Es ist erstaunlich, wie schnell sich der Mensch gewöhnt. An pausenloses Händewaschen. An die Ghetto-Faust. An die Absenz der Oma. An einen Himmel ohne Kondensstreifen. An die Masken in den Gesichtern.

War es zu Beginn der Pandemie noch befremdlich, Menschen mit Masken im Supermarkt zu sehen, ist es nur ein Jahr später befremdlich, Menschen ohne Maske im Wirtshaus zu sehen. Fast wie früher sitzen sie am Stammtisch. Eine Kellnerin im Dirndl balanciert gekonnt ein Tablett voller klirrender Bierkrüge. Ein Kollege folgt ihr mit Schnitzel, so groß, dass sie über den Tellerrand hängen. Der Leberknödel in der Suppenschüssel könnte ein Handball sein. Aus den Boxen säuselt seichte Popmusik. Es riecht nach Bratfett. Es rennt der Schmäh. Und über allem wacht ein ausgestopftes Eichhörnchen. Wirtshaus eben. Am Mittwoch vergangener Woche wieder aufgesperrt - nach über sechs Monaten Zwangspause.

Wie sehr haben wir es vermisst, in diesen verlorenen Monaten der sozialen Distanz, in der durstigen Zeit, als der nächste Zapfhahn so weit weg schien wie die Entspannung auf der Intensivstation. Nun können wir das Wirtshaus wieder haben. Für einen verschwindenden Preis. Einmal in der Nase bohren lassen - schon öffnet sich das Tor ins Paradies.

Die österreichische Bundesverwaltung hat eine Verordnung verabschiedet. Gäste von Wirts- und Kaffeehäusern, Beisln und Lokalen müssen den Nachweis eines negativen Corona-Tests, einer Impfung oder einer überstandenen Corona-Infektion vorweisen, um Gaststätten betreten zu dürfen. Die kampagnenerprobte Regierung - man erinnert sich an den Babyelefanten - hat ihr einen kampagnentauglichen Namen gegeben: "Drei-G-Regel" - getestet, geimpft und genesen also. Wirte müssen die Nachweise kontrollieren. Tun sie es nicht, können sie gestraft werden, genauso wie der säumige Gast. Von dem müssen außerdem die Kontaktdaten erhoben werden, um die Infektionskette im Falle einer Ansteckung durchbrechen zu können. Maske abseits des Tisches tragen. Abstand halten. Das war es. Die Palette an Verhaltensregeln ist überschaubar. Zumindest auf dem Papier.

Verschwörungen im Beisl

Die Praxis gestaltet sich naturgemäß schwieriger. Die Erleichterung über die Wiedergeburt des Wirtshauses überlagerte die Zweifel an der Durchführbarkeit der Verordnung. Das Murren war verhalten. Man gewöhnt sich eben. Vereinzelt beschwerten sich Gastronomen, keine Polizisten zu sein. Im Großen und Ganzen war der Wirt aber zufrieden. Doch mit den Infektionszahlen droht auch die Disziplin zu fallen. Es ist nur zu menschlich. Verschwindet die Krankheit von den Titelseiten der Zeitungen, verschwindet sie auch aus dem Bewusstsein. Zwischen Gläser spülen, Bestellung aufnehmen, Eiernockerl servieren, fällt schon einmal eine Kontrolle unter den Tisch. Das Datum der Testbestätigung ist abgelaufen, der Spritzer aber schon ausgeschenkt. Man will kein Pedant sein. Immerhin ist das ein Gasthaus und kein Gefängnis. Der Sommer 2020 hat gezeigt, wie gefährlich Corona-Schludrigkeit sein kann. Die Infektionslage mag sich zunehmend beruhigen, vorbei ist die Pandemie noch lange nicht.

An der Existenz dieser Pandemie wird in einem kleinen Lokal in einem zentralen Wiener Bezirk gezweifelt. Obwohl es das Wort Café im Namen trägt, ist es ein Beisl. Herbert sitzt vor der ausladenden Fensterscheibe und schaut auf die Gasse. Regentropfen schlagen gegen das Glas. Eine dicke Wolkendecke hängt seit Tagen über der Stadt. Die Straßenbahn biegt quietschend um die Ecke. Kellnerin Claudia stellt einen Wein auf den Bierdeckel am Tisch. "Ich bin froh, endlich wieder hier zu sein", sagt Herbert und nimmt einen Schluck. "Das hier ist mein zweites Wohnzimmer. Der Kurz (Ann.: Bundeskanzler Sebastian Kurz, ÖVP) und seine Buberl haben mir mein Zuhause weggenommen. Das Virus bringt niemanden um. Was die Medien schreiben, ist alles gelogen." Herbert erntet zustimmendes Nicken von seinen Freunden am Nebentisch. Sie wittern eine Verschwörung. Pharmafirmen hätten die ganze Sache aufgebauscht, um mit ihren Impfstoffen Milliarden zu verdienen. Covid-19 sei eine Erkältung wie jede andere auch. Hat es schon immer gegeben. Wird es immer geben.

