa die Stimmung des ÖBB-Betriebs, insbesondere in den 60er-Jahren, wiedergeben. Immer mehr weibliche Interessenten lassen sich für das Hobby Modellbau begeistern, so der passionierte Modellbahner Kast. Besonders stolz ist er, dass darunter auch seine Lebensgefährtin ist. Mit ihr teilt er das Interesse für Modellbahnen.

"Bei uns sehen Kinder und Jugendliche vieles aus dem Original", sagt Erich Kast, Mitglied des Modellbauclubs Wiener Flur. - © Erben
"Bei uns sehen Kinder und Jugendliche vieles aus dem Original", sagt Erich Kast, Mitglied des Modellbauclubs Wiener Flur. - © Erben

"Wurden regelrecht gestürmt"

Während der öffentliche Modellbahnbetrieb am Wiener Flur ruht, herrscht in den Kellern und auf den Teppichen in so manchen Wohnzimmern Hochbetrieb, weiß Sandra Aichinger, Mitarbeiterin eines Modellbahngeschäfts in Wien und eines von zwei weiblichen Mitgliedern des Vereins. Denn viele entdeckten im Vorjahr ihre Liebe für die Modelleisenbahn. Und das beflügelte den Umsatz einiger Modellbahngeschäfte - so auch von jenem, in dem sie arbeitet. "Wir wurden regelrecht gestürmt - und das ist bis heute nicht abgerissen", strahlt sie. Oft kommen Väter mit ihren Kindern, um sich mit ihnen gemeinsam ein bestimmtes Modell auszusuchen - oder auch Jugendliche, die die Modelleisenbahn vom Großvater im Keller oder am Dachboden entdeckt haben und diese wieder neu aufleben lassen wollen.

Weder das Modellbahnhobby noch die Mitgliedschaft im Verein sei ein Zeitvertreib für nur wenige Monate, ist Sandra Aichinger überzeugt, die nebenberuflich auch eine Ausbildung zur Kesselwärterin absolviert. Dafür seien die Preise für eine Modelllokomotive einfach zu hoch. Viele ihrer neuen Kunden nehmen jedoch viel Geld in die Hand, um sich das eine oder andere besondere Modell zu gönnen. Eisenbahnmodelle seien wie Denkmäler für daheim, da es viele der Lokomotiven in der Realität nicht mehr gibt, meint ihr Lebensgefährte Erich Kast - auch seien sie oft sehr begehrt und zeigt auf ein vor ihm stehendes, vergoldetes Modell des Herstellers Liliput. "Sehen Sie, das ist eine Dampflok der BBÖ-Reihe 214, einer der bekanntesten und stärksten Loks, die in Österreich je gebaut wurden und gefahren sind."

Mehr Umsatz in der Pandemie

Aber nicht nur die Händler - auch der letzte österreichische Modellbahnhersteller Roco, der im Vorjahr sein 60-jähriges Bestehen feierte, bekommt die Renaissance der schmalen Spur zu spüren. "Es war ein tolles Jahr", jubelt Tassilo Gruber, seit 2018 Geschäftsführer der Modelleisenbahn GmbH in Salzburg, die Fleischmann und Roco unter einem Dach vereint. Der Umsatz kletterte 2020 um sechs Millionen Euro - eine Million davon führt er auf Corona-Pandemie zurück. "Wir haben einen Umsatzrückgang befürchtet, der aber nicht eingetreten", sagt Gruber zur "Wiener Zeitung" und führt das auf die Händler zurück, von denen mehr als die Hälfte eigene Webshops betreiben, über die viele Kunden in den Lockdowns bestellt haben und bestellen.

Der Personenzug dreht eine weitere Runde auf der Anlage. Sandra Aichinger steht bei den Reglern und steuert damit eine britische Dampflok aus dem Ringlokschuppen. Die meisten Modelle, die auf der Anlage stehen und fahren, gehören aber nicht dem Club, sondern dessen Mitgliedern, die sie hier in Betrieb nehmen, erzählt die Modellbahnerin begeistert. "Unsere Anlage soll nicht nur Erinnerungen an die Kindheit wecken, sondern auch eine bestimmte Stimmung im Bahnbetrieb transportieren." Das schätzen auch viele der Besucher. Doch diese bleiben seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie weitgehend aus, was den Modellbahnclub besonders herausfordert, da er vor allem von den Spenden der Gäste lebt. "Sogar das Sommer-Ferienspiel war bei uns im Sommer oft zu Gast", erinnert sich Erich Kast an bessere Zeiten und hofft, dass diese bald wieder anbrechen. Kinder sowie Jugendliche waren von dem Betrieb im Freizeitraum immer wieder begeistert. "Weil sie bei uns auch vieles aus dem Original erkennen - so zum Beispiel den Taurus mit der bekannten Reihe an Doppelstockwagen oder den RailJet."

Von Mariazell zum Semmering

Zehn Minuten brauchen die Züge, um die gesamte Anlagen zu umrunden. Obwohl hier seit dem Jahr 1985 Züge rollen, gibt es nach wie vor vieles zu tun, erzählen die beiden Modellbahnfreaks. Anlagen in dieser Größenordnung werden eben nie fertig, leben von neuen Details, die der Besucher oft erst beim zweiten Blick entdeckt. Im Bau ist etwa eine Oberleitung, die, so wie im Vorbild, einen Großteil der Geleise überspannen soll. Der Personenzug rollt unterdessen weiter - vorbei an einem Bahnhof und einer kleinen Ortschaft, dessen Kirche an die Wallfahrtskirche in Mariazell erinnert. Es gibt auch eine Bergstrecke, die der Ghega-Südbahn nachempfunden ist. Auf der Rückseite liegen zwei so genannte Schattenbahnhöfe, wo gleich mehrere Züge abgestellt werden können.

70 Prozent mehr Bestellungen

"Wir fahren weiterhin analog, aber mit Computerunterstützung durch den Stellwerksrechner", erklärt Erich Kast, während er einen Güterzug von einem nachgebautem ÖBB-Relaisstellwerk aus aufmerksam verfolgt. Dieses unterstützt ihn dabei, wenn sich mehrere Züge gleichzeitig auf der Anlage bewegen. Unfälle wie Zusammenstöße oder Entgleisungen seien zwar sehr selten, aber sie können auch hier vorkommen - so wie im echten Bahnbetrieb. Doch diese verlaufen wglimpflicher. Schäden an Loks und Waggons können etwa in der Werkstätte sofort repariert werden. Dass Corona das Interesse an Modellbahnen weiter beflügeln werde, ist Geschäftsführer Tassilo Gruber von der Modelleisenbahn GmbH überzeugt. Alleine bei den Vorbestellungen liegt der Salzburger Hersteller heuer sogar bei über 70 Prozent gegenüber 2020. Zwischen 80 und 100 Millionen Euro schätzt der frühere Unternehmensberater das Marktpotenzial der Modelleisenbahn in Österreich. "Ja, die Modellbahnbranche boomt wie nie zuvor", sagt Modellbauclubmitglied Erich Kast dazu. "Aber kleine Vereine wie wir geraten leider in Vergessenheit."