So muss es im Paradies sein. Unter den sattgrünen Kronen der Schnurbäume lesen Bürger Zeitung. Violett blüht der Lavendel. Kinder tanzen barfuß zwischen Wasserfontänen. Ein Vogelschwarm zieht am Himmel vorbei. Die Stadt als idyllischer Ort. Das suggerieren die Renderings der Wiener Stadtregierung. Das Paradoxe daran: Sie zeigen den Wiener Praterstern.

Der ist vom Idyll so weit entfernt wie Wien von Honolulu. Niemand hat den größten Kreisverkehr der Stadt im Paradies-Verdacht. Er gilt als Hölle. Als Sodom und Gomorra im mehrspurigen Asphaltring. Der Bahnhof Praterstern und sein berüchtigter Vorplatz füllen die Chronik-Seiten des Boulevards. Die Polizei ist omnipräsent, die Kriminalität auch. Diebstahl, Drogenhandel, Raubüberfälle, Schlägereien, Vergewaltigung, Mord: Das illegale Spektrum ist breit am Stern. Ein Mann mit Aktentasche hetzt durch die Bahnhofshalle. Vorbei an den Fastfood-Ketten. Vorbei an Migrantengruppen. Vorbei an Obdachlosen und Bettlern. Am Praterstern werden die marginalisierten Teile unserer Gesellschaft sichtbar. Das irritiert viele. Sie fühlen sich unsicher. Die schreienden Schlagzeilen befeuern im Wochentakt die Angst. Sie haben dem Praterstern den Ruf eines Brennpunkts eingebracht. Sein Image ist seit Jahren demoliert.

Die Stadt will es reparieren. Ende Februar lancierte das Rathaus die malerischen Renderings. So soll der neue Praterstern nach Bauarbeiten im Herbst 2022 aussehen. Stadträtin Ulli Sima (Stadtplanung) ließ sich gemeinsam mit Stadtrat Jürgen Czernohorszky (Klima), dem Bezirksvorsteher der Leopoldstadt Alexander Nikolai (SPÖ) und ÖBB-Infrastruktur AG Vorständin Silvia Angelo medienwirksam am Praterstern ablichten. Die Botschaft war klar: Die Stadt packt das Problem bei den Hörnern. Endlich wird der Brennpunkt zur "Wohlfühloase", wie es Nikolai euphorisch formulierte.

Dabei ist es längst nicht der erste Anlauf. Seit mehr als 25 Jahren versucht die Wiener Stadtplanung ihr Sorgenkind zu zähmen. Seit mehr als 25 Jahren scheitert sie am Praterstern. Doch beginnen wir ganz am Anfang einer turbulenten Geschichte.

Aufschwung und Niedergang

Bereits auf Karten aus dem 18. Jahrhundert ist im heutigen 2. Bezirk - gleich hinter dem grünen Prater - ein Stern zu erkennen. Sieben schnurgerade Straßen laufen an einem Punkt zusammen. Er liegt am Stadtrand, grenzt an Auen, Wälder, dem Prater. Die Bürger rufen ihn Praterstern. Im 19. Jahrhundert rückt der Punkt vom Vorort ins Zentrum. Die Stadt wächst um ihn herum. Mit der Regulierung der Donau werden Stuwer- und Nordbahnviertel bebaut. 1865 wird der Bahnhof "Wien Nord" am Praterstern eröffnet. Er ist der Hauptbahnhof Wiens und verbindet die Stadt mit den Kronländern der Monarchie. Züge aus Böhmen, Mähren, Galizien halten hier. Die Nordbahn ist die wichtigste Eisenbahnstrecke des Kaiserreichs. Der Praterstern wichtiger Knotenpunkt der Stadt. Die Wiener Verbindungsbahn rattert - auf einem Viadukt im Kreissegment um den Platz geführt - über den Köpfen der Passanten. Die erste elektrische Straßenbahn - die heutige Linie 5 - verbindet den Praterstern mit dem Westbahnhof. Die Bronzestatue des Kommandanten der k. und k. Kriegsmarine, Wilhelm von Tegetthoff, schaut von einer elf Meter hohen Marmorsäule auf die Szenerie.

