Eine Kaffeemaschine zischt. Musik klingt leise im Hintergrund. Thomas steht vor der Bar des Cafés Balthasar in der Praterstraße in der Leopoldstadt und beobachtet andächtig jenen Moment, in dem der Kaffee langsam in die Tasse fließt. Seit einem Jahr arbeite er regelmäßig im Homeoffice - doch der heutige Arbeitstag beginne für ihn anders. "Ich zelebriere den ersten Kaffee in einem Café", sagt er bestimmt, nimmt den Cappuccino in die Hand und jongliert ihn vorsichtig zu einem freien Tisch am Fenster. Thomas ist einer von vielen, die im Lockdown oft von Zuhause aus arbeiten mussten. Daher kostet er die neue Freiheit vollends aus - und das gleich in der Früh, wie der Mittdreißiger betont. Bereits beim ersten Schluck beginnen seine Augen zu strahlen. "Ja, so komme ich wieder auf den Geschmack."

Klein, aber fein

Weitere Gäste strömen ins Balthasar, zeigen den Mitarbeitern ihren Impfpass oder einen Test. Thomas beeindruckt das alles nicht. Er trinkt weiter seinen Cappuccino. Vollmundig soll Kaffee seiner Meinung nach schmecken - Säure, Süße und Aromen darin perfekt miteinander harmonieren, findet er. Er sei ein leidenschaftlicher Genusstrinker. Mit Billigkaffee fange er nur wenig an. Dieser komme bei ihm auch daheim nicht in die Tasse. Die Bohnen für seine Maschine daheim wähle er gezielt aus und greift daher zum Angebot kleinerer Röstereien, die seiner Meinung nach hervorragenden Kaffee nach seinem Geschmack rösten.

Bohne ist nicht gleich Bohne: Je detaillierter die Angaben auf der Verpackung, umso wahrscheinlicher ist es, dass auch guter Kaffee drin ist, erklärt der Kaffeeröster Boris Ortner. - © C. Erben
Bohne ist nicht gleich Bohne: Je detaillierter die Angaben auf der Verpackung, umso wahrscheinlicher ist es, dass auch guter Kaffee drin ist, erklärt der Kaffeeröster Boris Ortner. - © C. Erben

Eine davon ist etwa jene von Boris Ortner in Wien, der seit Jahren auf der Simmeringer Heide hochwertigen Kaffee verarbeitet und in seinem kleinen Café in der Josefstadt ausschenkt. Damit beliefert er aber auch einige Cafés in der Bundeshauptstadt und in der Umgebung. Wie andere Spezialitätenröstereien verzeichnete auch er während des Lockdowns weniger Bestellungen von der Gastronomie. Die Shop-Bestellungen legten erfreulicherweise zu. "Im Onlineshop habe ich keine Vergleichswerte zu 2019, da wir den erst 2020 gestartet haben", erzählt er. "Aber die Verkäufe sind im Laufe des Jahres deutlich gestiegen und bleiben auch heuer konstant."

Genuss hoch im Kurs

Lange musste man warten, um in Wien wieder einen Kaffee im Café trinken zu können. Am Konsum hat der Lockdown aber nichts geändert. - © Nicky Webb
Lange musste man warten, um in Wien wieder einen Kaffee im Café trinken zu können. Am Konsum hat der Lockdown aber nichts geändert. - © Nicky Webb

Mehr als 137 Liter oder 6,1 Kilo Kaffee pro Kopf trinken Herr und Frau Österreicher jedes Jahr. Das besagen die Daten des Weltatlasses (www.worldatlas.com). Umgelegt entspricht das rund 2,2 Tassen pro Tag. Damit zählen wir zu den Top-Konsumenten im Kaffeetrinken und halten weltweit den zwölften Rang - weit vor den Deutschen, die nur auf rund 5,5 Kilo Jahresverbrauch kommen, und sogar noch vor den Italienern. Allein um rund zwölf Prozent ist der Kaffeekonsum in den vergangenen Jahren gestiegen, heißt es vom Österreichischen Kaffee- und Teeverband, einem selbständigen Verein zur Interessenvertretung der österreichischen Kaffee- und Teewirtschaft. "Die Kaffeequalität muss hoch sein, ob bei der Zubereitung in den eigenen vier Wänden oder außer Haus", erklärt dazu dessen Präsident Harald J. Mayer. Seit Jahren beobachtet der Verband, dass sich der Konsument verstärkt mit dem Produkt Kaffee auseinandersetze und das Bewusstsein für und das Wissen über Kaffee wachse. Auch mit dem Genussmoment beschäftigen sich österreichische Kaffeetrinker heutzutage mehr denn je.

