I gib ma, bin i sehr am Saund, a Infusion am Würstlstand." Als Wolfgang Ambros in den 70ern die echte Wiener Komplementärmedizin besang, wusste niemand, was ein Coronavirus ist. Knapp 50 Jahre später hält der winzige Erreger die ganze Welt an. Seit über einem Jahr. Wien ist zum vierten Mal im Lockdown. Wieder hat alles zu, was Spaß macht. Kinos. Theater. Konzertsäle. Prater. Gasthäuser. Heurige. Sogar das Beisl ums Eck hat seit Monaten geschlossen. Die Fertignudeln schmecken schon genauso fad wie das lauwarme Linsencurry vom Radlboten. Das Bier wird am Küchentisch auch immer schaler. Der Wiener hat Hunger. Der Wiener hat Durst. Nach Monaten im Ausnahmezustand ist er am sprichwörtlichen Sand.

Doch es gilt damals wie heute - am Würstelstand wartet die rettende Infusion. In Wien gab es laut Wiener Wirtschaftskammer im Jahr 2020 insgesamt 154 aktive Würstelstände. Viele davon haben auch im Lockdown geöffnet. Sie dürfen Kracherl, geschlossenes Bier, Burenwurst, Eitrige und Konsorten anbieten, solange diese nicht im Umkreis von 50 Metern um den Stand verzehrt werden. Das Angebot wird angenommen. In Ermangelung an Alternativen ist der Würstelstand zum Treffpunkt geworden. Und zwar von allen - vom Bobo zum Bauhackler, vom Pensionisten zum Studenten. Denn wenn das Beisl zu hat, werden Bier und Spritzer eben im Freien getrunken, mit Sicherheitsabstand versteht sich und in der Nähe der Quelle - dem Würstelstand eben. Sie sind neben dem Wiener Kaffeehaus das zweite Standbein der Wiener Alltags-Kulinarik. Doch während seinem bürgerlichen Pendant reihenweise die Schließung droht, erlebt der Würstelstand ein kleines Revival. Zumindest als Kulturgut. Reich werden seine Betreiber auch in der Krise nicht.

"Es reicht zum Überleben"

Am Rochusmarkt im 3. Bezirk gehen die Rollläden herunter. Die Gemüse-, Fleisch- und Käsestände sperren für heute zu. Es soll der letzte laue Abend vor einem allerletzten Wintereinbruch sein. In der sogenannten "Würstel Bar" brennt noch Licht. Bis 19 Uhr dürfen Würstelstände im Lockdown Getränke und Essen verkaufen. Zwei Männer Mitte 50 in Jeans und Turnschuhen besorgen sich noch schnell vier Bier und Frankfurter. Sie zahlen und wechseln brav die Straßenseite. Auf einem Bankerl neben der Post am Rochus sitzen ihre Partnerinnen. Sie prosten sich auf Abstand zu. Solche Grüppchen gibt es hier mehrere. Menschen stehen in der Abendsonne, unterhalten sich, nippen am Dosenbier. "Normalerweise gehe ich jeden Mittwoch zum Stammtisch", sagt der 25-jährige Student Jakob. "Seit die Lokale zu haben, treffen wir uns im Freien, meistens hier beim Würstelstand. Das ist sicherer als privat in den Wohnungen", sagt er und wartet auf seine Freunde. Ihr Bier aus der Flasche hat er bereits beim Würstelstand besorgt. Es klimpert im Plastiksackerl.

"Ich sitze oft umsonst hier", sagt der Verkäufer des Würstelstands am Stadtpark. - © Matthias Winterer
"Ich sitze oft umsonst hier", sagt der Verkäufer des Würstelstands am Stadtpark. - © Matthias Winterer

