Wien gilt als vergleichsweise grüne Metropole. Doch das Grün ist ungleich über die Stadt verteilt: Während der Westen an den Wienerwald grenzt, gelten dicht verbaute Gründerzeitviertel als sommerliche Hitzeinseln. Laut einer Auswertung von Stadtforschern der TU Wien lebt eine halbe Million Wiener in Grätzln mit unter einem Fünftel unverbauter Fläche. Die Stadt Wien will beim Grünraum "nachrüsten" und hofft auf weniger Parkplatzbedarf durch Carsharing & Co.

Wie sehr das Thema polarisiert, zeigt die Debatte um den Parkplatz am Naschmarkt. Gegen die Pläne der SPÖ-geführten Stadtregierung, auf der 12.000 Quadratmeter großen Asphaltfläche eine begrünte Markthalle zu errichten, laufen sowohl die Grünen als auch die FPÖ Sturm.

Versiegelte Bodenflächen

Erstere fordern einen Park mit Bäumen und Wasserelementen, zweitere haben eine Petition zur Erhaltung der Parkplätze gestartet. Für den Stadtforscher Robert Kalasek vom Institut für Raumplanung der TU Wien ist das ein eigentlich nicht lösbarer Verteilungskonflikt. Gemeinsam mit seinen Kollegen Florian Pühringer und Aggelos Soteropoulos hat er den Anteil der versiegelten Bodenfläche in 137 Wiener Stadtvierteln errechnet. Demnach liegt der Naschmarkt in einem der am dichtesten bebauten Viertel Wiens mit nur etwa zehn Prozent unversiegelter Bodenfläche. Ähnlich hoch ist der Anteil auch in Teilen Favoritens, in Fünfhaus, in Neulerchenfeld, am Althangrund und in der City. Am anderen Ende der Skala liegen die Grünen Viertel am Stadtrand - etwa der historische Weinbauort Grinzing (84 Prozent unversiegelte Fläche) oder Neustift (75 Prozent).

Für die Bewohner spürbar wird der Unterschied im Sommer, wie Brigitta Hollosi von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) erklärt. "Die höchste Wärmebelastung gibt es in dicht bebauten und stark versiegelten Gebieten im innerstädtischen Raum." Denn im versiegelten Boden kann weniger Wasser verdunsten, das bedeutet weniger Abkühlung. Dazu speichern die Gebäude Hitze und bremsen die Durchlüftung. Stadtforscher Kalasek plädiert daher gerade in dicht bebauten Gründerzeitvierteln für "punktuelle Maßnahmen" - also etwa mit Bäumen und Wasser geschaffene kühlere Orte, an denen sich die Anrainer erholen können.

Parkplatz versus Grünraum

Doch viel Platz für Begrünung bieten die innerstädtischen Viertel nicht, wie Stadtforscher Kalasek mit Verweis auf die knappen Flächen sagt. "Wenn man Begrünung möchte, dann müssen die Autos irgendwo anders hin oder es müssen weniger Autos werden. Das sorgt für Konflikte, das ist ganz klar."

Einen gewissen Interessenskonflikt zwischen Autos und Grünraum sieht zwar auch der Wiener Planungsdirektor Thomas Madreiter. Er geht aber davon aus, dass der Parkraumbedarf künftig deutlich sinken wird - etwa durch Carsharing. "Während in acht Bundesländern der Motorisierungsgrad steigt, sinkt er in Wien." Dem historisch bedingten Mangel an Grün- und Freiflächen will die Stadt durch "nachrüsten" der Begrünung von Straßen, Plätzen, Fassaden und Dächern gegensteuern. Aber auch durch neue Parks und Grünflächen in Neubaugebieten. Und nach dem Prinzip der "Schwammstadt" versuche man, den Regen möglichst vor Ort versickern zu lassen, anstatt das Wasser über die Kanalisation abzuleiten, sagt der Planungsdirektor.

An der dichten Bauweise innerhalb der Stadt führt laut Madreiter aber kein Weg vorbei: "Die Stadt ist die Chance, um noch unversiegelte Flächen zu erhalten. Man stelle sich vor, die Wiener würden nicht in einer Stadt wie Wien leben, sondern in aufgelockerten Strukturen. Dann hätte ich halb Niederösterreich zugebaut."