Eine freundschaftliche Besuchsreise nach Israel bedeutete 1981 für den damaligen Wiener Verkehrs-Stadtrat Heinz Nittel (SPÖ) das Todesurteil. Der 1930 geborene Politiker wurde zum mehr oder weniger beliebigen Opfer eines Nahost-Terroristen. Denn der Mörder suchte im Auftrag der damals weltweit gefürchteten Abu-Nidal-Gruppe per Zeitungslektüre eine Zielperson für einen Anschlag. Er fand sie in der roten "Arbeiter-Zeitung", die treu über die Reise des SP-Stadtrats berichtete.

Nittels Mörder Hussham Rahdschi gestand später, er habe Auftrag gehabt, "zionistische Ziele für einen Anschlag auszusuchen". Auf Heinz Nittel sei er gestoßen, weil er in der "AZ" am 24. Februar gelesen hatte, Nittel sei als Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft in den jüdischen Staat gereist.

Opfer Heinz Nittel (1930 - 1981). - © picturedesk.com / Imagno / Votava
Opfer Heinz Nittel (1930 - 1981). - © picturedesk.com / Imagno / Votava

Durch ein Attentat sollte "Österreichs Politik gegenüber der PLO und Israel empfindlich getroffen werden". Die radikale arabische Abu-Nidal-Gruppe stand in bewaffneter Opposition einer Annäherung zwischen PLO und Israel, die auch Österreichs damaliger Kanzler (1970-1983) Bruno Kreisky massiv forcierte.

Am 1. Mai 1981 um sieben Uhr Früh stieg also der Stadtrat in der Bossigasse beim Roten Berg in Wien-Hietzing vor seinem Haus in ein wartendes Dienstauto. Er sollte zum Maiaufmarsch der SPÖ auf den Rathausplatz chauffiert werden. Die Gattin wollte auch mit und "sich noch rasch fertig machen". Also griff Nittel im Auto wartend nach der "Arbeiter-Zeitung". Da trat sein lauernder Mörder vor und feuerte drei Pistolenschüsse in Richtung Nittels Kopf ab. Der Stadtrat sank blutüberströmt zusammen und war sofort tot. Der schockierte Chauffeur lief ins Haus und rief: "Bitte Frau Nittel, rufen S’ die Rettung, Ihr Mann ist angeschossen worden!"

Der Killer war inzwischen davongelaufen und in den Gärten verschwunden. Er entledigte sich noch (Ecke Turgenjew-Gasse) seiner Military-Jacke, die sich heute im Wiener Kriminalmuseum befindet. Sie war über Wochen das einzige Fahndungsstück bei der vorerst völlig vergeblichen Suche nach dem Täter. Nittels Sohn und die Schwiegertochter erfuhren auf einer Reise nach London durch einen Wiener am Piccadilly Circus schockiert vom Mord: Handys waren da noch nicht erfunden.

Erst am 29. August 1981 wurden der Mörder und ein Komplize bei einem weiteren Anschlag auf die Synagoge in der Wiener Seitenstettengasse gefasst. Die Terroristen hatten sie mit Maschinenpistolen und Handgranaten gestürmt. Eine junge Frau und ein alter Mann mussten sterben, ehe ein beherzter Leibwächters eines jüdischen Geschäftsmannes die Mörder dingfest machte.

Die Terroristen ließen nun ihren Hintermann und Auftraggeber namens Bahij Younis auffliegen. Er galt als "Führungsoffizier für Mitteleuropa" der Abu-Nidal-Organisation und wurde in Salzburg verhaftet. Younis erhielt 20 Jahre Kerker, kam aber nach 14 Jahren frei. Die beiden Mörder wurden zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Auch sie wurden nach einigen Jahren entlassen, Rahdschi wurde ins Ausland abgeschoben. Der Verbleib seines Komplizen war für die "Wiener Zeitung" vorerst nicht mehr zu eruieren.

Nach dem Wiener Stadtrat Heinz Nittel ist heute ein Weg in der Nähe seines Reihenhauses am Roten Berg und eine Wohnhausanlage in Floridsdorf benannt. Gedenktafeln befinden am Wiener Rathaus und in Nähe des Tatortes. Nittel ist in einem Ehrengrab der Stadt Wien bestattet.