Es könnte eine Wiedergeburt sein. Wiens Beisln, Kaffeehäuser, Restaurants, Bars sperren endlich wieder auf. Und die Bürger freuen sich darauf. Laut Umfragen ging ihnen der Lokalbesuch im Lockdown am meisten ab. Nach exakt sechs Monaten und 16 Tagen ist dieser nun endlich wieder möglich. Rund 9.000 Betriebe haben sich in den vergangenen Wochen auf die ersehnte Öffnung vorbereitet. Gaststuben wurden gefegt, Fenster geputzt, Speisekarten erneuert.

Doch das Wetter meint es nicht gut mit ihnen. Ist die Hoffnung auf lauschige Abende im Gastgarten Mitte Mai durchaus legitim, bleiben die Sonnenschirme heute zusammengeklappt. Der Himmel ist bedeckt an diesem Morgen am 19. Mai 2021. Die Sonne lässt sich nur sporadisch zwischen den Wolkenfetzen blicken.

Auch das "Café Zuckergoscherl" in der Nähe vom Rochusmarkt ist wieder geöffnet.  - © Winterer
Auch das "Café Zuckergoscherl" in der Nähe vom Rochusmarkt ist wieder geöffnet.  - © Winterer

Im Büroviertel Wien Mitte herrscht Betriebsamkeit. Menschen strömen aus der U-Bahn-Station und dem Einkaufszentrum "The Mall". Im Gehen ziehen sie sich die Masken vom Gesicht.

"Du kommst hier nicht rein"

Auch das Café Caramel in der Invalidenstraße hat wieder aufgesperrt. Es ist vielmehr klassisches Wiener Beisl als Kaffeehaus. Das Lokal lebt von seinen Stammgästen. Die Laufkundschaft ist überschaubar. Kellnerin Karin zapft Bier. Sie ist froh, wieder arbeiten zu können und hofft auf rege Kundschaft. Da viele ihrer Gäste im Grätzel arbeiten, derzeit aber noch im Homeoffice sind, ist sie aber skeptisch. "Wir haben seit zwei Stunden geöffnet. Ein paar Stammgäste waren gleich um 07:00 Uhr da. Sie wollten schauen, ob eh alles beim gleichen geblieben ist", sagt sie. Das ist es. Das Caramel hat sich im Lockdown nicht verändert. Nur die Flasche Desinfektionsmittel auf der Budel und die Maske im Gesicht gab es früher nicht. Und natürlich die "Platz-bitte-freihalten"-Zettel. "Die Gäste sind alle sehr diszipliniert, sie haben Testbestätigungen mit und registrieren sich freiwillig auf einem Zettel." Das Registrierungstool, das die Wiener Wirtschaftskammer (WKW) gemeinsam mit der Stadt anbietet, gibt es im Caramel nicht. "Die Gäste freuen sich am meisten auf ein gezapftes Bier", sagt Karin. "Vor dem Lockdown haben wir mehr Spritzer ausgeschenkt. Aber den kann man sich daheim ja auch machen." Ein Stammgast ohne Maske betritt das Beisl. Auch Testbestätigung hat er keine mit. Karin bleibt freundlich, aber bestimmt. "Du kommst hier erst rein, wenn du getestet bist und eine Maske hast", sagt sie. "Im Einkaufszentrum kannst du dich eh gratis testen lassen."

Dort ist die Schlange vor der Teststraße lang. Viele Menschen haben heute einen Lokalbesuch geplant. Für den braucht es einen negativen Corona-Test. Der Antigen-Test, den man hier bekommt, ist im Gegensatz zum PCR-Test nur 48 Stunden gültig. Hat die Kundschaft beides nicht, kann sie auch vor Ort auch einen Schnelltest machen - "Diese Option soll aber die Ausnahme bleiben", wie Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) bei der Pressekonferenz zu den Öffnungen sagte.

