Junge Wiener haben an ihrer Lebenssituation grundsätzlich wenig auszusetzen, werden aber immer unzufriedener. In einer Studie der Arbeiterkammer (AK) gaben 88 Prozent der jungen Wienerinnen und Wiener an, gerne oder sehr gerne in Wien zu wohnen. Aber ein Viertel der Stadtmenschen erklärte, mit der Lebenssituation nicht zufrieden zu sein - eine Zunahme von zehn Prozent im Vergleich zu den vorigen Jahrgängen. An Corona liegt das nicht, da die Daten aus der Zeit vor der Pandemie stammen. Diese wird Menschen unter 30 noch zusätzlich belasten, wird befürchtet.

"Wir beobachten, dass junge Menschen mit ihrer Lebenssituation insgesamt unzufriedener sind als noch vor ein paar Jahren", sagte Sina Moussa-Lipp von der AK Wien. Vor allem die Arbeit und das Wohnen macht mehr Jugendlichen zu schaffen.

Fast die Hälfte der jungen Generation mit eigenem Haushalt lebt in privater Hauptmiete. Dieser Anteil hat seit 2013 um sechs Prozentpunkte zugenommen. In Gemeindewohnungen leben nach dem Auszug aus dem Elternhaus lediglich 16 Prozent. Die Zufriedenheit mit der Wohnsituation ist mit zwei Drittel laut Studie zwar hoch, hat aber kontinuierlich abgenommen. Nach Ansicht der AK werden Folgen der verstärkten Spekulation aufgrund der Niedrigzinspolitik sichtbar. Inzwischen machen Wohnkosten rund 30 Prozent des Haushaltseinkommens aus - 2013 waren es noch 25 Prozent. Befristungen haben seit 2008 deutlich zugenommen. Zudem leben 47 Prozent der jungen Menschen mit eigenem Haushalt in befristeten Wohnungen.

Mit ihrer Arbeitssituation sind wiederum 73 Prozent der Jugendlichen zufrieden, jedoch sank diese Zufriedenheit seit 2013 um acht Prozentpunkte. Rund ein Viertel der jungen Wiener beurteilt die eigene Arbeitssituation als nicht sehr gut. Nur 59 Prozent sind mit ihrem Einkommen zufrieden, aber auch die Zustimmung zu Betriebsklima, Identifikation mit der Arbeit und Wochenarbeitszeit ging deutlich zurück, hieß es.

Junge sind unzufrieden
mit ihrem Einkommen

Die Unzufriedenheit mit dem Einkommen wird laut AK auch in der Beurteilung des Haushaltseinkommens deutlich. Die Angabe, dass man mit diesem auskommt, ist seit 2008 um 11 Prozentpunkte auf 74 Prozent gesunken. "Finanzielle Probleme wirken sich vielfältig aus, unter anderem wird zum Beispiel die Gründung eines eigenen Haushaltes erschwert. Besonders bei jungen Haushalten mit Kindern hat sich die finanzielle Situation infolge der Wirtschaftskrise 2008 kontinuierlich verschlechtert", beklagt die AK.

Besser beurteilt wird das Mobilitätsangebot, hier ist die Zufriedenheit gestiegen. Die höchste Bewertung erhielt der öffentliche Verkehr. 89 Prozent finden ihn gut oder sehr gut. Tatsächlich nutzen ihn auch fast drei Viertel der Befragten für die täglichen Wege. Der Anteil des Fahrrads am "jungen" Modal Split hat sich demnach auf sechs Prozent verdoppelt. 41 Prozent wünschen sich jedoch einen Ausbau der Radinfrastruktur.

Corona hat die Situation in manchen Bereichen jedenfalls verschärft, hieß es. Laut AK erschweren die wirtschaftlichen Folgen, Konkurrenzdruck und Arbeitsplatzmangel den Übergang von der Ausbildung zum Beruf. Auch die eingeschränkten Möglichkeiten, gleichaltrige Menschen zu treffen, haben sich laut der Studie ausgewirkt.

"Der Rückzug ins Private und der Verlust von zentralen Identifikationsangeboten wie Sport- und Musikveranstaltungen bergen das Risiko von Vereinsamung," warnte Malena Haas von der AK-Wien: "Daher ist es von großer Bedeutung, dass öffentliche, konsumfreie Freiräume für junge Menschen erhalten bleiben und neue Angebote für soziale Teilhabe geschaffen sowie Angebote zur Partizipation in der Stadt gestärkt werden."

Die Studie wurde vom Sora-Institut im Auftrag der AK durchgeführt und hat sich mit der Lebenslage der Stadtbewohner im Alter von 15 bis 30 Jahren auseinandergesetzt. Die Erhebung umfasst die Situation von mehr als 2.000 Menschen. Um auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie im Jahr 2020 zu untersuchen, wurden zusätzlich Experten-Interviews durchgeführt, hieß es am Mittwoch in einer Pressekonferenz.