Wie ein Wunder" erscheint Herrn Braun heute sein Aufstieg vom verhungerten Wiener Proletarierkind zum Beamten und Träger des silbernen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich. Er ist sich ganz sicher: "So eine Karriere wäre heute gar nicht mehr möglich."

1940 als viertes von fünf Geschwistern im 2. Bezirk geboren, erlebte er die Nachkriegsjahre als Zeit des totalen Mangels: In der gesamten Nachbarschaft gab es keine Tauben mehr, selbst Katzen aus der Nachbarschaft kamen auf den Tisch: "Die bestehen aber fast nur aus Knocherln", erzählt er. Das Lernen in der Schule fiel ihm schwer, er bekam von zuhause dabei auch wenig Unterstützung. Bereits als Halbwüchsiger verkaufte er Brot und Gebäck in einem Gasthaus im Prater und trug so als "Brotschani" zum Unterhalt der Familie bei.

Politisch prägte ihn seine Mutter, eine überzeugte SPÖ-Wählerin. Die Partei ermöglichte ihm einen Erholungsaufenthalt in der Schweiz, von klein auf hat er in seiner Sektion mitgearbeitet. Seinen erlernten Beruf als Maler und Anstreicher verdankt Herr Braun eigentlich einem Zufall: "Meine Mutter ist mit mir zur Berufsberatung im 3. Bezirk gefahren und hat gesagt, die erste Stelle, die dir dort angeboten wird, nimmst du." Zufällig wurde gerade ein Malerlehrling gesucht.

Herr Brauns Chef hatte gerade einen Großauftrag bekommen: 200 Türen mussten im Bundeskanzleramt gestrichen werden. Und so begann Herr Braun im Alter von 14 Jahren, am Ballhausplatz zu arbeiten. Seither kennt er dessen verwinkelte Gänge und tiefen Kellergeschoße wie seine Westentasche. 1964 wurde Herr Braun schließlich als Hausarbeiter in die Hausverwaltung des Bundeskanzleramtes aufgenommen. "Ich habe praktisch mein ganzes Berufsleben am Ballhausplatz verbracht und war sehr gern dort. Eigentlich war mein Beruf gleichzeitig mein Hobby."

Herr Braun beobachtete sein Umfeld, passte sich den Gepflogenheiten des Bundeskanzleramts an. Er spricht leise, mit leicht wienerischem Tonfall. Bald fiel sein angeborenes Organisations- und Improvisationstalent den Beamten des Protokolls für Staatsbesuche auf: Herr Braun war ein geschickter Handwerker, verfügte über nützliche Kontakte und konnte im Notfall auch schnell einen Anzug aufbügeln. "Wann’st was brauchst, dann gehst zum Braun", hieß es bald im hausinternen Sprachgebrauch.

Aufstieg zum Oberkontrollor

Nachdem er die notwendigen Beamtenfachprüfungen absolviert hatte, begann Herr Braun in der Protokollabteilung des Bundeskanzleramts zu arbeiten und stieg schließlich zum Oberkontrollor und Fachoberinspektor auf. Insgesamt fünf Bundeskanzlern der Republik hat er gedient: Von allen war ihm Bruno Kreisky der liebste, obwohl die Protokollabteilung unter seiner Kanzlerschaft ständig alle Hände voll zu tun hatte: "Jede Woche ist entweder ein Staatsbesuch gekommen oder der Kreisky ist selber irgendwohin ins Ausland geflogen", erzählt Herr Braun. Die Beamten des Protokolls haben immer diskret im Hintergrund für den reibungslosen Ablauf der Empfänge und Auslandsreisen des Bundeskanzlers zu sorgen.

Herr Braun hat seine Berufslaufbahn vom Beginn an sorgfältig dokumentiert und unzählige Fotos mit persönlichen Widmungen gesammelt. In seinen Alben zeigt sich eine bunte Mischung aus heimischer und internationaler Prominenz: der ehemalige Skirennläufer Karl Schranz und der Entertainer Roberto Blanco am Wiener Opernball, die englischen Königin Elisabeth II. 1969 auf Staatsbesuch, der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi, der Präsident der Kommission der Europäischen Gemeinschaft Gaston Thorn, der deutsche Bundespräsident Walter Scheel, der rumänische Staatspräsident Nicolai Ceausescu und Jordaniens Langzeit-König Hussein Bin Talal.

Was diese Menschen alle miteinander verbindet? Herr Braun lächelt verschmitzt: "Sie müssen sich alle zuerst umziehen, bevor sie vom Bundespräsidenten empfangen werden. Das Gewand muss vor den Gästen auf den Zimmern sein." Bei den offiziellen Staatsbesuchen war er deshalb stets als Erster am Flughafen in Schwechat. Noch bevor die Salutschüsse des Ehrenbataillons des Bundesheeres verhallt waren und der Staatsgast das Ehrenspalier auf dem roten Empfangsteppich durchschritt, holte Herr Braun die Koffer eigenhändig aus dem Flugzeug und brachte sie auf schnellstem Wege ins Hotel Imperial.