Getestet sind Herbert und seine Kumpane trotzdem. Die FFP2-Masken tragen sie griffbereit über dem Oberarm. "Sicher halte ich mich an die Vorschriften, ich will ja keine Brösel. Aber impfen lasse ich mich sicher nicht", sagt er. Claudia nimmt die Pandemie ernster als ihre Gäste. Jeden fragt sie nach dem Test-Nachweis. Manche schickt sie weg, auch langjährige Stammgäste. "Am Anfang war es schon ein komisches Gefühl, meine Gäste kontrollieren zu müssen. Ich kenne viele schon seit Jahren, manche sind meine Freunde. Und jetzt muss ich sie überprüfen und schimpfen, wie Kinder, die ihre Hausübung nicht gemacht haben."

Über Herberts Ansichten schüttelt sie den Kopf. "Meine Mutter ist 85 Jahre alt. Ich will nicht, dass sie krank wird." Dafür nehme sie den Mehraufwand, den die Corona-Verordnung bedeutet, gerne in Kauf. Auf einem Bierzettel-Block notiert sie Name, Adresse, Datum und Uhrzeit der Besuche ihrer Kundschaft. Ringförmig zeichnet sich der nasse Abdruck eines Weinglases auf dem dünnen Papier ab.

Claudia und Herbert stehen sich in ihrer Meinung diametral gegenüber. Hier die Wirtin, die verantwortungsvoll mit der Infektionsgefahr umgehen. Dort ihr Gast, der sie kleinredet. Der Riss zwischen den Ansichten könnte nicht tiefer sein. Er läuft entlang der Budel. Er läuft aber auch durch die Schlafzimmer und Büros des Landes. Das Coronavirus hat die Gesellschaft gespalten. Freundschaften und Familien sind daran zerbrochen.

Testverweigerer im FPÖ-Lager

Der Konflikt gefährdet auch die Teststrategie der Bundesregierung. Das ausgerufene Ziel des Gesundheitsministeriums ist ambitioniert. Ein Gros der Bevölkerung soll zweimal pro Woche einen Corona-Test machen. Das Angebot an Gratistests wurde dafür Anfang des Jahres breit ausgerollt. Laut erhobenen Daten des "Austria Corona Panel" der Uni Wien liegt es jedoch in weiter Ferne. "Wir sind nicht annähernd in der Gegend", wo der ambitionierte Plan auch aufgehe, sagte der Soziologe und "Corona-Panel"-Projektleiter Bernhard Kittel bei einer Onlinevortragsreihe des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) mit dem Titel "Wien erforscht Corona". Knapp ein Viertel der österreichischen Bevölkerung ist im April kein einziges Mal testen gegangen.

Es sind Menschen wie Herbert. Die Erhebungen des "Corona Panel" zeigen, dass sich Anhänger von Verschwörungstheorien und Menschen, die meinen, die Regierung übertreibe mit den Maßnahmen, nicht oder kaum testen. Dasselbe gilt für Wähler der FPÖ. Keine Unterschiede gibt es bei den Geschlechtern. Auch Migrationshintergrund und Wohnort spielen hinsichtlich des Testverhaltens keine Rolle. Umgekehrt lassen sich Menschen öfter testen, wenn sie von der Wirkung der Corona-Maßnahmen überzeugt sind. Sie haben einen tendenziell höheren Bildungsstand und sind jünger.

Doch die Verlockungen des Beisls haben auch Herbert in die Teststraße getrieben. Könnte die Corona-Verordnung für Gastronomiebetriebe, Frisöre, Theater und Kinos die Test-Rate in die Höhe treiben? Kittel ist skeptisch. Mit Zwang sei Österreich in der Pandemiebekämpfung bisher schlecht gefahren. Vorgeschriebene Eintrittstests würden Ausweichstrategien wie den Hausbesuch des Frisörs ohne Test attraktiver machen. Oder eben die Party in der Garage.