150.000 Menschen kreuzen täglich den Praterstern. Lange will sich kaum jemand hier aufhalten. - © Winterer
150.000 Menschen kreuzen täglich den Praterstern. Lange will sich kaum jemand hier aufhalten. - © Winterer

Mit dem Zweiten Weltkrieg kommt der Niedergang des Pratersterns. Gegen Kriegsende wird der Bahnhof zerbombt. Der Eiserne Vorhang legt die Nordbahnstrecke lahm. In den 50ern dominiert in der Wiener Stadtplanung der motorisierte Individualverkehr. Der Kreisverkehr wird verbreitert, die Fußgänger in Unterführungen unter die Erde verbannt. 1959 eröffnet der neue Bahnhof Wien Praterstern. Die Halle ist über Jahrzehnte Symbol für Fehlplanung und Tristesse. Braune Kacheln, Wellblech und Neonröhren betonen die Schäbigkeit. Ihre Gleiskörper zerschneiden den nierenförmigen Praterstern in der Mitte. Die Schienen der Straßenbahnlinien den Bahnhofsplatz. "Der Respekt vor dem Platz ging verloren", sagt Christian Kühn, Dekan der TU Wien und Architekturpublizist. In den Jahrzehnten nach dem Krieg passieren die planerischen Fehlleistungen, an denen der Stern bis heute knabbert.

In den 1990er Jahren gerät der Praterstern zunehmend in Verruf. Der Bahnhof zieht Obdach- und Wohnungslose an. Viele Bürger empfinden ihn als Angstraum. Die Haltestellen sind marode. Der Bahnhof heruntergekommen. Die "Kronen Zeitung" nennt ihn "Schandfleck von Wien".

Die ÖBB lösen die Handbremse. Im Zuge einer sogenannte Bahnhofsoffensive beschließen sie eine Modernisierung. Die Bundesbahnen kleckern nicht. Sie schleifen die alte Halle und realisieren einen modernen Neubau. Von 2004 bis 2008 wird gebaut. Die Fronten des futuristischen Kubus des Architekten Albert Wimmer sollen Licht ins zwielichtige Dunkel des Pratersterns bringen. Das Riesenrad spiegelt sich in den Glasscheiben. In der Bahnhofshalle machen die Filialen von Lebensmittel-, Drogerie- und Fast-Food-Ketten auf. 39 Millionen Euro kostet allein das Bahnhofsgebäude.

Doch auch der Vorplatz um das Tegetthoff-Denkmal samt Führung der Straßenbahngleise soll neu werden. 30 Millionen Euro investiert die Wiener Stadtregierung. Bereits vor der Fertigstellung im Jahr 2010 gehen die Wogen hoch. Die Pläne stoßen auf wenig Gegenliebe. "Das Konzept des Architekten Boris Podrecca wurde von der Stadt zurückgewiesen", sagt Kühn. Podrecca will den Platz mit einem zarten Membrandach überspannen. Übrig bleibt ein - von der MA29 (Brückenbau) konstruiertes - "plumpes und massives Glasdach". Stadtplaner, Architekten, die Opposition, nicht zuletzt Passanten kritisieren das ausladende Vordach genauso wie die Pergola aus Stahlrohren und die kaum vorhanden Grünflächen und Bäume. Tatsächlich werden Wiesen vor dem Bahnhof zubetoniert. Heute gesteht selbst die SPÖ Fehler ein. "Die Umgestaltung 2010 ist nicht gelungen", sagt etwa Bezirksvorsteher Nikolai. "Die Klimaproblematik war damals noch nicht im Fokus der Planung."

Die großräumige Umgestaltung des Pratersterns ist ein Puzzlestein in einer noch großräumigeren Imagepolitur des gesamten Prater-Areals. Jahrzehntelang waren die nordöstlichen Ränder des Praters unattraktiv. Sozialbauten, heruntergekommene Zinshäuser, Brachen dominierten die Viertel. Spätestens der Ausbau der U2, erst - wegen der Fußball-Europameisterschaft 2008 - bis zum Ernst-Happel-Stadion und später weiter nach Aspern, ändert das.

Gleiskörper zerschneiden den Platz in der Mitte. In der Unterführung werden Fahrräder abgestellt.
Gleiskörper zerschneiden den Platz in der Mitte. In der Unterführung werden Fahrräder abgestellt.