Umgekehrt fanden aber auch Sondierungsgespräche im Bundeskanzleramt statt, von denen die Presse besser keinen Wind bekommen sollte. "Herr Bundeskanzler, ich bin ja kein gelernter Kellner", beklagte sich Herr Braun einmal bei Bruno Kreisky, als es um die Bewirtung von Gästen bei geheimen Nahostgesprächen ging. "Sie san mir aber der Liabste", soll der Kanzler gebrummt haben, "weil wenn ich mir einen Kellner von außerhalb hole, steht morgen alles in der Zeitung."

Die strengen Erfordernisse des Protokolls sind Herrn Braun im Laufe der Jahre in Fleisch und Blut übergegangen. Wie an jedem Familientisch herrschen auch bei der Sitzordnung von Gala-Diners unhinterfragte Gebräuche und Ordnungen: "Herr sitzt neben Dame, Ehepaare werden grundsätzlich getrennt platziert. Jedes Delegationsmitglied muss im Laufe eines Staatsbesuchs die Möglichkeit haben, sich mit dem jeweiligen Ressortkollegen zu unterhalten."

Diplomatisches Geschick

Zusätzlich gilt es, die Sprachkenntnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen. Die Erstellung einer Sitzplatzordnung und Wagenfolge erfordert viel diplomatisches Geschick, unzählige Male werden handgeschriebene Namenskärtchen hin- und hergeschoben. Gefürchtet ist beim Protokoll nur Unvorhersehbares: "Wenn zum Beispiel einer nach der Begrüßung aus der Delegation ausschert, weil er partout in der Staatskarosse des Bundespräsidenten sitzen will, um etwas mit ihm zu besprechen. Wenn ihm das gelingt, weiß keiner mehr, wer wo sitzt, und die Sicherheitsleute werden nervös", erzählt Herr Braun.

Ein einziges Mal glaubte er, Zeuge eines Attentats geworden zu sein: Als der US-Präsidenten Gerald Ford Anfang Juni 1975 zu einem offiziellen Staatsbesuch in Salzburg erwartet wurde, war die Stimmung aufgrund einer Demonstration gegen die Rolle Amerikas im Vietnamkrieg angespannt. Die Air Force Nr. 1 kam trotz Salzburger Schnürlregens pünktlich, doch Präsident Ford blieb beim Aussteigen aus dem Flugzeug mit dem Absatz seines Schuhs auf der regennassen Gangway hängen, rutschte aus und stürzte die Treppe hinunter. Die unten Wartenden glaubten, einen Schuss gehört zu haben. Danach große Erleichterung - und ein gefundenes Fressen für die Presse: "Bei der Begrüßung unter Regenschirmen entschuldigte sich Ford scherzhaft, dass er nach Österreich regelrecht ‚hineingestolpert‘ sei und rühmte die politische Stabilität Österreichs und dessen konstruktive Außenpolitik", schrieben die "Salzburger Nachrichten".

"Die Beamten, die in der ersten Reihe stehen, die werden ausgewechselt", soll Bruno Kreisky einmal zu ihm gesagt haben, "aber interessant sind die in der zweiten Reihe, weil die bleiben." Und so war es auch im Fall von Herrn Braun. Einmal begleitete er Kreisky nach Tirol und kaufte frühmorgens bei einem Kiosk sämtliche verfügbaren Tageszeitungen für den lesewütigen Kanzler. "Betrag in Gottes Namen dankend erhalten", vermerkte der Kioskbetreiber handschriftlich auf der Rechnung.

Auf Kreisky folgte 1983 Fred Sinowatz. "Der war ein guter Unterrichtsminister, wollte aber nicht Bundeskanzler werden", erinnert sich Herr Braun. Unter seinem Nachfolger Franz Vranitzky begannen die Verhandlungen zum EU-Beitritt. Herr Braun blättert weiter in seinem Album. Das nächste Foto zeigt ihn, wie er 1995 erstmals die Europaflagge am Dach des Bundeskanzleramtes hisst. Ein historischer Moment.

"Zum Wahnsinnigwerden"

In der Zwischenzeit war er Personalvertreter für die Bediensteten des Hauses geworden. In dieser Funktion tat er sich mit seinem letzten Bundeskanzler besonders schwer: "Wenn ich etwas für unsere Leute erreichen wollte, hat der Schüssel immer gesagt, da muss er zuerst fragen. Es war zum Wahnsinnigwerden. Da muss man als Personalvertreter dann die Konsequenzen ziehen." Im Alter von 60 Jahren ging Herr Braun in den Ruhestand. Und Bundeskanzler Schüssel ergänzte die Autogrammkartensammlung seines einstigen Widersachers mit einer sehr persönlichen Widmung: "Für einen kleinen Roten von einem kleinen Schwarzen."

Heute lebt Herr Braun mit seiner Frau in Baden bei Wien. Er arbeitet nach wie vor in seiner SPÖ-Sektion, organisiert Flohmärkte und sammelt Spenden für humanitäre Projekte.