Für Kaffeeröster Boris Ortner spielt die Herkunft des Rohkaffees eine entscheidende Rolle, um eine hohe Qualität zu erreichen. Er arbeitet daher mit Importeuren zusammen, von denen er weiß, wo die Bohnen wachsen und wie viel sie den Produzenten dafür zahlen. Zufallsprodukt sei Kaffee keiner. Denn es hänge immer von der Ernte ab. Mischungen gleichen die Unterschiede aus. Hochwertiger Kaffee aus Arabica-Bohnen unterstütze im Gegensatz zum Robusta nicht nur das Herz-Kreislaufsystem, sondern wirke auch gegen Diabetes, sagt er. Auch soll er wesentlich zum Wohlbefinden beitragen.

80 Punkte und kein Zufall

Gute Qualität erkennt der Röster an den Bohnen. Doch wie kann der Konsument die Spreu vom Weizen trennen, wollen wir von ihm wissen? "Am Röstdatum, das auf jeder Packung stehen soll", verrät Boris Ortner ein Merkmal, das gleich entdeckt werden will. "Aber auch Herkunftsland und die Region verraten viel über die Qualität der Bohnen." Umso detaillierter die Angaben darauf sind - umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Kaffee gut sei, erklärt der 38-Jährige.

"Wir rösten ausschließlich Speciality Coffees. Das sind Rohkaffees, die auf einer internationalen Bewertungsskala, mit einem Maximum von 100 erreichbaren Punkten, zumindest 80 Punkte erzielen." Pur oder in Kapseln Der traditionelle Röstkaffee dominiert mit über 50 Prozent den Markt in Österreich, gefolgt von Espresso- und Cremaröstungen, die rund ein Drittel ausmachen. Kaffee in Einzelportionen wie Kapseln und Pads kommen auf rund 15 Prozent Marktanteil.

Allein im Vorjahr wurden mehr Kaffeemaschinen im Fachhandel verkauft, heißt es vom Kaffee- und Teehandelsverband, der diese Entwicklung auf den gestiegenen Kaffeekonsum in den eigenen vier Wänden zurückführt. Vollautomaten sowie elektrische Espressomaschinen, die zusammen fast die Hälfte des Marktes vertreten sind, konnten ihre Vormachtstellung halten. Gefragt seien nach wie vor Kapselmaschinen, wobei der Konsument vermehrt nach kompostierbaren beziehungsweise recycelbaren Kapseln nachfrage.

Gewohntes und Vertrautes

Der Kaffeekonsum habe sich im Corona-Krisenjahr nicht verändert, obwohl die Gastronomie geschlossen war, heißt es vom Kaffee- und Teehandelsverband. Kaffee sei nach wie vor gefragt und werde immer und überall getrunken und genossen - auch zu Hause. Das beliebte Heißgetränk habe sozusagen "eine gewisse Krisenfestigkeit" in unsicheren und bewegenden Zeiten bewiesen. Auch repräsentiere es Gewohntes und Vertrautes, ist der Verband überzeugt. "Kaffee ist ein wichtiges Ritual in unserem Tagesablauf - auch wenn dieser unter anderen Vorzeichen steht."

Die Corona-Pandemie habe Thomas Kaffeegewohnheiten hingegen nicht verändert. Nach wie vor trinke er vier Tassen Kaffee am Tag. Manchmal sind es aber auch mehr. Je nachdem wo, erzählt er und blickt tief in das vor ihm stehende Gefäß. In einem Café wie diesem sei die Stimmung jedenfalls eine ganz andere als daheim im 22. oder gar im Büro im zehnten Bezirk. Es liege für ihn noch dazu auf halbem Weg und biete sich ab sofort wieder für einen Zwischenstopp am Abend oder in der Früh an. Auch der Kaffee schmecke um ein Vielfaches besser - das liege aber nicht nur an den Bohnen, sondern auch an der Gemeinschaft - und meint damit die anderen Gäste, die sich mittlerweile rund um die weiteren Tische verteilen. "Ja, diesen besonderen Tag feiere ich mit anderen", schmunzelt er, steht auf und bestellt eine Melange an der Bar. "Und das nächste Mal bin ich nicht allein. Auch meine Freunde nehme wieder mit."