Was eben noch Peripherie war, rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Immobilienentwickler. Sie stampfen sterile Wohn- und Büroviertel aus dem Boden - etwa das Viertel Zwei in unmittelbarer Nähe zur 2013 fertiggestellten WU oder das Nordbahnviertel. Sie investieren in die Gegend, kaufen Häuser, bauen Dachböden aus. Stuwer- und Volkertviertel sind wieder in Mode. Schon immer galten sie als Rückzugsort von Prater-Strizzis, Halbstarken, Huren und Taugenichts. Die dunklen Gassen mit ihren verruchten Tschocherln und zwielichtigen Bordellen wurden vom wohlschaffenden Bürger gemieden. Heute steigen die Mieten von Jahr zu Jahr. Nur der Praterstern passt so gar nicht zum neuen Publikum.

Verdrängung und Belastung

Der macht bei der fröhlichen Aufwertung nicht mit. Er bleibt, wie er ist. Auch nach den gravierenden Umgestaltungen der Nullerjahre bessert sich die Situation nicht. Ganz im Gegenteil. Jetzt ist er erst recht in aller Munde. Der Stern entwickelt sich zum Drogenumschlagplatz, der Bahnhof zum Treffpunkt marginalisierter Gruppen. Fernsehsender drehen Reportagen vom Praterstern. Sie erinnern an den Berliner Bahnhof Zoo und die berühmte Geschichte von Christiane F. Anrainer empören sich vor der Kamera über "Ausländer" und "Sandler". Betrunkene werden interviewt, die Weißwein-Plastikflaschen unter der Parkbank herangezoomt. Die Polizei zählt immer mehr Delikte. Diebstahl, Körperverletzungen, Widerstand gegen die Staatsgewalt, illegaler Waffenbesitz nehmen zu.

Laut Daniel Fürst, Sprecher der Wiener Polizeidirektion, wird die Höchstzahl an Einsätzen am Praterstern im Juni 2012 verzeichnet. 260 Mal müssen die Beamten ausrücken. 2014 räumt die Polizei ihre Station aus Stahlbeton am Vorplatz. Das sanierungsbedürftige Gebäude entspricht nicht mehr den zeitgemäßen Anforderungen. 2015 wird ein Mann ermordet, 2016 eine Studentin vergewaltigt. Am 27. April 2018 verhängt die Wiener Stadtregierung ein Alkoholverbot, am 1. Februar 2019 ein Waffenverbot. Die Wiener SPÖ wird für die Verordnungen angegriffen, ihrem frisch gebackener Bürgermeister Michael Ludwig Law-and-Order-Politik vorgeworfen: Das Verbot würde das Problem nicht lösen. Ludwig würde den Wiener Weg des Miteinanders und der Sozialarbeit verlassen und auf Pfaden der FPÖ trampeln. Die Freiheitlichen fordern schon seit Jahren ein Alkoholverbot am Praterstern.

Einen Steinwurf vom diesem entfernt, in der Darwingasse, liegt das Tageszentrum "das Stern" der Wohnungslosenhilfe des Roten Kreuzes. Hier können Menschen ohne Bleibe ihre Wäsche waschen, kochen, es gibt Kaffee und Tee. Die Sozialarbeiter des "Stern" schwärmen zweimal täglich aus. Seit dem Inkrafttreten des Alkoholverbots werden ihre Klienten nicht weniger. Sie sind nur schwieriger zu finden. "Nun sind weniger obdach- und wohnungslose Menschen am Praterstern. Aber natürlich gibt es sie weiter. Das Problem wurde verschoben. Unsere Sozialarbeiter mussten ihre Streetworking-Tour auf Schottenring und Schwedenplatz ausweiten", sagt Jolanta Zelent, Leiterin des "Stern".

In der Wiener Stadtregierung will man von einer Verlagerung der Problematik nichts wissen. "Eine Verdrängung auf andere Plätze ist uns nicht bekannt, es gibt keine Beschwerden. Das Alkoholverbot wirkt", heißt es etwa aus dem Büro von Sima. "Gegen Verdrängungseffekte wird mit intensiver Sozialarbeit gearbeitet, die wirklich gut etabliert ist", sagt Nikolai.

