Die Spielkartenschnipsel sind Dieter Strehl noch heute in Erinnerung. Als der damals Achtjährige seine Oma in der Hütteldorfer Straße 229-231 besuchte, wühlte er sich mit Freude durch die Tonnen im Hof, die mit den unbrauchbaren, aber farbenfrohen Papierresten gefüllt waren. Denn dort, in der Hütteldorfer Straße, war und ist bis zum heutigen Tag Österreichs bekanntester Spielwarenhersteller: die Wiener Spielkartenfabrik Ferd. Piatnik & Söhne GmbH und Co. KG. Strehls Großmutter war die Enkelin des Namensgebers, Ferdinand Piatnik und wohnte - so wie die halbe Verwandtschaft - auch gleich auf dem Firmengelände. Damit unterstrichen sie den Begriff "Familienunternehmen" auf famose Weise. Unter solchen Voraussetzungen könnte man meinen, dass Strehl schlichtweg dazu prädestiniert war, eines Tages den Betrieb zu übernehmen. Doch eigentlich waren die Weichen des 61-Jährigen auf ganz andere Schienen gestellt.

"Mein Vater ist Bauingenieur, mein Großvater war im Baugeschäft und mein Urgroßvater auch", sagt Strehl. "Das Spielerische ist über die Linie meiner Mutter und meiner Großmutter gekommen." Dass er einmal ins Familienunternehmen eintreten würde, sei ursprünglich kein Thema gewesen. "Ich habe nicht einmal gewusst, wo ich Spielkarten herbekomme. Die hat mir ja immer meine Großmutter zugesteckt", witzelt er.

1891 wurde das Fabriksgebäude in Hütteldorf errichtet, das noch heute der Firmensitz Piatniks ist. - © Piatnik
1891 wurde das Fabriksgebäude in Hütteldorf errichtet, das noch heute der Firmensitz Piatniks ist. - © Piatnik

Nach Bundesheer und abgeschlossenem Wirtschaftsstudium fing er bei der Creditanstalt zu arbeiten an. Von dort hantelte er sich weiter zur österreichischen Außenhandelsstelle in Amerika. Hier kam ihm dann die Idee, dass es wohl erfolgversprechend sei, den Spieleverlag Piatnik zu internationalisieren. So landete Strehl im Alter von 23 Jahren letztlich doch im Unternehmen seiner Vorväter.

Das war 1985. Heute ist Strehl der Chef des kleinen Spielzeugimperiums, das ein breites Repertoire an Unterhaltsamen von Schnapskarten bis Brettspielen bietet. Er führte bis zu dessen Pensionierung vor sechs Jahren die Geschäfte gemeinsam mit Ferdinand Piatnik, dem Vierten, dessen Vater der Cousin von Strehls Großmutter war. Mittlerweile ist Strehl gemeinsam mit dem Techniker Wolfgang Mayr-Kern Geschäftsführer des feinen mittelgroßen Unternehmens, das Niederlassungen in den USA, Deutschland, Ungarn und Tschechien hat. Die Produkte werden weltweit vertrieben. Das alles profitabel zu halten, scheint auf den ersten Blick nicht leicht. Die Corona-Krise zwingt zahllose Unternehmen in die Knie, während Kinder und Erwachsene im Lockdown noch mehr vor dem Bildschirm hocken. Kann ein Hersteller analoger Spiele unter solchen Voraussetzungen überhaupt überleben? Er kann. Und das sogar ziemlich gut.

Tarock und Bridge muss man über Jahre lernen. Solch ein Aufwand liegt derzeit aber nicht unbedingt im Trend. - © aum
Tarock und Bridge muss man über Jahre lernen. Solch ein Aufwand liegt derzeit aber nicht unbedingt im Trend. - © aum

Die Nachfrage ist während der Corona-Krise gestiegen

"Unser Unternehmen hat sich in der Pandemie ganz gut gehalten. Wir haben die Chancen, die sich uns geboten haben, nützen können", sagt Strehl. Die Nachfrage sei ab März 2020 sprunghaft gestiegen. Grund dafür ist, dass die Corona-Krise eine Renaissance des Biedermeiers gebracht hat. Alles, was mit der Verschönerung und Verbesserung der eigenen vier Wände zu tun hat, befindet sich im Aufwind. Möbel, Heimwerk- und Gartenartikel sind gefragt wie schon lange nicht. Hochglanzmagazine mit Dekotipps und Rezepten für Quittengelée sind vergriffen. Diese Welle reiten auch die Spielverlage.