Die Ausnahme ist derzeit nicht möglich. Kaum ein Lokal bietet ihren Kunden eigene Tests an. Auch der Nobelbäcker Joseph-Brot in der Landstraßer Hauptstraße nicht. An die Filiale ist ein Bistro angeschlossen. Es ist gut gefüllt. Die Gäste mampfen blanchierte Eier und Avocadotoast mit Kumquat und Pfefferoni. Sie sitzen auf Designer-Sessel aus Eichenholz. "Wir haben den Lockdown dafür genützt unsere Speisekarte zu verfeinern", sagt Kellner Sebastian und begrüßt eine Kundin. "Wir sind sehr zufrieden mit dem ersten Tag. Die Auslastung ist gut." Die Hälfte der Tische habe man aufgrund der geltenden Abstandsregel entfernen müssen. "Die Kunden zeigen unaufgefordert ihr Testergebnis, ihre Impfbestätigung oder den Nachweis, dass sie bereits Corona hatten", sagt er. Auch die Registrierung sein kein Problem. Auf den Tischen kleben QR-Codes. Das Bistro nutzt das Onlinetool der WKW.

Das will auch das Café Zuckergoscherl am Rochusmarkt tun. "Leider hat uns die Wirtschaftskammer noch keine Zugangsdaten geschickt", sagt der Geschäftsführer, Stephan Blaschko, hinter der roten FFP2-Maske. Also werden derweil noch Zettel ausgefüllt. "Natürlich tragen wir die Auflagen der Bundesregierung mit. Eine frühere Öffnung hätten wir uns trotzdem gewünscht", sagt er. Ein bisschen hätte er sich vor der Öffnung wie ein Kind vor Weihnachten gefühlt. "Nur leider wurde Weihnachten dreimal verschoben." Trotz wolkenverhangenem Himmel sitzen Menschen im Schanigarten. Ein Mann mit Schnauzbart isst eine Schnittlauchsemmel. Das Zigarettenpackerl liegt vor ihm auf den Tisch. Blaschko konnte auch im Lockdown alle Mitarbeiter halten. "Niemand im Betrieb wurde in Kurzarbeit geschickt", sagt er. Dafür müsse der Motor jetzt aber anspringen. "Bis jetzt läuft es ganz gut. Am Morgen kommen immer viele ältere Herrschaften, sie sind alle schon geimpft und zeigen stolz ihren Nachweis. Für den Abend haben wir viele Reservierungen."

"Die Getränkelager sind voll"

Auch im altehrwürdigen Café Prückel auf der anderen Seite des Rings ist der Chef zufrieden. "Wir haben für heute 60 Reservierungen. Das ist fast doppelt so viel, wie an einem normalen Mittwoch", sagt er. "Aber es war klar, dass der Tag der Öffnung ein guter wird, die Frage ist, ob die Tendenz auch langfristig so anhält. Und natürlich fehlen uns die Touristen." Eine Dame nippt an einer Melange. Drei Tische weiter liest ein Herr Zeitung. Nach der Glastür beim Eingang werden alle Gäste sofort nach ihrem Test- oder Impfnachweis gefragt. Zeigen sie ihn vor, wird ihnen ein Platz zugewiesen. Selbsttests bietet auch das Prückel keine. Das Onlinetool der Wirtschaftskammer wird aber genutzt. Die Betriebe selbst können in die Daten ihrer Kundschaft nicht einsehen. Sollte es zu einem Corona-Fall kommen, kann sie die Behörde prüfen.

Simon Moser findet die Initiative der Wirtschaftskammer grundsätzlich gut. Er betreibt das Café Trabant am anderen Ende der Stadt - in der Währinger Dittesgasse. "Nur leider war die Zeit etwas knapp. Das Tool wurde erst vor zwei Tagen fertig", sagt er. In seiner gemütlichen Bar bietet er Flammkuchen. In Hipster-Kreisen ist es für seine breite Palette an Getränken bekannt. Um 16:00 Uhr wird er heute nach mehr als sechs Monaten den Schlüssel der Eingangstür umdrehen. "Wir haben für heute Abend viele Reservierungen. Wir mussten unsere Sitzplätz-Kapazitäten auch kaum reduzieren, da die Tische ohnehin locker verteilt sind." Im Schanigarten stehen Plexiglasscheiben zwischen den Sitzgruppen. Auch hier schreibt der Gesetzgeber strenge Regeln vor - also mindestens zwei Meter Abstand zwischen den Tischen oder eine bauliche Trennung. Moser hofft weiter auf regen Andrang. "Die Getränkelager sind voll."