Die neue Bahnhofshalle sollte Licht ins Dunkel des Pratersterns bringen. - © Winterer
Die neue Bahnhofshalle sollte Licht ins Dunkel des Pratersterns bringen. - © Winterer

Laut Zelent hat das Alkoholverbot aber noch andere Effekte. "Unsere Klienten beklagen, dass das Verbot eine zusätzliche Belastung sei. Sie werden ständig kontrolliert, müssen hohe Geldstrafen zahlen." Allein im ersten Jahr nach den restriktiven Maßnahmen stellt die Wiener Polizei 571 Organmandate und 4.760 Anzeigen aus. 7.499 alkoholische Getränke beschlagnahmen die Polizisten. Sie sind allgegenwärtig am Praterstern. "Ein mobiler Video-Bus zeichnet drei Positionen auf", sagt Fürst. Und auch eine Polizeistation gibt es seit März wieder.

Der Aufwand macht sich bezahlt. In den vergangenen Jahren kehrt am Praterstern Ruhe ein. Zumindest für seine Verhältnisse. "Wir können definitiv von einer verbesserten Gesamtsituation am Praterstern sprechen", so Fürst. "Die Zahl der Anzeigen, Delikte und in Folge auch Angriffe auf die Beamten ist zurückgegangen. Auch im Bereich des Drogenhandels gibt es keine negativen Tendenzen. Dass der Bahnhof immer wieder von Dealern genutzt wird, liegt in der Natur von Angebot und Nachfrage."

Denn so richtig anregend ist der Praterstern auch heute nicht. Rund 150.000 Passanten kreuzen ihn täglich. Lange will sich kaum jemand hier aufhalten. Das subjektive Sicherheitsgefühl ist nach wie vor niedrig. Eine Taube pickt Erbrochenes vom Asphalt. "Ich steige täglich hier um", sagt die 40-jährige Monika. "Und ich bin jeden Tag froh, wenn ich wieder weg bin." Die Stadt will das ändern. Schon wieder. Nur zehn Jahre nach dem millionenschweren Umbau setzt sie erneut den Spaten an. "Der Praterstern benötigt dringend ein Face-Lifting. Er ist eine wahre Hitzeinsel und bekommt nun ein neues Gesicht", sagt Sima.

Grüner soll es hier werden. Der Baumbestand soll verdoppelt werden. Wasserspiel und begrünte Pergolen zum Verweilen einladen. In der ehemaligen Polizeistation eröffnet ein vegetarisches Restaurant mit Bienenstöcken am Dach. 7,2 Millionen Euro nehmen Stadt, Bezirk und ÖBB diesmal in die Hand. "Sie investieren, weil sie an die potenzielle Qualität des Platzes glauben", sagt Kühn. "Die E-Mobilität wird sich in den kommenden Jahren durchsetzen. Dann reduzieren sich Dreck, Feinstaub und Lärm." Dann kann auch ein Kreisverkehr Bezirkszentrum sein.

Dramatik und Dichte

In gewisser Weise ist es ein Rückbau. Podreccas Stahlrohkonstruktion wurde bereits entfernt. Grünflächen, die es vor dem Umbau der Nullerjahre hier schon einmal gab, sollen wieder entstehen. In gewisser Weise ist es aber auch ein Weichspülen. Auf den Renderings sind keine Obdachlosen, keine Punks, keine Subkulturen zu sehen. Doch auch sie sind Teil der urbanen Gesellschaft. "Guter städtischer Raum muss Zonen haben, in denen auch diese Subkulturen existieren können", sagt Kühn. "Wichtige Parameter für Urbanität sind Diversität, Dichte und Dramatik."

Daran fehlte es dem Praterstern in der Vergangenheit nicht. Alle soziale Schichten kamen hier zusammen. Der Student traf auf dem Heimweg vom Musikclub Fluc auf den Zahnarzt auf dem Weg in die Ordination. Die Oma schmiss dem Bettler einen Euro in den Hut. In der Schlange vorm Billa stritt die Zwillingsmutter mit dem Hundebesitzer.

So muss Stadt sein. So kennt man den Stern. Eines muss man ihm lassen - urban war er immer.