"Durch den Lockdown waren plötzlich so viele Menschen zu Hause, die sich einmal mit etwas anderem als dem Bildschirm beschäftigen wollten", erklärt Strehl. Doch zur richtigen Zeit in der richtigen Branche zu sein, genügt allein noch nicht.

Qualitätskontrolle bei der Produktion von Spielkarten. - © apa / Barbara Gindl
Qualitätskontrolle bei der Produktion von Spielkarten. - © apa / Barbara Gindl

Das große Atout Piatniks ist es, selbst zu produzieren. Das Material stammt so gut wie ausschließlich aus Europa, die Lieferketten sind kurz. Damit ist Piatnik generell ein europäisches Vorbild. Die Corona-Krise hat schmerzhaft vor Augen geführt, wie wichtig die lokale Produktion ist. Das von China abhängige europäische Pharmariesen versucht derzeit händeringend, dorthin zu gelangen, wo Strehls Unternehmen seit seiner Gründung 1824 ist.

Piatnik produziert nach wie vor in der eigenen Fabrik in Wien. - © Piatnik
Piatnik produziert nach wie vor in der eigenen Fabrik in Wien. - © Piatnik

Aber auch einige Konkurrenten Piatniks sind in der Importfalle gefangen. Sehr viele Spieleverlage produzieren nicht selbst und brauchen einen Lohnfertiger. Sitzt der in Asien, so ergeben sich momentan Lieferzeiten von bis zu 40 Wochen. Das führt zu Panik und Überhitzung, was die Knappheit und Verzögerungen noch einmal verstärkt. Gleichzeitig führt die Situation eindrucksvoll vor Augen, wie sehr das Interesse an Spielen gestiegen ist.

"2020 ist der Markt im deutschsprachigen Raum um 21 Prozent gewachsen", berichtet Strehl. Die Jahre davor hatte die Branche konstante Wachstumsraten von drei bis fünf Prozent zu verzeichnen. Auch das war schon nicht schlecht und sorgte für Solidität bei Piatnik. Noch 2019 hatte das Unternehmen 105 Mitarbeiter und einen Umsatz von gut 25 Millionen Euro. Jetzt sind zirka 150 Mitarbeiter dort beschäftigt, die einen Jahresumsatz in Höhe von etwa 40 Millionen Euro generieren. "Das letzte Jahr hat sich wirklich sehr gut entwickelt. Dieser Trend hält soweit auch 2021 an", erzählt Strehl enthusiastisch.

Von "DKT" bis "Activity": Uralte Klassiker als Zugpferde

Besonders gefragt sind Klassiker für Erwachsene: Puzzles mit vielen Teilen und populäre Gesellschaftsspiele, bei denen man keine Spielregeln mehr lernen muss. Da wäre beispielsweise die österreichische "Monopoly"-Variante "DKT - Das kaufmännische Talent", das gerade sein 85-jähriges Jubiläum hinter sich hat. Auch das 30 Jahre alte "Activity" ist so ein Evergreen, der bis hin nach Russland verkauft wird und in Australien sogar zum Spiel des Jahres gekürt wurde. "Weniger beliebt sind deutsche Taktikspiele mit 60-seitiger Anleitung", sagt Strehl.

Das Spiel "Activity" ist seit mehr als 30 Jahren ein Dauerbrenner und wurde sogar in Australien zum Spiel des Jahres gekürt. - © Piatnik
Das Spiel "Activity" ist seit mehr als 30 Jahren ein Dauerbrenner und wurde sogar in Australien zum Spiel des Jahres gekürt. - © Piatnik

Generell haben Gesellschaftsspiele stark zugelegt. Hier konnte Piatnik gerade rechtzeitig auch mit Neuem punkten: Das 2019 erschienene Spiel "Speedy Roll" wurde 2020 in Deutschland zum Kinderspiel des Jahres gekürt. Ebenfalls 2019 sicherte sich Piatnik die Rechte an "Smart 10" für den deutschsprachigen Raum und die Niederlande. In der Folge schaffte das Quizspiel den Einzug in die Top 10 des besten Spielzeugs in Deutschland und wurde von der Wiener Spieleakademie als bestes Spiel Österreichs prämiiert. Solche Auszeichnungen sorgen natürlich für zusätzliches Interesse. Und dann ist da selbstverständlich auch noch das Herzstück des Unternehmens: die Spielkarten. Sie machen ein Drittel des Geschäfts von Piatnik aus. Wobei wesentlich mehr Spielkarten verkauft werden als Gesellschaftsspiele.