In der Kassa der "Würstel Bar" klimpert es hingegen nicht. "Wir machen nicht mehr Umsatz als vor der Krise", sagt der Verkäufer hinter der Budl. "Es reicht zum Überleben, aber gut verdienen wir derzeit nicht." Auch der Obmann der Fachgruppe Gastronomie der Wiener Wirtschaftskammer Peter Dobcak bestätigt: "Durch die Möglichkeit des Take-away werden die Betreiber der Würstelstände die Krise hoffentlich besser überstehen als andere." Zum Überstehen reicht es, zum Verdienen nicht. Ein Rundruf der "Wiener Zeitung" zeigt: Der neue Zulauf kann an keinem Würstelstand der Stadt die pandemiebedingten Umsatzverluste ausgleichen. "Wir verdienen um etwa 90 Prozent weniger als vor der Krise", sagt auch Sepp Bitzinger. Sein Würstelstand neben der Albertina in der Inneren Stadt ist so etwas wie das Steirereck unter den Würstelständen. Das Gourmetmagazin "Falstaff" kürt ihn Jahr für Jahr zum besten Stand der Stadt. Nach dem Opernball wird er von Prominenz aus Politik und Kultur gestürmt. "Das Hauptgeschäft machen wir normalerweise am Abend und in der Nacht. Das fällt jetzt alles weg", sagt Bitzinger. "Aber auch das Mittagsgeschäft ist weniger geworden. Viele Menschen sind im Homeoffice." Seine sieben Mitarbeiter konnte Bitzinger halten. Niemand musste in Kurzarbeit. "Das ist in Zeiten wie diesen ja schon ein Erfolg. Aber verdienen tun wir dabei nichts." Ähnlich äußert sich der Verkäufer des Würstelstandes am Stadtpark neben dem Museum für angewandte Kunst. "Wir leben von Touristen", sagt er und dreht Käsekrainer mit der Grillzange um. "An schönen Tagen kommen auch viele Jugendliche aus dem Stadtpark und kaufen Dosenbier. Aber an Tagen wie heute sitze ich eigentlich umsonst hier." Es ist Anfang April. Und genauso gibt sich das Wetter. Vor wenig Minuten brach die Sonne durch die Wolkendecke. Jetzt schneit es dicke Flocken vom Himmel. Menschen eilen im Schneetreiben durch den Stadtpark. Niemand sitzt auf den Wiesen.

Ein Meister der Krise

Ein anderer Park am anderen Ende der Stadt. Neben dem Auer-Welsbach-Park hat Christian Lange seinen Würstelstand "Bewusst Wurst". Er hat ihn im Lockdown erst gar nicht aufgesperrt. Zwar würden auch bei ihm Jugendliche Bier kaufen und dann im Park trinken. "Der Hauptumsatz kommt aber von meinen Stammgästen und die kommen nicht, wenn sie ihr Essen nicht hier essen können", sagt er. Laufkundschaft hätte er kaum, die Menschen würden wegen der guten Qualität seiner Würste extra zu ihm kommen. Bei Lange liegen Bio-Mangalica-Bratwürste aus dem Kamptal auf dem Grill. Das Bier bezieht er von kleinen Brauereien.

Schon längst ist der Würstelstand mehr als ein Ort, an dem eilige Menschen faltige Frankfurter in sich hineinstopfen. Die Bandbreite ist groß. Von der klassischen Garküche für Arme der Anfangszeit zur veganen Wurst mit frischgebackenem Bio-Brot für Bobos. Der Würstelstand hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Er hat sich den Umständen angepasst und so einer ganzen Reihe von Krisen getrotzt. Der Würstelstand ist ein Meister der Krise. Verdankt er doch seine Existenz einer Krise. Die ersten Stände wurden in der k.u.k. Monarchie gegründet, um Kriegsinvaliden aus dem Ersten Weltkrieg ein Einkommen zu sichern. Bis in tief in die 70er-Jahre galten sie als Ausspeisung der Armen. Mit Wolfgang Ambros kam auch der Aufschwung - bis hin zur Touristenattraktion. Sie überlebten die Bedrohung durch amerikanischen Fastfood-Ketten wie McDonald’s genauso jene der Kebap-Stände, die ab den 80er-Jahre die Straße eroberten. Schon damals prophezeite man dem Würstelstand den Untergang. Und verklärte ihn mit patriotischen Untertönen, unbeachtet der Tatsache, dass auch die Krainer aus Slowenien und die Debreziner aus Ungarn kommt.

Auch der Corona-Krise wird der Würstler trotzen. Schließlich bietet er Infusionen für Menschen am Sand an. Und von denen gibt es derzeit genug.