Genau 32 Tage, das sind 46.080 Minuten oder 2.764.800 Sekunden. 32 Tage sind 8,77 Prozent des Jahres 2021. So lange waren in Wien die Rollläden der Modeboutiquen, Schuhgeschäfte, Juweliere, Frisöre, Nagelstudios und Konsorten im bereits vierten Lockdown geschlossen. 26 Einkaufstage entgingen den Wiener Geschäftsleuten, im Gegensatz zu ihren Kollegen in sechs anderen Bundesländern. Denn der Lockdown war der erste, der nicht bundesweit verhängt wurde. Die hohen Infektionszahlen Anfang April zwangen den Osten zur sogenannten Osterruhe. Wien, Niederösterreich und das Burgenland machten dicht. Während das Burgenland bereits am 19. April wieder aufsperrte, verlängerten die beiden anderen Bundesländer bis 2. Mai.

Am Montag gehen nun auch in der Bundeshauptstadt die Rollläden wieder hoch. Doch der Verlust bleibt. Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes, schätzt ihn allein im Wiener Handel auf eine Milliarde Euro. "In der gesamten Ostregion ist er mit 1,95 Milliarden Euro etwa doppelt so hoch", sagt er gegenüber der "Wiener Zeitung". Betroffen seien alle Branchen, die schließen mussten, also alle, die nicht der Grundversorgung dienen, wie etwa Supermärkte oder Trafiken. In Wien waren das rund 12.000 Filialen - unter ihnen etwa 893 Parfümerien, 4.036 Geschäfte für Mode- und Freizeitartikel, 645 Papier- und Spielwarenhändler oder 2.104 Fahrzeughändler, wie aus Daten der Wiener Wirtschaftskammer (WKW) hervorgeht.

Ausgleichen werden sie die Verluste nicht können. "Weniger als ein Viertel wird später von den Konsumentinnen und Konsumenten nachgeholt werden", sagt Will. Dazu kommen die Verluste des vergangenen Jahres. "Der stationäre Einzelhandel musste in Wien im gesamten Jahr 2020 Umsatzrückgänge von 5,3 Prozent hinnehmen", sagt Margarete Gumprecht, Obfrau der Sparte Handel in der WKW. Abzüglich der grundversorgenden Branchen betrage das Minus sogar 15 Prozent.

Digitales Haareschneiden nicht möglich

In den Branchen der körpernahen Dienstleister, wie Frisöre, Fußpfleger, Kosmetiker, Masseure etwas sperrig genannt werden, sieht es noch düsterer aus. Konnte der Handel zumindest einen Teil seines Geschäfts über das Internet abwickeln - laut WKW nutze etwa 50 Prozent der Wiener Betriebe Click und Collect, also Bestellung per Internet, Abholung vor Ort -, können Haare digital nicht geschnitten werden. Körpernahe Dienstleister gingen im Lockdown leer aus. Die 1.927 Frisöre Wiens hatten zu. Zahlen zur Höhe des Gesamtverlustes kann die WKW keine nennen.

Immerhin erwartet die Branche einen Ansturm ab Montag. "Der Lockdown-Pelz muss weg, die Nachfrage ist groß", sagte Marcus Eisinger, Innungsmeister der Friseure. Kunden könnten sich bei den meisten Frisören bereits jetzt einen Termin reservieren. Betriebe, die von der Laufkundschaft leben, werden es aber auch nach dem harten Lockdown schwer haben. "Die Leute gehen nicht spontan zum Frisör, wenn sie dafür einen Corona-Test brauchen." Bei manchen Frisören wäre der Umsatz schon vor der Osterruhe um 80 Prozent eingebrochen.

Betriebe mit einem breiten Stammkundenstamm sind auch bei den anderen körpernahen Dienstleistern im Vorteil. "Stammkunden haben schon seit Wochen Termine fixiert", sagt Petra Felber, Innungsmeisterin der Fußpflegerinnen, Kosmetiker und Masseurinnen. Auch Nagelstudios, Piercer, Tätowierer und Visagisten öffnen am Montag wieder ihre Filialen.

Nach 32 Tage des Stillstands ist die Erleichterung über die bevorstehende Öffnung groß. Handel und körpernahe Dienstleister freuen sich auf ihre Kunden und ein Stück Normalität. Sie sind zuversichtlich, zum letzten Mal einen Corona-Lockdown durchlebt zu haben. "Uns fällt ein Stein vom Herzen", sagten Handelsvertreter nach der Verkündung der Öffnungen von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) am Dienstag.

Die geltenden Maßnahmen wie Maskenpflicht, Abstandhalten und eine Mindestfläche von 20 Quadratmetern pro Person, nehmen sie in Kauf. Bei den Dienstleistern wird eine Terminvereinbarung empfohlen. Voraussetzung für das Eintreten ist ein negativer Antigentest, der nicht älter als 48 Stunden ist, oder ein maximal 72 Stunden alter PCR-Test. Kunden, die im vergangenen Halbjahr eine Corona-Infektion durchgemacht haben, brauchen keinen Test. Auch im Handel gilt keine Testpflicht.