Doch nicht alles ist rosig in der Spielbranche. Pandemie und Lockdown haben für Einbrüche bei den sogenannten Impulsartikeln gesorgt. Das ist Spielzeug, auf das man quasi im Vorbeigehen aufmerksam wird. Dazu gehören beispielsweise Figuren, die man sich an die Schultasche hängt oder Spielzeug, das man in einer Vitrine sieht. Solche Artikel gehen in Zeiten von Homeschooling und Lockdown naturgemäß schlecht. Genau solche Produkte vertreibt Piatnik aber kaum. Das Klimtpuzzle im Belvedere-Shop fällt grundsätzlich in diese Kategorie. Der Ausfall wird allerdings durch die an sich gesteigerte Nachfrage nach Puzzles kompensiert.

Dafür hat ein anderer Bereich bei Piatnik gelitten: personalisierte Spielkarten. "Wir haben sehr viele Werbekartenspiele für Industriekunden, Firmen und Banken produziert. Die haben Corona-bedingt die Anlässe, bei denen man solche Werbegeschenke verteilt, absagen müssen", erklärt Strehl. Dieser Bereich sei aber überschaubar und tut dem Florieren des Unternehmens keinen Abbruch.

Der Umzug nach Hütteldorf wurde notwendig, als die Firma 1891 vom Handwerksbetrieb auf moderne Maschinen umstellte. - © Piatnik
Der Umzug nach Hütteldorf wurde notwendig, als die Firma 1891 vom Handwerksbetrieb auf moderne Maschinen umstellte. - © Piatnik

Gelungene Balance zwischen Spielehits und -flops

Auch die nicht erfolgreichen Spiele bremsen den Elan von Piatnik nicht. "Wir haben unendlich viele Flops gehabt, das gehört zum Verlagswesen dazu", sagt Strehl pragmatisch. "Selbst den bekanntesten Regisseuren ist es gelungen, Filme zu machen, die keiner sehen wollte, und damit viel Geld zu versenken. Die Kunst ist es, mit erfolgreichen Spielen so viel Geld zu verdienen, dass man sich die Flops leisten kann."

Piatnik erhält Jahr für Jahr hunderte Spielvorschläge - von Österreich bis Kanada, von Amateuren bis hin zu professionellen Spieleentwicklern. Um das Potenzial der angebotenen Spiele auszuloten, werden diese wiederholt getestet, gescreent und schließlich so lange ausgesiebt, bis eine Liste von 20 Spielen übrig ist. Schafft es ein Spiel tatsächlich auf den Markt, dann unterscheidet es sich meist stark vom ursprünglich eingeschickten Muster. Denn typischerweise erhält der Verlag lediglich ein rudimentäres Konzept. "Man muss die Geschichte und die grafische Gestaltung vom dahintersteckenden Spielsystem unterscheiden. Bei Letzterem handelt es sich eigentlich oft um eine mathematische Gleichung", erklärt Strehl. So wie ein Roulettetisch rein äußerlich dazu einlädt, auf Farben, Nummern oder Kombinationen zu setzen. Doch aufs Wesentliche reduziert ist das Ganze eine Summe von Gewinn- und Verlustwahrscheinlichkeiten.

Die Balance zwischen Spielehits und -flops zu halten, ist Piatnik ganz offensichtlich bisher gut gelungen. Gefährlicher wäre es da schon, läge die Belegschaft krank darnieder. Doch auch die Pandemie hat man in Hütteldorf bisher im Griff. "Wir hatten ein sehr wirksames Hygienekonzept und nur vereinzelt Corona-positive Mitarbeiter", berichtet Strehl. Zudem stellte Piatnik in der Krise auf einen Zwei-Schicht-Betrieb um. Das erhöht die Produktivität und stellt sicher, dass im schlimmsten Fall mit der halben Belegschaft weiterproduziert werden könnte.

