Symbolträchtig hatte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) den Ort für das kameragerechte Ende des letzten Corona-Lockdown gewählt: Er und seine öffentlichkeitsbewussten Berater bestimmten den Wiener Prater und dessen legendäres "Schweizerhaus" als Schauplatz des gemeinsamen Auftritts mit dem grünen Vizekanzler Werner Kogler. Der ausgesuchte Raum als Botschaft an die ins Freie und die Gastlokale strömende Bevölkerung war ideal gewählt.

Im Prater blühen wieder die Bäume, Wirtshäuser und Fahrgeschäfte haben wieder geöffnet. Sogar eigene Testvorkehrungen setzen dem gewohnten Prater-Vergnügen kaum Grenzen. Als hätte Komponist Robert Stolz (1880 bis 1975) das von Kurt Robitschek (1890-1950) vor 105 Jahren getextete, berühmte Wienerlied für den Neu-Auftakt 2021 geschaffen: "Trees are blooming in Vienna" machten die Praterbäume selbst englischsprachig weltberühmt. Mehr als 2.000 davon säumen allein die Hauptallee. Fast 2,3 Millionen Quadratmeter beträgt die gesamte Waldfläche des Erholungsgebietes. Im Jahr 1403 wird in einer Urkunde die grüne Lunge Wiens als "Pratter" erstmals erwähnt. "Pratrum" lautet das lateinische Wort für Wiese oder Weide. Das frühere kaiserliche Jagdgebiet öffnete der aufgeklärte Kaiser Joseph II., der von 1765 bis 1790 regierte, für das gemeine Volk. Seither haben es die Wienerinnen und Wiener ganz in ihren Besitz genommen.

Neben der Erholungsfunktion bot der Prater immer wieder den Ort markanter Ereignisse historischer Dimension. Etwa die Weltausstellung 1873 mit der Errichtung der 1937 abgebrannten Rotunde. Sie verfügte seinerzeit über die größte Kuppel der Welt.

1875 wurde einer der ersten Themenparks "Venedig in Wien" aus dem Praterboden gestampft, Er versetzte die Reichshauptstadt in vollkommenes venezianische Fieber. Dem folgten bis heute im Prater Messeveranstaltungen aller Art mit verschiedenem Erfolg.

Seit 1897 prangt das über 400 Tonnen schwere Riesenrad als Wiener Wahrzeichen am Eingang zum "Wurstelprater". Die größte je in Wien abgehaltene Sportveranstaltung bildete die 1931 abgehaltene "Arbeiterolympiade" im Praterstadion. Dieser Prestigebau des "Roten Wien" sollte später als Ort großer Siege, aber auch bitterer Niederlagen des österreichischen und internationalen Fußballs dienen.

Im Stadion sprang Österreichs Ausnahmeathletin Ilona Gusenbauer 1971 mit 1,92 Meter auch ihren Hochsprungweltrekord. Die Sportstätte wurde später zum noch heutigen "Ernst-Happel-Stadion" umbenannt.

Im Prater hatte aber auch der jüdische Fußballklub Hakoah seinen von den Nazis enteigneten Fußballplatz. Der Verein, dem auch Friedrich Torberg angehörte, wurde 1925 Österreichs Fußballmeister. Erst 2008 erhielt Wiens jüdischer Sportklub wieder seinen Platz im Prater zurück.

Der jährliche Wien-Marathon ist ebenfalls vom Prater geprägt. Am 12. Oktober 2019 lief hier der Kenianer Eliud Kipchoge als erster Mensch die Marathon-Distanz in einer Zeit unter zwei Stunden.

Viele dieser wunderbaren Pratergeschichtchen hat der Wiener Autor Jürgen Heimlich in einem kleinen Bändchen in Postkartengröße ("Geschichten vom Wiener Prater" story.one ISBN 978-3-99087-853-8) zusammengetragen. In Blitzlichtperspektive von maximal zweieinhalb Seiten hat Autor Heimlich mit 17 Kurzanekdoten eine heimlich-berührende Liebeserklärung an Wiens grüne Lunge, den Prater, verfasst.