Die geplante Stadtstraße sorgt für Aufregung. Experten aus den Bereichen Verkehrs-, Klima- und Politikwissenschaften kritisieren das Projekt, das das Stadtentwicklungsgebiet Aspern und die Südosttangente verbinden soll. Heute, Donnerstag, steht die Bewilligung der Mittel für die Stadtstraße auf der Tagesordnung des Mobilitätsausschusses des Gemeinderats. Doch die Expertengruppe verweisen nicht nur darauf, dass das Ganze verkehrstechnisch problematisch sei, sondern auch darauf, dass es bessere Alternativen gebe.

Allein schon die Bezeichnung als "Stadtstraße" sei irreführend, ärgerte sich Hermann Knoflacher, emeritierter Professor am Institut für Verkehrswissenschaften (TU Wien). Tatsächlich handle es sich um "eine vom lebenden Organismus der Stadt weitestgehend getrennte vierspurige Fahrbahn", wie er in einer Stellungnahme des Wissenschaftsnetzwerkes Diskurs ausführte.

Knoflacher übte in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder Kritik am geplanten Lobautunnel und plädiert stattdessen für eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung, den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und Maßnahmen für den Rad- und Fußgängerverkehr. In die gleiche Richtung argumentierte Barbara Laa, Verkehrswissenschafterin an der TU Wien: "Es ist erschreckend, dass Politiker immer noch mit dem Versprechen der Verkehrsentlastung solche kontraproduktiven Megaprojekte forcieren. In der Fachwelt ist das Phänomen des ‚induzierten Verkehrs‘ längst bekannt: Mehr Straßen führen zu mehr Autoverkehr."

Auch auf die potenziellen Auswirkungen der Stadtstraße auf das Klima wurde in der Stellungnahme erinnert. Helga Kromp-Kolb, emeritierte Professorin am Institut für Meteorologie und Klimatologie (Boku), verwies darauf, dass die übergeordnete Verkehrsplanung in Wien vor Festlegung der jetzt gültigen Klimaziele erfolgt sei. "Bevor weitere Beschlüsse zur Umsetzung dieses Verkehrsplanes getroffen werden, sollte das gesamte Konzept auf seine Verträglichkeit mit den Klimazielen überprüft werden", forderte sie. Für Laa ist es verantwortungslos, "dass mitten in der globalen Klimakrise diese immensen Summen für den Bau von neuen Schnellstraßen in Wien - teilweise sogar in Naturschutzgebieten - aufgebracht werden sollen. Der Bau würde über Jahrzehnte hinweg zu einem höheren CO2-Ausstoß führen.

Politikwissenschafter Mathias Krams von der Universität Wien ist überzeugt, dass die Stadtstraße nicht geeignet sei, um die in den Entwicklungsstrategien enthaltenen Ziele der Reduktion der Pkw-Pendlerinnen- und Pendler, der Verschiebung des Modalsplits und der Klimaneutralität bis 2040 zu erreichen. Vielmehr stehe sie diesen diametral dagegen.

Die Stadt Wien hob unterdessen die Wichtigkeit des Projekts hervor. Es handle sich um einen wichtigen Teil "des zukunftsorientierten Mobilitätskonzeptes", wie es in einer Aussendung hieß.

Die 3,2 Kilometer lange Strecke soll die Südosttangente (A23, Anschlussstelle Hirschstetten) mit der S1-Spange Seestadt Aspern bei der Anschlussstelle Seestadt West verbinden. Ziele sind, damit den Durchzugsverkehr aus den Siedlungsgebieten abzuziehen, durch die Entlastung die Lebensqualität in Ortskernen wie Hirschstetten, Stadlau und Breitenlee deutlich zu verbessern und zusätzlich neue Stadtteile zu erschließen, wurde betont.

"Transit raus aus der Stadt"

"Wir wollen Transitverkehr nicht mehr in die Stadt lassen. Es ist widersinnig, Transitverkehr, besonders Schwerverkehr, der weder Ziel noch Ursprung in Wien hat, in die Stadt hineinzuziehen. Keine Metropole Europas tut das", so der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, Erich Valentin (SPÖ). Und weiter: "Es gilt im Kleinen wie im Großen: Zuerst Verkehr beruhigen, dann Grätzl gestalten. Verkehre, die nicht mit der Stadt zu tun haben, werden um sie herumgeführt. Damit gewinnen wir Raum, um Ortszentren mit hoher Lebensqualität zu gestalten."

Mit dem Bau der Stadtstraße soll Ende des heurigen Jahres begonnen werden, die Verkehrsfreigabe ist für Ende 2025 avisiert. Die valorisierten Projektkosten belaufen sich auf rund 460 Millionen Euro.