Der Firmeneingang Piatniks in der Hütteldorfer Straße 229 - 231. - © Piatnik
Der Firmeneingang Piatniks in der Hütteldorfer Straße 229 - 231. - © Piatnik

Von Kurzarbeit ist gar keine Rede. Schließlich ist das Unternehmen gewachsen und braucht mehr Kapazität, nicht weniger. "Wir haben ungefähr 500 Spieletitel", sagt der Geschäftsführer. Die Branche expandiert dermaßen, dass sie beginnt, unüberschaubar zu werden. Als Strehl seine Arbeit bei Piatnik aufnahm, kamen in einem Jahr von allen Verlagen zusammen 171 Spiele auf den Markt. "Heute sind es ungefähr 3.000", sagt er. Ungefähr 30 Millionen Spiele werden im deutschsprachigen Raum pro Jahr verkauft.

Die nächste Generationsteht schon bereit

"So verspielt wie heute war die Menschheit überhaupt noch nie. Die Möglichkeiten, die geboten werden, sind unendlich groß. Ich kann in der U-Bahn ein Spielchen auf dem Handy machen, nach Hause kommen und mit dem Nachbarn ,Activity‘ spielen." Doch sind nicht gerade Handy- und Computerspiele eine unangenehme Konkurrenz für Brettspiele und Karten? "Das Analoge ist nicht das Altmodische, sondern das Menschliche", beginnt Strehl zu sinnieren. "Und ich glaube, dass das Menschliche überleben wird - trotz des Trommelfeuers amerikanischer und asiatischer Konzerne." Gerade in einer Zeit von Videokonferenzen und digitalem Unterricht zeige sich, wie wichtig der reale Austausch sei, die Berührungen, das Händeschütteln. Das bringen Brettspiele und Spielkarten mit sich. "Wenn man glaubt, dass man glücklich wird, wenn man nur zu Hause ist und den Flachbildschirm anstarrt, ist das irgendwie verfehlt", sagt Strehl.

Natürlich hat Strehl selbst große Freude an Spielen. "Das wäre sonst wie ein Chefredakteur, der nicht gerne Zeitung liest", erklärt er. Tarock etwa gehört zu seinen Lieblingsspielen. Dass die Verbreitung dieses Spiels im Begriff sein dürfte abzunehmen, relativiert er: "Tarock war nie ein Massenspiel." Allerdings sei es schon so, dass man Tarock - so wie auch Bridge - nicht an einem Nachmittag lernen könne, sondern sich jahrelang damit beschäftigen müsse. So etwas liege gerade nicht unbedingt im Trend.

Die Belegschaft der Firma Piatnik. Insgesamt sind es derzeit etwa 150. - © Piatnik
Die Belegschaft der Firma Piatnik. Insgesamt sind es derzeit etwa 150. - © Piatnik

Für seine zwei Söhne seien alle Spiele gut gewesen. "Hauptsache man hat sich mit ihnen beschäftigt", sagt Strehl verschmitzt. Als Richtschnur dafür, ob ein Spiel erfolgreich sein würde, waren sie somit unbrauchbar. Doch das dürfte sich für die nächste Generation der Spieledynastie schon noch ändern. So gesund wie das Unternehmen ist, kann man sich schon eine Zukunft Vorstellen, in der sich deren Kinder einmal an Opa Dieter erinnern werden, wenn sie eines Tages der Wiener Spielkartenfabrik Ferd. Piatnik & Söhne GmbH und Co. KG vorstehen.

Ihren Anfang hatte die Firma Piatnik in Neubau. 1824 gründete Anton Moser am damaligen Schottenfeld 407 den Kartenmalerei-Betrieb zur "Goldenen Sonne". Nach dessen Tod übernahm der in Buda geborene Ferdinand Piatnik 1842/43 die Kartenwerkstatt. Als 1882 seine Söhne in den Betrieb eintraten, erfolgte die Umbenennung in Ferd. Piatnik & Söhne, Wien. Nach dem Tod Ferdinand Piatniks 1885 wurde das Unternehmen von seiner Witwe und den Söhnen weitergeführt. Sie sahen sich gezwungen, von einem Handwerksbetrieb auf eine mit modernen Maschinen ausgerüstete Fabrik umzustellen. Dafür wurde 1891 im Vorort Baumgarten in der Hütteldorfer Straße die Fabrik errichtet, die noch heute in Verwendung ist und als Firmensitz dient.