Auch die Regierungsspitze inszeniert sich medienwirksam im Gasthaus. Dort wird ihre Corona-Politik kontrovers diskutiert. - © apa / Fohringer
Auch die Regierungsspitze inszeniert sich medienwirksam im Gasthaus. Dort wird ihre Corona-Politik kontrovers diskutiert. - © apa / Fohringer

Partys können mittlerweile auch wieder offiziell gefeiert werden - unter den Auflagen der Regierung versteht sich und bis maximal 22.00 Uhr. Auch in einer schicken Bar mit nobler Wiener Adresse gibt es wieder Cocktails und Avocadotoast. Sie könnte auch in SoHo im New Yorker Bezirk Manhattan liegen. Designermöbel raffiniert mit Selbstgebautem und Vintagestücken kombiniert erzeugen ein Flair irgendwo zwischen Wohnzimmer und Möbellager. Aus Europaletten sprießen exotische Pflanzen. Vor der Tür lehnen Rennräder. Hinter der Tür fragt niemand nach dem Test-Nachweis. Eine Frau Mitte 20 bleibt pflichtbewusst an der Schwelle stehen. Sie winkt mit ihrem Telefon. "Passt schon", ruft ihr ein Kellner hinter der Ausschank entgegen und steckt einen Strohhalm in den Ribiselsaft.

Auch im japanischen Restaurant ein paar Straßen weiter interessiert sich niemand für Nachweise oder Kontaktdaten. Nur missmutig fällt der Blick des Kellners auf den aufgedrängten Zettel unter seiner Nase.

Exakt eine Woche nach der Öffnung der rund 9.000 Wiener Gastronomiebetriebe am 19. Mai zogen Polizei und das Büro für Sofortmaßnahmen der Stadt Wien erste Bilanz. Gemeinsam kontrollieren sie die Einhaltung der Corona-Verordnung. Sie fiel erstaunlich positiv aus. Das Büro für Sofortmaßnamen war in 500 Lokalen und stellte 150 Übertretungen fest. Die meisten Gastronomen und ihre Gäste würden sich an die Vorgaben halten. In einigen wenigen Betrieben gab es viele Beanstandungen, vor allem wegen überfüllter Lokale am vergangenen Wochenende. In einem viel zu kleinen Lokal in der Wiener Innenstadt befanden sich etwa 180 Personen. Auch fehlende Masken und zu geringer Abstand wurden immer wieder bemängelt.

Riss am Stammtisch

Die Polizei kontrollierte 1.400 Lokale und stellte 73 Anzeigen aus. Nach über einem Jahr Erfahrung setze sie auf "Dialog statt Strafe" - einer Aufklärung der aktuellen Bestimmungen also.

Unter den Glasaugen des Eichhörnchens muss niemand beanstandet werden. Brav ziehen sich die Menschen eine Maske über, wenn sie aufs Klo oder vor die Tür eine Zigarette rauchen gehen. Sogar der Salzstreuer wird regelmäßig desinfiziert. Sonst erinnert kaum etwas an die Pandemie, die seit Monaten über den Erdball fegt. Nur am Stammtisch ist sie weiterhin Thema. Auch über ihn läuft der Riss. Verharmloser der Krankheit sitzen Befürwortern der Maßnahmen gegenüber. Und natürlich wird auch hier gestritten. Die Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln hätte längst fallen müssen, finden die einen. Für Vorsicht über den Sommer, plädieren die anderen. "Die Alten sind eh alle geimpft. Und die, die nicht wollen, sind selber schuld", sagt eine Frau. "Mir rennt immer die Brille an. Aber der Kurz (Ann.: Bundeskanzler Sebastian Kurz, ÖVP) geht ohne Maske ins Schweizerhaus." Bevor der Disput eskaliert, verliert sich die Runde lieber in einer Debatte über die Chancen Dominic Thiems bei den diesjährigen French Open.

Endlich gibt es wieder ein Forum, um über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu diskutieren. Das Wirtshaus ist mehr als Essen und Trinken. Hier findet Öffentlichkeit statt. Hier prallen Meinungen aufeinander. Hier wird gestritten. Hier werden Witze erzählt. "Das Plaudern und Diskutieren mit meinen Freundinnen ist mir schon sehr abgegangen", sagt Maria. "Und mir das Fassbier", wirft ihr Mann Kasimir ein. An das Dosenbier daheim wird er sich nie gewöhnen.