Rund 15 Prozent der Österreicher konsumieren Alkohol in einem problematischen Ausmaß, davon sind fünf Prozent alkoholkrank. Die Coronavirus-Pandemie hat die Situation verschärft, berichtete der Wiener Sucht-und Drogenkoordinator Ewald Lochner. Er rechnet mit einem großen Mehrbedarf an Therapieplätzen.

Die Alkoholproblematik hat sich in den Lockdowns laut Experten noch weiter verschärft. - © apa / Georg Hochmuth
Die Alkoholproblematik hat sich in den Lockdowns laut Experten noch weiter verschärft. - © apa / Georg Hochmuth

Es gibt noch keine konkreten statistischen Daten für Österreich zu den Folgen der Coronavirus-Pandemie auf den Alkoholkonsum. Doch aus Studien sei bereits jetzt herauslesbar, dass sich die Problematik vor allem während der Lockdowns verschärft hat, so Lochner. Menschen haben mehr getrunken, und die Situation bei jenen, die bereits vor Corona in dieser Hinsicht Probleme hatte oder gefährdet waren, habe sich verschlechtert. Letztere Gruppe würde schon jetzt vermehrt Therapieangebote in Anspruch nehmen, sagte Lochner.

Grenze: Drei Krügerl pro Tag

Als Grenzen für einen problematischen Alkoholkonsum gelten bei Männern ein dreiviertel Liter Wein oder drei Krügerl Bier täglich, bei Frauen ein halber Liter Wein oder zwei Krügerl Bier. Für Lochner ist klar, dass mehr Menschen als vor Corona Hilfe brauchen werden und in den nächsten Jahren mehr Therapieplätze notwendig sein werden: "Wir gehen wirklich davon aus, dass es sowohl im Bereich der Sozialpsychiatrie als auch im Bereich der Sucht zu einer Steigerung der Leistungsnachfrage für Behandlungen in den nächsten Jahren von mindestens zehn bis 15 Prozent gibt", prognostizierte Lochner. Seine Abteilung ist mit der Umsetzung der strategischen und operativen Ziele der Wiener Sucht- und Drogenpolitik betraut.

Wien setzt bei alkoholkranken Menschen auf das kostenlose Behandlungskonzept "Alkohol. Leben können". Dieses existiert seit 2014 und kommt in mehreren Einrichtungen zur Anwendung. Dazu zählen das Anton Proksch Institut und die Vereine Grüner Kreis, p.a.s.s., Schweizer Haus Hadersdorf und Dialog.

17,5 Monate Behandlung

Dabei geht es um eine umfassende, zwischen einzelnen Trägern verzahnte Versorgung Alkoholkranker - wobei die Stadt, Krankenkasse und Pensionsversicherungsanstalt gemeinsam die Initiative tragen und sich die Kosten teilen. Ein derartiges Modell wird auch von den Drogen- und Suchtkoordinatoren der anderen Bundesländer für ihre Regionen gefordert. Bis Ende 2021 ist das Wiener Programm finanziell gesichert, derzeit laufen die Verhandlungen für die folgenden Jahre.

Seit 2014 wurde durch "Alkohol. Leben können" rund 8.000 Personen, davon 68 Prozent Männer, 32 Prozent Frauen, geholfen. Der Altersschnitt der Betreuten beträgt 47 Jahre, die jüngste Person war 17 Jahre alt, die älteste 81 Jahre alt. Pro Jahr können 2.000 Personen in das Programm neu aufgenommen werden, die durchschnittliche Behandlungsdauer liegt bei 17,5 Monaten.

Eine externe begleitende Evaluierung durch das Institut für Höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2020 ergab, dass bei rund 60 Prozent der Klienten eine positive Veränderung im Konsumverhalten eingetreten war.